Loya Jirga in Afghanistan Wegen Tumulten vertagt

Die Loya Jirga in Afghanistan hat ihre Beratungen wegen Tumulten unterbrechen müssen. Auf der Tagesordnung standen die Wahlmodalitäten für ein Übergangsparlament. Sprachprobleme führten dazu, dass Verschwörungstheorien aufkamen.


Kabul - Der Vorsitzende der Großen Ratsversammlung, Ismail Kasim Jar, verordnete den Delegierten eine Denkpause bis Montag, um sich zu beruhigen. Schon zuvor hatten langwierige Diskussionen den Zeitplan der Versammlung durcheinander gebracht.

Die mehr als rund 1600 Delegierten sollten am Sonntag eigentlich entscheiden, nach welchen Kriterien die Abgeordneten des Übergangsparlaments ausgewählt werden: entweder zwei Vertreter pro Provinz oder einer für je zehn Loya-Jirga-Gesandte. Kasim Jar forderte die Delegierten auf Dari, einer der beiden Hauptsprachen in Afghanistan, zur Abstimmung auf, was jedoch viele der anwesenden Paschtunen nicht verstanden. Sie reagierten verwirrt und empört, als die anderen Delegierten sich erhoben und einige versuchten, auf dem Podium das Wort zu ergreifen. "Das sieht aus, wie eine Verschwörung gegen die Paschtunen", sagte Hadschi Gharoti, ein Delegierter aus der Provinz Paktika. Kasim Jar unterbrach daraufhin die Versammlung.

Bereits am Samstag beschloss das Organisationskomitee, die Loya Jirga um einen Tag bis Montag zu verlängern. Innenminister Junus Kanuni mahnte, die vielen Redner sollten nicht vom Thema abschweifen und von gegenseitigen Beleidigungen absehen.

Die Beratungen hatten wegen eines Streits über die künftige Rolle von Exkönig Mohammed Zahir Schah schon mit eintägiger Verspätung begonnen. Die Mitglieder der Großen Ratsversammlung stehen vor der Aufgabe, eine Übergangsregierung für die nächsten 18 Monate zu bilden. Abgesehen von der Wahl des bisherigen Interimsregierungschefs Hamid Karsai zum Präsidenten wurden aber bis Sonntag keine konkreten Entscheidungen getroffen.

Serie von Übergriffen gegen internationale Helfer

Nach Gewalttaten in der vergangenen Woche hat eine amerikanische Hilfsorganisation ihre Arbeit in Afghanistan bereits abgebrochen, wie Uno-Sprecher Manoel de Almeida e Silva am Samstag sagte. Weitere könnten folgen. Der Uno-Sondergesandte Lakhdar Brahimi habe deswegen Beschwerde bei Karsai eingereicht.

Drei Vorfälle kurz hintereinander waren nach Angaben der Uno für die Rückzugsdrohung ausschlaggebend: Eine Mitarbeiterin einer internationalen Hilfsorganisation wurde demnach im Norden des Landes von sieben Männern vergewaltigt, ihr afghanischer Begleiter verprügelt. In einer Klinik in der Provinz Balch, die nun eine Schließung in Betracht zieht, schossen bewaffnete Männer um sich. Bei einer Nahrungsmittellieferung, ebenfalls in Balch, wurde das Personal einer amerikanischen Hilfsorganisation angegriffen, die daraufhin das Land verließ. Die Organisation erwäge, ihr gesamtes Programm abzubrechen, sagte Almeida.



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