Luftangriffe Israel attackiert Hamas-Ministerien

Das Außenministerium liegt in Schutt und Asche: Israel hat seine Luftangriffe gegen die Hamas im Gaza-Streifen fortgesetzt, mindestens zehn Menschen starben. Im Mittelmeer rammte ein israelisches Militärschiff ein Boot mit medizinischen Hilfsgütern für Gaza.


Tel Aviv/Gaza - Die Ziele waren erneut Ministerien der islamistischen Hamas und deren Ausbildungslager: Die israelische Luftwaffe hat in der Nacht ihre Luftangriffe auf den Gaza-Streifen fortgesetzt. In einer Live-Übertragung, die der US-Sender CNN am frühen Morgen aus der Stadt zeigte, waren schwere Explosionen zu sehen und zu hören.

Das Außenministerium wurde völlig zerstört. Auch das Verteidigungs- und das Finanzministerium sowie der Sitz des Regierungschefs wurden angegriffen.

Nach palästinensischen Angaben wurden zehn Menschen getötet, die Zahl der seit Beginn der Luftschläge getöteten Menschen betrug damit 360. Etwa 1700 Menschen seien seit Samstag verletzt worden.

Militante Palästinenser hätten auch in der Nacht mehrere Raketen in das israelische Grenzgebiet gefeuert, meldete der israelische Rundfunk. Dabei sei jedoch niemand verletzt worden.

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Am Montagabend waren bei den Raketenangriffen zwei Israelis getötet worden, in Ashdod eine Mutter von vier Kindern und in einer Militärstellung am Rande des Gaza-Streifens ein drusischer Soldat. Damit stieg die Zahl der israelischen Toten seit Beginn der Operation "Gegossenes Blei" auf vier.

Die Hafenstadt Ashdod liegt rund 37 Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt. Es ist das erste Mal, das in der 190.000-Einwohner-Stadt ein israelischer Staatsbürger durch palästinensischen Raketenbeschuss ums Leben kam.

Im israelischen Grenzgebiet zum Gaza-Streifen sollten wegen der Kämpfe am Dienstag die Schulen und Kindergärten geschlossen bleiben. Die Einwohner der Grenzorte wurden aufgerufen, nur dann zur Arbeit zu gehen, wenn dort Schutzräume verfügbar sind.

Zu einem Zwischenfall kam es im Mittelmeer: Ein Boot, mit dem ein Team von internationalen Friedensaktivisten medizinische Hilfsgüter in den Gaza-Streifen bringen wollte, ist am Dienstagmorgen von einem israelischen Patrouillenboot gerammt worden. Das Schiff habe versucht, die Blockade zum Gaza-Streifen zu durchbrechen, berichtete das israelische Militärradio. Das Schiff "Dignity" wurde demnach angewiesen, umzudrehen. Es wurden auch Warnschüsse abgegeben. Der Kapitän des 20 Meter langen Boots versuchte dennoch, an dem israelischen Schiff vorbeizumanövrieren. Bei dem Zusammenstoß wurde laut Militärradio niemand verletzt.

Das Boot der Friedensaktivisten wurde dabei den Angaben zufolge beschädigt. An den Aufbauten seien vor allem Glasscheiben zu Bruch gegangen, berichtete CNN-Reporter Karl Penhaul. Auch eine geringe Menge Wasser sei in das Boot eingedrungen. Allerdings sei der Zustand nicht bedrohlich.

Die "Dignity" wurde von der Free-Gaza-Bewegung gechartert. Die US-Menschenrechtsorganisation hat seit August bereits mindestens fünf Fahrten mit Hilfslieferungen organisiert, um die israelische Seeblockade des Gaza-Streifens symbolisch zu durchbrechen. Die israelische Marine hatte die Schiffe bislang passieren lassen.

Ägypten öffnete den Grenzübergang Rafah für palästinensische Verletzte und Hilfslieferungen in den Gaza-Streifen. Neun Verletzte aus dem Gaza-Streifen seien nach Ägypten gebracht worden, berichtete ein AFP-Reporter. Es war das erste Mal seit Beginn der israelischen Luftangriffe, dass verletzte Palästinenser über die Grenze nach Ägypten durften. Im Gegenzug setzten sich von Ägypten aus mehrere Lastwagen in Bewegung, die Medikamente und Hilfsgüter in den Gaza-Streifen brachten.

Bei einem Krisentreffen in Paris wollen die Außenminister der 27 EU-Staaten am Dienstag über die Lage im Nahen Osten beraten. Die französische EU-Ratspräsidentschaft berief die Sondersitzung am Montag kurzfristig ein, nachdem Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy telefonisch mit seinem ägyptischen Amtskollegen Husni Mubarak über die Situation gesprochen hatte.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier telefonierte am Abend mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Dabei seien sich beide einig gewesen, dass eine Lösung für die Probleme in der Region nur im Rahmen eines tragfähigen politischen Prozesses erreicht werden könne, teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit. Steinmeier habe deutlich gemacht, dass die islamistische Hamas endlich den Beschuss israelischer Orte einstellen und umgehend zur einseitig aufgekündigten Waffenruhe zurückkehren müsse.

Uno-Generalsekretär Ban Kii Moon forderte die arabische Welt zu entschlossenem Handeln auf. Er habe regionalen Führern in Gesprächen klar gemacht, dass sie "bisher nicht genug" getan hätten, sagte Ban in New York.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte
Die arabischen Außenminister müssten sich bei ihrer geplanten Sondersitzung entschieden für einen sofortigen Waffenstillstand im Gazastreifen einsetzen, verlangte er. Zugleich seien auch andere führende Weltpolitiker gefordert, ihre Bemühungen um eine längerfristige Lösung der Krise zu verstärken.

Nach Angaben der israelischen Botschafterin bei den Vereinten Nationen will die Regierung in Jerusalem die Angriffe im Gaza-Streifen so lange fortsetzen, bis die Hamas vollständig vernichtet ist. Die Offensive werde andauern, bis dieses Ziel erreicht sei, sagte Gabriela Schalew am Montag in New York. Die Regierung in Jerusalem sei angesichts der internationalen Kritik an den Angriffen zwar besorgt, "aber zuallererst haben wir das Recht, uns zu verteidigen", sagte die Uno-Botschafterin. "Das kommt noch vor dem Verständnis der internationalen Gemeinschaft, das wir hoffentlich bekommen."

Der Tod von Zivilpersonen sei bedauerlich, für das Blutvergießen sei aber die Hamas verantwortlich, erklärte Schalew. Die islamistische Organisation benutze Zivilpersonen als menschliche Schutzschilde. "Schuld ist nur die Hamas", sagte die Botschafterin. Eine Wiederaufnahme des in den vergangenen Monaten gültigen, aber brüchigen Waffenstillstandes komme für Israel nicht in Frage. Die Hamas müsse sich verpflichten, "keine Raketen mehr abzufeuern und nicht mehr auf israelische Bürger zu schießen".

hen/dpa/AFP/Reuters

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