Luftangriffe im Libanon Israels Armee spricht von neuer Eskalationsstufe

Bomben auf Beirut, Tyrus und Baalbek - Israel hat auf die jüngsten Raketenangriffe der Hisbollah, die mehr als ein Dutzend Todesopfer forderten, mit massiven Luftschlägen reagiert. Einem Zeitungsbericht zufolge plant die Armee die Bombardierung von "Symbolen der libanesischen Regierung".


Jerusalem - "Wir befinden uns nun in einem Prozess der erneuten Eskalation", zitierte die israelische Tageszeitung "Haaretz" in ihrer Online-Ausgabe einen ranghohen General der israelischen Armee. Seinen Angaben zufolge plant die Luftwaffe des jüdischen Staates als Antwort auf den gestrigen schweren Raketenbeschuss durch die schiitische Hisbollah-Miliz verstärkte Angriffe auf die zivile libanesische Infrastruktur.

"Wir werden weiterhin alles angreifen, was sich innerhalb der Hisbollah bewegt - aber wir werden auch strategische zivile Infrastruktur angreifen", sagte der namentlich nicht genannte General der Zeitung. Schon die bisherigen israelischen Angriffe haben zu schweren Schäden an Straßen und Brücken geführt. Damit soll nach offizieller Darstellung die Bewegungsmöglichkeit der Hisbollah eingeschränkt werden. Zudem plane das Militär auch Schläge gegen "Symbole der libanesischen Regierung", heißt es in dem Bericht weiter. Konkrete Beispiele nannte der General gegenüber "Haaretz" nicht.

Die Hisbollah hatte gestern erneut mehr als hundert Raketen auf den Norden Israels und gezielt auch auf Haifa, die drittgrößte Stadt des Landes, abgefeuert. In Haifa kamen dabei am Abend 3 Menschen ums Leben, etwa 120 wurden verletzt. Wie das israelische Fernsehen berichtete, wurden zwei Häuser in einem Wohnviertel getroffen.

Der Einschlag einer einzigen Rakete hatte zuvor im Ort Kfar Giladi zwölf Todesopfer gefordert. Zehn Menschen waren auf der Stelle tot, zwei erlagen später ihren Verletzungen. Bei den Opfern handelt es sich nach offiziellen Angaben um Reservisten. Sie hätten in Zelten vor dem Ortseingang campiert.

Als Reaktion fliegt die israelische Luftwaffe seit dem frühen Morgen wieder Angriffe auf den Süden Beiruts. Zeugen berichteten, binnen 20 Minuten seien sechs laute Explosionen in den als Hisbollah-Hochburgen geltenden südlichen Stadtteilen zu hören gewesen. In Fernsehbildern waren Rauchwolken über der Stadt zu sehen. Über mögliche Opfer wurde zunächst nichts bekannt. Eine israelische Militärsprecherin sagte, die Angriffe hätten sich gegen Stellungen der Schiiten-Miliz gerichtet. In der südlibanesischen Ortschaft Kana zerstörte die israelische Luftwaffe nach Militärangaben genau die Raketenwerfer, die für die jüngsten Hisbollah-Angriffe auf Haifa genutzt wurden.

In dem südlibanesischen Dorf Ghassanijeh starben nach Angaben von Rettungskräften sechs Zivilisten unter den Trümmern ihres bombardierten Hauses. Zwei weitere Mitglieder der Familie seien verletzt worden. Aus Angst vor weiteren Luftangriffen konnten die Retter zunächst nicht nach den Verschütteten suchen.

Nach Angaben der Polizei in Südlibanon bombardierte die Luftwaffe auch die Hafenstadt Tyrus. Die Armeesprecherin sagte, es seien dort acht Raketenabschussrampen zerstört worden. Wie es hieß, drangen auch Bodentruppen in das Gebiet um Tyrus vor, um sieben Abschussvorrichtungen für Langstreckenraketen zu zerstören. Dabei sei es zum Nahkampf mit der Hisbollah gekommen. Drei Milizionäre seien getötet worden, israelische Soldaten seien nicht zu Schaden gekommen.

Kampfflugzeuge drangen in der Nacht auch wieder bis ins Bekaa-Tal vor, rund hundert Kilometer nördlich der israelisch-libanesischen Grenze. Dort seien Zufahrtswege angegriffen worden, um Waffenlieferungen an die Hisbollah zu unterbinden.

Mindestens vier Explosionen wurden Augenzeugen zufolge nahe der historischen Stadt Baalbek vernommen, einer Hochburg der schiitischen Hisbollah. Außerdem wurde die 20 Kilometer weiter südlich gelegene Region Raschaja bombardiert. Diese bildet den Landkorridor vom Bekaa-Tal in den südlichen Libanon.

Die Armee-Sprecherin dementierte Berichte des Hisbollah-Fernsehsenders al-Manar, denen zufolge bei Kämpfen im Süden des Libanons, vier israelische Soldaten getötet wurden. Sie seien bei Kämpfen im Bereich der Ortschaft Khule nur leicht verletzt worden. Der Hisbollah-Sender hatte berichtet, Milizionäre hätten eine vorrückende israelische Einheit nahe der Ortschaft überfallen. Daraufhin sei es zu heftigen Gefechten gekommen, bei denen vier israelische Soldaten getötet worden seien. "Haaretz" berichtete von schweren Bodenkämpfen in der Region.

phw/AP/AFP/dpa/reuters

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