Lynchmord in Pakistan "Ist es das, was wir sind? Wilde?"

In der pakistanischen Stadt Sialkot hat ein wütender Mob zwei Jugendliche totgeschlagen, vermeintliche Diebe - die Polizei sah tatenlos zu. Der grausige Lynchmord hat nun eine wütende Debatte ausgelöst: Verrohen die Menschen in einem Land, das die Regierung nicht mehr im Griff hat?

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Berlin - Der Mann in Weiß ist besonders gnadenlos. Immer wieder schlägt er zu, mit einem langen Holzknüppel, die umstehenden Menschen treiben ihn an. Auf einer staubigen Straße von Sialkot im Nordosten Pakistans liegen zwei Brüder, 15 und 17 Jahre alt, sie rühren sich längst nicht mehr. Doch ihre Peiniger prügeln weiter. Kinder schauen zu, manche von ihnen nicht viel größer als die Mordwaffe, und auch ein Mann in Uniform steht tatenlos ganz vorne. Ein Polizist.

Hintergrund war ein bloßer Verdacht: Der Mob hatte die Jungen für Diebe gehalten - zu Unrecht, wie sich später herausstellen sollte. Doch das interessierte in der Menge offensichtlich niemanden. Die Brüder starben unter den erbarmungslosen Schlägen ihrer Peiniger. Die Leichen hängte der Mob an den Füßen auf. Zu Tode geprügelt und zur Schau gestellt.

Doch woher kommt der Hass? Diese kaum vorstellbare Wut, die exzessive Gewalt?

Darüber ist in Pakistan nun eine hitzige Debatte entbrannt. Die Menschen sind Anschläge, Verlust und Leid gewohnt, doch der Lynchmord von Sialkot hat eine neue Dimension. Polizisten, die einer solchen Tat zuschauen - das erschüttert die Grundfesten jeder Gesellschaft. "Ist es das, was wir sind? Wilde?" - schrieb die englischsprachige Zeitung "The News" in einem Leitartikel. Mehrere Fernsehkanäle zeigten die Tat, Zeugen hatten sie gefilmt. Wer sich das Video ansieht, vergisst es nicht.

Warum tut jemand so etwas? Die Bevölkerung verlangt eine Antwort - und fordert Konsequenzen für die Täter. Einige Menschen in Sialkot wissen sich ebenfalls wieder nur mit Gewalt zu helfen: Am Sonntag, eine Woche nach der Tat, stürmte eine wütende Menschenmenge das regionale Zentrum der Sicherheitskräfte, die den Doppelmord nicht hatten verhindern können. Die Protestierenden nahmen Angestellte als Geiseln, zerstörten Autos und verbrannten Möbel, wie die englischsprachige Tageszeitung "The Nation" berichtet. Erst nach eineinhalbstündigen Verhandlungen konnte die Polizei die Besetzung auflösen.

"Solche Zwischenfälle kann sich keine zivilisierte Gesellschaft leisten"

Die Regierung versucht sich in Diplomatie. Am Sonntag besuchte der pakistanische Innenminister Rehman Malik die Familie der ermordeten Brüder. Auch er ist erschüttert über den Mord in Sialkot. Die Sicherheitskräfte hätten, findet Malik, wenigstens in die Luft schießen sollen, um die Menge auseinanderzutreiben. Niemand dürfe zu Lynchjustiz greifen, sagte er: "Solche Zwischenfälle kann sich keine zivilisierte Gesellschaft leisten." Er rief die Bevölkerung auf, die Ermittlungen zu unterstützen. Mindestens zehn Verdächtige seien bereits festgenommen worden, darunter vier Polizisten.

Präsident Ali Zardari mühte sich ebenfalls, eine angemessene Reaktion zu zeigen. Er verdamme die Tat, sagte Zardari. "Solche Taten der Schande und Ehrlosigkeit dürfen nicht ungestraft bleiben", wurde er von einem Sprecher zitiert. Die Schuldigen müssten vor Gericht gestellt werden, um den Menschen den Glauben an eine zivilisierte Gesellschaft und eine verantwortungsvolle Regierung wiederzugeben.

Zumindest den Glauben an ihre Regierung haben viele Pakistaner offenbar bereits verloren. Die Stimmung im Land ist katastrophal. Die Regierung versagte bei der Bekämpfung der Flutkatastrophe, und nun gilt der Lynchmord von Sialkot als weiteres Symbol für die Missstände in Pakistan.

Vielfach wurde die Frage laut, ob die pakistanische Gesellschaft immer brutaler werde. Ob Versäumnisse der Regierung dafür verantwortlich seien. In den vergangenen zwei Jahren wurden mehrfach Polizisten und Soldaten bei Übergriffen auf Verdächtige gefilmt. 2008 hatten aufgebrachte Menschenmengen zwei angebliche Räuber in Karatschi verbrannt. Das Bild eines Mannes inmitten der Flammen war damals auf den Titelseiten der Zeitungen zu sehen.

Nun untersucht der Oberste Gerichtshof den Vorfall in Sialkot. Fest steht: Die beiden Teenager waren auf dem Weg zum Cricket. Sie hatten große Sporttaschen dabei - und genau das wurde ihnen dann wohl zum Verhängnis. Umstehende vermuteten in den geräumigen Taschen Diebesgut, das Unbekannte bei einem Raubüberfall kurz zuvor hatten mitgehen lassen. Was dann geschah, wie es zur Eskalation kam, wer die Jungs hätte retten können - diese Fragen müssen nun die Ermittler klären.

Ihre Arbeit hat gerade erst begonnen.

mit Material von AP



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