Luftangriff auf Taliban Nato geht von bis zu 78 Toten aus

Die Nato hat einen vorläufigen Bericht zu dem von der Bundeswehr angeordneten Luftschlag in Afghanistan erstellt: Demnach rechnet das Bündnis mit 70 bis 78 Toten - darunter seien mit "sehr hoher Wahrscheinlichkeit" auch Zivilisten. Das Verteidigungsministerium kommentierte den Bericht nicht.

dpa

Berlin - Die Zahlen weichen deutlich voneinander ab: Einem vorläufigen Nato-Bericht zufolge sind bei dem von der Bundeswehr angeordneten Luftschlag bei Kunduz 70 bis 78 Menschen getötet worden. Mit "sehr hoher Wahrscheinlichkeit" seien unter den Getöteten und Verletzten zahlreiche Zivilisten, heiße es in dem Bericht, der dem ZDF laut eigenen Angaben vorliegt. Dagegen ging die Bundeswehr bisher - unter Berufung auf den Gouverneur von Kundus - von 56 getöteten Aufständischen und 12 Verletzten aus.

Im Bundesverteidigungsministerium wollte man den Nato-Bericht nicht kommentieren. Es handele sich um ein vorläufiges Papier, sagte Sprecher Thomas Raabe am Montagabend. Der Bericht sei eine Grundlage für die formelle Untersuchung und für den Abschlussbericht. Wann dieser vorliegen werde, sei noch unklar.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) räumte in einem Interview mit dem ZDF-"heute-journal" anders als noch am Wochenende ein, dass auch Zivilisten unter den Opfern des Luftschlags sein könnten. "Wir sind an einer Aufklärung interessiert und wenn es dort entsprechende zivile Opfer gegeben hat, dann hat das selbstverständlich unser Mitgefühl und unsere Anteilnahme hervorzurufen", sagte Jung am Montagabend.

Der Verteidigungsminister hatte zuvor unter Berufung auf den Gouverneur von Kunduz wiederholt betont, die Opfer des Angriffs vom Freitag auf die von den Taliban gekaperten zwei Tankwagen seien nach bisherigen Erkenntnissen "ausschließlich terroristische Taliban". Es sei immer Ziel der Bundeswehr, zivile Opfer zu vermeiden, aber die entführten Tanklastwagen seien eine große Gefahr gewesen, verteidigte Jung im ZDF erneut den auf Anordnung der Bundeswehr von zwei US- Kampfjets durchgeführten Angriff.

Die Linke forderte die Entlassung von Jung. Er sei nach dem Nato-Luftschlag in Afghanistan politisch nicht mehr tragbar. Auch Politiker von SPD und Grünen halten das Krisenmanagement Jungs für inakzeptabel und fordern Konsequenzen. Sollte die Informationspolitik des Ministers Falsch- oder Fehlaussagen beinhalten, sei er "nicht mehr tragbar", sagte der Sprecher der SPD-Linken, Björn Böhning, "Handelsblatt.com".

Ähnlich äußerte sich Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck. Der Minister gebe bei dem gesamten Vorfall "ein desolates Bild" ab, sagte er dem Internetportal. Beck fügte hinzu: "Diese Soldaten haben einen solchen Verteidigungsminister nicht verdient."

Jung dagegen denkt nicht an Rücktritt: "Nein, das sehe ich nicht", sagte der CDU-Politiker am Montagabend in der ARD. "Ich sehe nur, dass wir einen klaren Auftrag zu erfüllen haben in Afghanistan." Es habe eine klare Bedrohungssituation gegeben, betonte der Minister.

Die Taliban hätten einen Anschlag vor den Bundestagswahlen angekündigt, sagte Jung. Deshalb glaube er, dass "diese Schutzmaßnahme im Interesse unserer Soldatinnen und Soldaten geboten gewesen" sei.

hen/ddp/AP

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Seite 1
Rainer Daeschler, 01.08.2009
1. Regierungshobby
Der Sinn, bzw. das Ziel, wird immer diffuser. An Afghanistan hat sich die Bundeswehr in Öffentlichkeits verträglicher Weise mit Hacke und Schaufel als Aufbauhelfer angeschlichen, um dann mit Schützenpanzer und Sturmgewehr gegen den mehrheitlichen Willen der Bundesbürger weiterzumachen. Inzwischen ist der Afghanistaneinsatz nur noch ein "Regierungshobby".
Hilfskraft 01.08.2009
2. Welchen Sinn hat der Einsatz in Afghanistan?
Zitat von sysopDie Kämpfe in Afghanistan weiten sich aus. Ein Fortschritt ist von außen schwer zu erkennen. Macht die Anwesenheit der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan noch Sinn? Diskutieren Sie mit!
Seit Anfang an absolut keinen Sinn. Genau genommen sind wir auf Dubbelju´s Geheiss dort als Besatzer einmarschiert und der ist nicht mehr. Resultat: Terrorwarnungen ohne Ende. Davor gab es das nicht. H.
Palmstroem, 01.08.2009
3. Krieg oder Frieden
Zitat von Rainer DaeschlerDer Sinn, bzw. das Ziel, wird immer diffuser. An Afghanistan hat sich die Bundeswehr in Öffentlichkeits verträglicher Weise mit Hacke und Schaufel als Aufbauhelfer angeschlichen, um dann mit Schützenpanzer und Sturmgewehr gegen den mehrheitlichen Willen der Bundesbürger weiterzumachen. Inzwischen ist der Afghanistaneinsatz nur noch ein "Regierungshobby".
Es fehlt dem Volk oft nur der Weitblick. In der Region IRAN, AFGHANISTAN, KAUKASUS, PAKISTAN, IRAK, SAUDI-ARABIEN wird über Krieg oder Frieden in den nächsten 50 Jahren eine Entscheidung fallen. Und sie wird auch uns betreffen, egal ob die Bundesbürger mehrheitlich dafür oder dagegen sind.
tom gardner 01.08.2009
4.
Zitat von HilfskraftSeit Anfang an absolut keinen Sinn. Genau genommen sind wir auf Dubbelju´s Geheiss dort als Besatzer einmarschiert und der ist nicht mehr. Resultat: Terrorwarnungen ohne Ende. Davor gab es das nicht. H.
aber etwas anderes gab es bis zum tag des anschlages, der als grund fuer den einsatz in afghanistan angegeben wird - eine enge mitarbeit des angeblichen terrorfuersten osama bin laden bei den geheimdiensten der usa: "Bombshell: Bin Laden worked for US till 9/11" (http://www.dailykos.com/story/2009/7/31/760117/-Bombshell:-Bin-Laden-worked-for-US-till-9-11)
gg art 5 01.08.2009
5.
Zitat von sysopDie Kämpfe in Afghanistan weiten sich aus. Ein Fortschritt ist von außen schwer zu erkennen. Macht die Anwesenheit der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan noch Sinn? Diskutieren Sie mit!
Ich stimme mit der Mehrheit überein. Überhaupt keinen Sinn. Die hier tun mir nicht Leid, denn die wollten dahin: http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_4533334,00.html Hingegen diese hier ja, denn sie haben unter der Besatzung nur zu leiden, aber wen in der Westlichen Welt interessiert´s schon? http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_4532869,00.html?maca=de-de_na-2225-xml-atom Und wie in jedem Krieg, werden die Opfer die durch den eigenen Einsatzt produziert werden bestimmt heruntergespielt. Ist nun mal so mit der Kriegspropaganda.
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