Londons Bürgermeister Boris Johnson Ein Clown will hoch hinaus

Mit slapstickreifen Einlagen mischt er die britische Politik auf - und dank der Olympischen Spiele steht er nun vollends im Mittelpunkt. Londons Bürgermeister Boris Johnson wird zu einer echten Gefahr für Premierminister David Cameron.
Londons Bürgermeister Boris Johnson: Ein Clown will hoch hinaus

Londons Bürgermeister Boris Johnson: Ein Clown will hoch hinaus

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Der Stunt erinnerte ein bisschen an James Bond. Mit einem Union Jack in jeder Hand sauste Londons Bürgermeister Boris Johnson an einer Seilbahn hängend durch einen Park neben dem Olympiagelände. Trotz seines unmodischen Sicherheitshelms konnte er sich einige Momente lang wie 007 fühlen - bis er plötzlich mitten in der Luft hängen blieb. "Holt eine Leiter! Holt ein Seil!", rief Johnson den unter ihm Stehenden zu. Die holten jedoch erstmal begeistert ihre Handys hervor und knipsten den minutenlang am Himmel zappelnden Bürgermeister.

Es war eine typische Boris-Aktion - scheinbar spontan und herrlich komisch. Bester Slapstick, so wie man ihn von dem Altphilologen im Rathaus eben gewohnt ist. Auf Twitter wurde die unfreiwillige Einlage vom Mittwoch umgehend zum Hit. Ein Foto-Blog namens Dangleboris  hängte den Bürgermeister in Internet-Fotomontagen gleich an mehreren Sehenswürdigkeiten auf - darunter auch am Zeiger von Big Ben.

Kundige Beobachter waren sich schnell einig: Was andere Politiker den Ruf kosten würde, führt im Fall Johnson nur zu einem weiteren Popularitätsschub. Der Seilbahn-Unfall, prognostizierte die "Financial Times", werde Johnsons Image als "Westminsters liebenswertester Clown" zementieren.

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Boris Johnson: Oberster Cheerleader der Nation

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Blackberry-Fotos beim Beachvolleyball

Der 48-jährige Tory wird in diesen Tagen als der wahre Olympiasieger gefeiert. In Umfragen liegt er als beliebtester Konservativer weit vor Premierminister David Cameron, eine Mehrheit will ihn als Nachfolger des Regierungschefs. Johnson hat solche Ambitionen bisher weit von sich gewiesen, doch die Olympischen Spiele haben die Debatte neu entfacht.

Als Gastgeber nutzt Johnson die Spiele schamlos zur Selbstvermarktung. Kein Tag vergeht, an dem sein blonder Wuschelkopf nicht in Presse und Fernsehen auftaucht. Mal geht er mit der Queen durch den Olympiapark, mal macht er es sich vor laufenden Kameras auf einem Athletenbett im Olympischen Dorf gemütlich. Diese Woche wurde er dabei fotografiert, wie er beim Beachvolleyball mit seinem Blackberry das Geschehen festhielt.

Und wenn die Bilder mal nicht so originell sind, sorgt er mit seinen Sprüchen für Schlagzeilen. Die "halbnackten Frauen" beim Beachvolleyball glänzten im Regen "wie nasse Fischotter", schrieb er in seiner jüngsten Zeitungskolumne.

Längst ist der Bürgermeister auch bei den Zehntausenden internationalen Journalisten ein Star, die gerade in der Hauptstadt weilen. Sein Bekanntheitsgrad im Ausland steigt rasant, der adelige Exzentriker gilt als echtes britisches Unikum. Der wachsende Ruhm wird im Parlamentsviertel Westminster aufmerksam verfolgt - und als weiteres Indiz für Johnsons Ambitionen auf die Downing Street gewertet.

Cheerleader der Nation

Während die britischen Medien sich in den Wochen vor den Spielen über jede kleinste Panne aufregten, spielte Johnson den obersten Cheerleader der Nation. Als in den ersten Wettkampftagen die Medaillen für das britische Team auf sich warten ließen, erklärte er lässig, man wolle eben nicht vorpreschen, das sei eine Frage britischer Höflichkeit. Und als US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney vergangene Woche die Begeisterungsfähigkeit der Londoner in Frage stellte, konterte Johnson in aller Öffentlichkeit. "Ein Typ namens Mitt Romney fragt sich, ob wir bereit seien", röhrte er in die Menge. "Sind wir bereit? Wir sind bereit."

Er sieht es als eine seiner Hauptaufgaben an, gute Laune zu verbreiten. Und es gelingt ihm. Selbst Labour-Anhänger, die sonst die Tories nicht ausstehen können, lassen sich von Johnsons Lausbuben-Charme und Schlagfertigkeit einnehmen. Die Fähigkeit, Menschen unterschiedlichster Couleur zu begeistern, hat ihm bei der Bürgermeisterwahl im Frühjahr eine zweite Amtszeit eingebracht. Und sie macht ihn nun zum gefährlichsten Rivalen von David Cameron.

Denn der Regierungschef durchläuft gerade eine Schwächephase. Das Land ist wieder in die Rezession gerutscht, und der Sparkurs der liberalkonservativen Koalition steht immer stärker in der Kritik. So verfahren ist die Lage, dass bereits über eine Entlassung des Finanzministers George Osborne im Herbst gemunkelt wird.

"Plötzlicher Ausbruch an Boris-Mania"

Vor diesem Hintergrund wird der Polit-Clown Johnson plötzlich zur Projektionsfläche konservativer Sehnsüchte. Zwar würde er wohl auch keinen anderen Kurs als Cameron fahren, aber so genau wird bei einem Hoffnungsträger nicht hingesehen. Als Medien-Darling werden ihm Dinge nachgesehen, die sich kein anderer Politiker erlauben darf. Ungestraft kann Johnson die Londoner Banker verteidigen und sogar den geächteten Medienunternehmer Rupert Murdoch am Freitag mit zu den Olympischen Spielen nehmen.

Johnson nutze Olympia als Startrampe für seine Kandidatur für den Parteivorsitz, warnt der "Daily Telegraph". Das Cameron-treue Blatt registriert bei konservativen Parteispendern einen "plötzlichen Ausbruch an Boris-Mania".

Auch die Opposition merkt auf. Er habe Johnson nie sonderlich ernst genommen, schreibt Tony Blairs früherer Spin-Doktor Alastair Campbell im "Guardian". Aber im Moment setze er die Schwerkraft außer Kraft. Cameron habe eine lange Liste mit Problemen - "Boris Johnson ist ohne Zweifel eins davon."

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