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29. Dezember 2008, 19:54 Uhr

Luftschläge gegen Gaza

Israel will mit "Krieg ohne Gnade" Hamas stürzen

Die israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen haben offenbar nur ein Ziel: den Sturz der islamistischen Hamas. Vizeministerpräsident Ramon sagte, erst wenn es eine andere Regierung gebe, werde man die Militäraktionen beenden. Alle Einrichtungen der Organisation sollen zerstört werden.

Jerusalem/Tel Aviv - "Krieg ohne Gnade" nennt Israels Führung die Militäraktionen gegen den Gaza-Streifen. Dieser Krieg ist offenbar nur dadurch zu stoppen, dass die dort Regierenden abdanken: die islamistische Hamas. Dies sagte Israels Vizeregierungschef Chaim Ramon am Montag dem Fernsehsender "10". Ramon: "Das Ziel der Operation ist der Sturz der Hamas." Und: "Wir sind aufgeschlossen gegen jegliche andere Regierung, die den Platz der Hamas übernimmt."

Der israelische Vizegeneralstabschef Dan Harel kündigte seinerseits an, dass bei der Militäraktion alle Einrichtungen der Hamas im Gaza-Streifen zerstört werden sollen. "Nach Beendigung der Operation wird es nicht ein stehendes Haus der Hamas im Gaza-Streifen mehr geben." Ziel der israelischen Angriffe seien "nicht nur Terroristen oder Raketenwerfer, sondern die gesamte Hamas-Regierung". Zugleich machte Harel klar, dass ein Ende des Einsatzes nicht absehbar sei. "Wir stehen gerade am Anfang des Kampfes. Das Schlimmste kommt noch."

Seit Beginn der Angriffe am Samstagmorgen wurden nach palästinensischen Angaben mehr als 340 Menschen getötet. Laut Uno waren 60 Zivilisten unter den Todesopfern, darunter 21 Kinder. Im Süden Israels schlugen erneut rund 20 aus dem Gaza-Streifen abgefeuerte Raketen ein. Dabei wurden in Aschkelon laut Rettungskräften ein arabischer Arbeiter getötet und acht Menschen verletzt.

Nicht gegen Zivilisten, sondern gegen die Palästinenserorganisation führe Israel diesen Krieg, sagte Verteidigungsminister Ehud Barak am Montag in Jerusalem. "Wir haben nichts gegen die Bewohner des Gaza-Streifens, aber wir führen einen Krieg ohne Gnade gegen die Hamas und ihre Verbündeten", sagte Barak. Im Gegenteil zur Hamas bemühe sich Israel, zivile Opfer zu vermeiden. Wie ein AFP-Reporter berichtete, zog die Armee an der Grenze zum Gaza-Streifen weiter Truppen und Panzer zusammen. Das angrenzende Gebiet erklärte sie zur Sperrzone. Einem solchen Schritt war in der Vergangenheit vielfach eine Bodenoffensive gefolgt. Den Einsatz von Bodentruppen hatte Barak bereits am Sonntag angedroht.

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Die israelische Luftwaffe flog weitere Angriffe gegen Hamas-Standorte und zerstörte Augenzeugen zufolge unter anderem das Büro von Hamas-Regierungschef Ismail Hanija. In der Nacht hatte sie die Islamische Universität in Gaza beschossen; dort seien Raketen, Sprengstoff und elektronisches Gerät entwickelt worden, hieß es zur Begründung.

Hamas-Chef Chalid Maschaal erklärte sich zu einer neuen Waffenruhe bereit. Maschaal habe am Sonntagabend in einem Telefonat mit Senegals Staatschef Abdoulaye Wade einer Waffenruhe zugestimmt, wenn Israel ebenfalls dazu bereit sei und die Blockade des Gazastreifens aufhebe, hieß es. Allerdings wurde das von der Hamas später wieder eingeschränkt. Maschaal hatte am Samstag zu einer neuen Intifada und Selbstmordanschlägen gegen Israel aufgerufen. Dieser Forderung schloss sich Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah am Montag an.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas forderte die internationale Gemeinschaft auf, die Gewalt zu beenden, und kündigte Gespräche seiner Fatah mit der Hamas an. In Beirut, Kairo, Amman und in Teheran demonstrierten erneut Tausende gegen Israel. Auch in Athen und Stockholm gingen Demonstranten gegen die Militäroffensive auf die Straße.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) machte die Hamas für die Eskalation der Gewalt verantwortlich. Merkel und der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert hätten während eines Telefonats übereinstimmend festgestellt, dass die Verantwortung "eindeutig und ausschließlich bei der Hamas liegt", sagte Vizeregierungssprecher Thomas Steg in Berlin. Die Kanzlerin habe zudem unterstrichen, dass es das legitime Recht Israels sei, seine Bevölkerung zu schützen und sein Territorium zu verteidigen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sowie China und Japan forderten einen sofortigen Waffenstillstand. Die USA rief die Hamas auf, keine weiteren Raketen auf Israel abzufeuern. Uno-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay warf Israel "unverhältnismäßige Gewaltanwendung" vor.

flo/dpa/AFP

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