Luftangriffe in Libyen Nato prüft Bericht über zivile Opfer in Tripolis

Der Vatikan erhebt schwere Vorwürfe gegen die Alliierten: Bei Luftangriffen auf die libysche Hauptstadt Tripolis sind angeblich Dutzende Zivilisten ums Leben gekommen. Die Nato, die nun offiziell das Kommando hat, kann das bisher nicht bestätigen, prüft es aber mit Hochdruck.

REUTERS

Tripolis/Rom - Bei Luftangriffen der Alliierten auf die libysche Hauptstadt Tripolis sind nach Angaben des Vatikans mindestens 40 Zivilisten getötet worden. "Die sogenannten humanitären Angriffe haben Dutzende Zivilisten in einigen Vierteln von Tripolis getötet", sagte Giovanni Innocenzo Martinelli, der Apostolische Vikar von Tripolis, am Donnerstag der katholischen Nachrichtenagentur Fides. "Ich habe mehrere Augenzeugenberichte von vertrauenswürdigen Personen." Im Stadtviertel Buslim sei ein ziviles Gebäude nach der Bombardierung eingestürzt. 40 Menschen seien dabei ums Leben gekommen.

Vertreter libyscher Behörden haben ausländische Reporter an Orte gebracht, wo nach ihren Angaben die Folgen alliierter Angriffe auf Tripolis zu sehen waren. Schlüssige Beweise, dass es zivile Opfer gegeben hat, gab es aber nicht. Die Alliierten, die mit ihren Luftangriffen auf Stellungen des Militärs von Machthaber Muammar Gaddafi die Flugverbotszone über Libyen durchsetzen, haben erklärt, es gebe keine Beweise für zivile Opfer.

Ein Sprecher der Nato, die nun offiziell das Kommando über den Libyen-Einsatz übernommen hat, sagte, man überprüfe die Vorwürfe. "Wir haben noch keine Informationen, die das bestätigen würden", sagte der Sprecher. "Wir werden alle Hebel in Bewegung setzen, um herauszufinden, ob etwas Derartiges vorgefallen ist."

Rebellen kämpfen um Brega

Die libyschen Aufständischen - zuletzt auf dem Rückzug - sind militärisch weiter in einer schwierigen Lage. Am Donnerstag versuchten sie vergeblich, die Küstenstadt Brega einzunehmen, aus der sie am Vortag von den Regimetruppen vertrieben worden waren. Der Vorstoß mit mehreren Dutzend Fahrzeugen geriet in heftiges Artilleriefeuer der Gaddafi-Verbände und musste abgebrochen werden, berichtete ein BBC-Reporter aus dem Kampfgebiet.

Die Milizen der Regimegegner stünden nun unverändert etwa zehn Kilometer westlich der Stadt Adschdabija, sagte der Reporter. Der Ort liegt etwa 200 Kilometer von der ostlibyschen Rebellenhochburg Bengasi entfernt. Die Aufständischen sind militärisch schlecht ausgerüstet und verfügen nicht über ausreichend Kommunikationsmittel wie Funkgeräte. Über der Region um Brega sind nach Angaben von AFP-Korrespondenten Kampfflugzeuge im Einsatz. Mindestens fünf Bombenangriffe aus der Luft waren zu hören. Welche Ziele beschossen wurden, ist aber unklar.

Innerhalb der Nato ist umstritten, ob die Uno-Resolution auch - wie vor allem die USA meinen - eine militärische Unterstützung der Rebellen mit Waffenlieferungen einschließt. Sie erlaubt zum Schutz der Zivilbevölkerung "alle notwendigen Maßnahmen".

Oppositionelle erklärten, in der Oasen-Stadt Kufra im Süden Libyens seien etliche Offiziere der Chamis-Brigade zu den Aufständischen übergelaufen. Die Brigade, die zu den am besten ausgerüsteten Einheiten der libyschen Streitkräfte zählt, ist nach Chamis, einem Sohn von Staatschef Gaddafi, benannt. Chamis soll vor einigen Tagen getötet worden sein. Die Staatsführung bestreitet dies.

Mussa Kussa droht nach Flucht nach London Strafverfolgung

Der britische Geheimdienst befragt den libysche Außenminister Mussa Kussa, der sich am Vortag nach Großbritannien abgesetzt hat. Geheimdienstler erhoffen sich von dem bisherigen Vertrauten von Machthaber Muammar al-Gaddafi Insider-Informationen über die Lage in Libyen, wie die BBC berichtete. Kussa ist nach Angaben der britischen Regierung nicht vor einer strafrechtlichen Verfolgung gefeit. "Mussa Kussa wird keine Immunität vor der britischen oder der internationalen Justiz angeboten", sagte der britische Außenminister William Hague am Donnerstag in London. Kussa spreche derzeit "freiwillig" mit britischen Beamten.

Kussas Rücktritt zeige, dass die Führung um Gaddafi "gespalten ist, unter Druck steht und von innen zerbröckelt", sagte Hague. Es seien bereits viele aus dem Führungskreis um Gaddafi zur Opposition übergelaufen. "Gaddafi muss sich jetzt fragen, wer ihn als nächstes verlässt", sagte Hague.

Großbritannien hatte wiederholt gefordert, dass Gaddafi vor dem Internationalen Strafgerichtshof der Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemacht werden solle. Kussa war 15 Jahre lang Chef des libyschen Geheimdienstes, bevor er im März 2009 Außenminister seines Landes wurde. Er soll Gaddafi einst davon überzeugt haben, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben und sich dem Westen wieder anzunähern. Er steht aber auch im Verdacht, mitverantwortlich zu sein für den Bombenanschlag auf ein US-Flugzeug im Jahr 1988 über der schottischen Ortschaft Lockerbie, bei dem 270 Menschen getötet wurden.

ffr/Reuters/dpa/AFP

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tauschspiegel 31.03.2011
1. das ist doch lächerlich
Zitat von sysopDer Vatikan erhebt schwere Vorwürfe gegen Alliierten: Bei Luftangriffen auf die libysche Hauptstadt Tripolis sind angeblich Dutzende Zivilisten ums Leben gekommen. Die Nato, die nun offiziell das Kommando hat, kann das bisher nicht bestätigen, prüft es aber mit Hochdruck. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,754289,00.html
*** ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen dass irgendjemand der einigermaßen bei verstand ist und keine propagandafloskeln nötig hat, ernsthaft annehmen kann, es hätte bei der schwere dieser luftangriffe keine oder nur wenige zivile opfer gegeben. es ist schon seit wochen klar, dass der angriffskrieg die zivile bevölkerung nicht schützt. spätestens seit dem bombardement sirtes ist auch klar, dass dies nicht das primäre ziel der angreifer ist. was sich gegenwärtig in den medien abspielt ist lächerlich - ein großteil erscheint kritiklos eingespannt in einen offensichtlichen propagandakrieg (die lachnummer no fly zone etc.).
andreasneumann2 31.03.2011
2. Nato bombt für Menschenrechte?
Die Nato will die Bevölkerung in Libyen schützen? Das sei der Grund wieso sie Libyen bombardiert. Na wenigsten kann die Nato den Rest der Bevölkerung schützen, der die Nato-Bomben überlebt hat. Unglaublich wie wir von der Nato-Propaganda belogen und verarscht werden. Die erklären einen Erdöleroberungskrieg und eine Stammesauseinandersetzung zu einem Feldzug für Menschenrechte. Ich lasse mich ja gerne anlügen. Aber wenn dann bitte nicht auf so eine billigen Niveau. Da tut ja im Kopf weh, wenn Nato-Strategen meinen die Bevölkerung sei so blöde. Irgendwie erinnert mich das an die nichtvorhandenen Massenvernichtungswaffen im Irak. Wir sollten die verantwortlichen Nato-Generäle vor ein ordentliches Kriegsverbrechergericht stellen und auch die politisch Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen und hart bestrafen!
Erhan24 31.03.2011
3. Zivilistenopfer
Mein Beileid geht an die Opfer und Angehörigen der Luftangriffe. Leider kriegen wir kaum etwas davon mit.
idealist100 31.03.2011
4. Hallo
Zitat von sysopDer Vatikan erhebt schwere Vorwürfe gegen Alliierten: Bei Luftangriffen auf die libysche Hauptstadt Tripolis sind angeblich Dutzende Zivilisten ums Leben gekommen. Die Nato, die nun offiziell das Kommando hat, kann das bisher nicht bestätigen, prüft es aber mit Hochdruck. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,754289,00.html
Hallo Vatikan, das kann garnicht sein, die Zivilisten wurden vorher angerufen und waren gar nicht mehr in den Gebäuden. Ihr müsst euch irren. Der Westen hat noch hochpräzise Bomben, die können selbstständig unterscheiden wer Zivilist und Militär ist. Bei Zivilisten geht die Bombe nicht hoch sondern fliegt wieder zum Flieger zurück und klinkt sich wieder ein. Fragen sie den sarko oder Olama die kennen sich damit aus.
ostseestern 31.03.2011
5. nana
Na das kann doch gar nicht sein! Wie kommt der Vatikan darauf? Die Allierten sind doch zum Schutz der libyschen Bevölkerung geflogen! Nein, nein, die Häuser hat bestimmt Gaddafi selbst sprengen oder ein Flugzeug hineinfliegen lassen. Wie einfach das geht zeigen doch die Ereignisse um den 11.September 2001. Kollateralschaden, Herr Pfarrer!, auf dem Weg zur Reprivatisierung der Ölfelder.
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