Streit über türkische Luftabwehr Erdogans Raketenpoker

Zwei Jahre lang hat der türkische Präsident Erdogan den Kauf eines russischen Raketensystems vorangetrieben. Doch jetzt versucht Washington, Moskau auf den letzten Metern noch auszustechen.

Türkischer Präsident Erdogan, Militärs (Archiv)
REUTERS

Türkischer Präsident Erdogan, Militärs (Archiv)

Von


Topbeamte der türkischen Regierung üben in diesen Tagen die diplomatische Kunst, zwei streitenden Seiten in einem Konflikt stets genau das zu sagen, was diese gern hören wollen. Die Konfliktparteien in diesem Falle sind Russland und die USA, und zwischen beiden steht in diesem Fall Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident, der die Luftabwehrstreitkräfte seines Landes aufrüsten will.

Das Problem: Das zukünftige Herzstück der türkischen Luftverteidigung wollen beide Seiten gern liefern. Die USA haben kurz vor Weihnachten lang gehegte Widerstände gegen den Verkauf ihres "Patriot"-Raketensystems an die Türkei überraschend aufgegeben. Die Russen wiederum können bereits einen 2017 unterzeichneten Vertrag vorweisen über Bau und Lieferung einer ihrer S-400-Batterien. Die Produktion ist auch schon angelaufen.

Diese Konstellation sorgt für Nervosität in Washington und Moskau. Die Regierung in Ankara versucht, die Sorgen wie folgt zu entkräften: Öffentlich gibt die Regierung zu Protokoll, man werde beide Systeme kaufen. In Gesprächen mit den Amerikanern wiederum sollen türkische Beamte angeboten haben, US-Experten die Gelegenheit zu geben, das russische Waffensystem genau studieren zu können, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf zwei namentlich nicht genannte Insider berichtet.

Die Türkei und die USA entfremden sich

Diese Nachricht hat in Moskau für Unruhe gesorgt, schließlich hat Russland das S-400-System vor allem dafür entwickelt, Marschflugkörper und Kampfflugzeuge der USA und von US-Verbündeten abzuschießen. Entwarnung kam Ende der Woche von einer staatlichen Nachrichtenagentur: "Die Türkei hat nicht die Absicht, das S-400 System von den Vereinigten Staaten untersuchen zu lassen", meldete die russische Tass, unter Verweis auf namentlich nicht genannte Beamte des türkischen Außenministeriums.

Der Vorgang ist bemerkenswert, weil die Türkei seit Jahrzehnten Mitglied der Nato ist und eigentlich lange ein enger Verbündeter der USA war. Die Risse in dieser Allianz werden allerdings seit 2016 immer deutlicher, seit dem gescheiterten Putschversuch türkischer Militärs. Teile der türkischen Führung beschuldigten sogar die CIA, mit den Putschisten paktiert zu haben. Kurz nach dem Putschversuch begann die Annäherung Erdogans an Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Inzwischen stimmen sich beide Staatschefs etwa bei ihrem Vorgehen im Syrienkrieg eng ab. Bereits Ende 2016 begannen auch die Verhandlungen über den Kauf der russischen S-400.

Das türkische Interesse an dem Waffensystem war womöglich auch Ausdruck einer tief sitzenden türkischen Frustration: Als Außenminister Mevlut Cavusoglu im November in Washington zu Gesprächen weilte, gab er zu Protokoll, seine Regierung habe sich ja über Jahre vergeblich um den Kauf westlicher Luftabwehrbatterien bemüht. Geliefert wurden diese allerdings nie, unter anderem wegen Sicherheitsbedenken der USA: Die Türkei hatte auch Zugang zu der den Systemen zugrunde liegenden Technologie gefordert. Stattdessen blieb das Land abhängig von westlichen Bündnispartnern: 2013 etwa stationierten die Niederlande, Deutschland und die USA Patriot-Systeme in der Türkei, um das Land vor Angriffen aus Syrien zu schützen.

Lohnender Poker für Erdogan?

Nach Abschluss des russisch-türkischen Raketen-Deals haben die USA unterschiedliche Varianten ausprobiert, Druck auf die Türkei auszuüben: Sie haben dem Land mit Sanktionen gedroht, falls die russischen Raketen tatsächlich von der türkischen Armee in Dienst gestellt werden sollten. Auch der Verkauf von 100 Kampfflugzeugen des Typs F-35 und die Beteiligung türkischer Zulieferer an der Produktion der Jets - ein 12-Milliarden-Dollar-Geschäft - wurden auf Eis gelegt. Offiziell mit der Begründung, eine S-400-Batterie in Besitz der Türkei könnte Daten über die Flugbewegungen der Jets sammeln - und unbemerkt an Russland weiterleiten. Gefruchtet hat dieser Druck wenig. Bereits im Oktober 2019 sollen die ersten Teile der S-400 aus Russland an die Türkei geliefert werden.

Mit dem US-Angebot, nun doch Patriot-Raketen zu verkaufen, hat sich die Lage allerdings verändert. Nach Ansicht von Timothy Ash, Analyst bei Blue Bay Assetmanagement, ist die Entwicklung schon jetzt ein "großer Gewinn für Erdogan". Die USA gewähren seinem Militär die lang ersehnte Technologie - und womöglich einen erheblichen Preisnachlass. Der Preis für das Patriot-Angebot der USA wird jedenfalls auf etwa 3,5 Milliarden Dollar geschätzt. Das ist zwar immer noch mehr, als die 2,5 Milliarden Dollar für den geplanten Kauf der S-400, aber auch deutlich weniger als die knapp fünf Milliarden Dollar, die Polen für seine Patriot-Batterie zahlen muss.

Sofern das Geschäft mit den USA konkret wird, könnte die Türkei im Prinzip auf die Raketen aus Russland verzichten. Ein Rückzug von dem geschlossenen Vertrag könnte allerdings teuer für Erdogan werden, weil Russland Kompensationszahlungen fordern würde. Experten halten es deshalb für möglich, dass Ankara in den kommenden Monaten noch häufiger durchblicken lassen könnte, die S-400-Batterie von den Amerikanern in Augenschein nehmen zu lassen - damit die Russen schlussendlich selbst von dem Geschäft zurücktreten, um ihre Technologie zu schützen.

Die konservative und dem Kreml nahestehende Moskauer Nachrichtenagentur IA Regnum treibt jedenfalls schon der Verdacht um, Russland könnte der Türkei lediglich dabei geholfen haben "einen Rabatt für die Patriots zu bekommen".



insgesamt 67 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
quark2@mailinator.com 29.12.2018
1.
Russland würde in jedem Fall nur die Exportversion der S-400 liefern. Das wurde immer so gehandhabt und entsprechend werden Untersuchungen nicht in der Lage sein, die vollen Fähigkeiten der russischen Version zu zeigen. Man darf auch vermuten, daß sowohl das russische als auch das amerikanische System nicht immer gegen Flugzeuge des Herstellerlandes funktionieren würden. Insofern wäre es sinnvoll, beide Systeme zu kaufen. Aber ich bezweifle, daß Patriot geliefert wird, wenn die Türkei die S-400 beschafft. So oder so, ein teurer Spaß.
Antalyaner 29.12.2018
2.
"Die Türkei hat nicht die Absicht, das S-400 System von den Vereinigten Staaten untersuchen zu lassen". Das ist korrekt, denn dies wird die Türkei SELBST tun ( übrigens genauso wie mit den Patriotsystem). Wer sich mit der Entwicklung der türkischen Rüstungsindustrie in den letzten Jahren ein wenig auseinander gesetzt hat, weiss wovon ich spreche.
GoaSkin 29.12.2018
3. Preispoker?
Die Türkei hat wirtschaftliche Probleme, eine starke Inflation und eine Regierung, die auf Pump zahlreiche Großprojekte umzusetzen versucht, um über die wirtschaftlichen Probleme hinwegzutäuschen. Da ist es fraglich, ob sich der Staat es sich überhaupt leisten kann, viele Milliarden in Luftabwehrraketen zu investieren. Ein möglicher Grund, dass man sowohl die USA als auch Russland derartig verunsichert, was den Kauf eines Raketensystems betrifft, könnte darin bestehen, dass man glaubt, beide Länder mit dieser Masche dazu nötigen zu können, der Türkei ein Raketenabwehrsystem völlig unter Wert anzubieten oder im Idealfall sogar zu verschenken.
browserhead 29.12.2018
4. Klare Verhältnisse schaffen
Trumps Rückzug aus Syrien war ein strategischer Fehler, der das ganze Engagement dort nachträglich ad absurdum geführt hat. Alle Verbündeten der USA im Nahen Osten werden sich für die Klarheit bedanken - und sich, wie die Kurden, nicht wieder auf die Amerikaner einlassen. Doch wäre es ein schwerer Fehler sich nun von Erdogan gegen Russland ausspielen zu lassen um die strategische Südost-Flanke zu sichern. Erdogan hat sich bereits mit dem S400-Deal als bündnistreuer Partner disqualifiziert. Die Nato sollte sich von dieser Türkei verabschieden, ehe sie noch per Bündnisfall in diese Schlangengrube gezogen wird. Ich finde Putin und Erdogan sollen sich hier ruhig eine blutige Schnauze holen. Das Problem ist nur, dass Erdogans Krämerseele Trump in nichts nachsteht und Letzterer wahrscheinlich nur an den nächsten Waffen-"Deal" denkt. Mal sehen, ob die Polen nun nachträglich auch einen Patriot-Rabatt fordern oder gleich mal bei Putin ein taktisches Angebot einholen.
tailspin 29.12.2018
5. Da haengt noch mehr dran
Wenn Erdogan das S 400 Abwehrraketensystem der Russen kauft, dann kann er auch nicht mehr die modernsten Stealth Jets der USA kaufen, die F22 und die F35. Er haette dann die Moeglichkeit das S400 System nach allen Regeln der Kunst auszutesten und zusammen mit den Russen zu optimieren, um die Stealth Jets auszutricksen. Das gleiche gilt fuer Indien, das sich kuerzlich fuer das S 400 System entschieden hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.