Machtdemonstration in Moskau Panzer-Protzparade auf dem Roten Platz

Das gab es seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr: Zu den Feiern des Sieges über Nazi-Deutschland ließ die russische Führung in Moskau ein martialisches Waffenarsenal auffahren. Die Russen finden die Protz-Show herrlich - in Osteuropa weckt sie alte Ängste, in Washington Hohn.


Moskau - Schon in den Tagen vor der Parade bot sich ein eigenartiges Bild in Moskau: Panzer rollten über die breite Straße, die zum Roten Platz führt, und über die Büros im Herzen der russischen Hauptstadt donnerten Kampfflugzeuge. Für westliche Beobachter wirkte die Szene anachronistisch. Wären da nicht Hunderte von Leuchtreklamen und Luxusboutiquen, hätte sie in der Sowjetunion des Jahres 1990 spielen können.

Damals fand die letzte Parade mit schwerer Kriegstechnik statt – vor 17 Jahren.

Damals war Moskau grau und die Sowjetunion bankrott.

Während der drei Generalproben für die Siegesparade jedoch reckten gut gekleidete Passanten die Hälse nach den T-90-Panzern, und in den Straßencafés blickten die Menschen erstaunt und manche auch ein wenig erschreckt zum Himmel, wenn ein Suchoi-Kampfjet in 400 Metern Höhe über ihre Köpfe hinwegröhrte.

Als dann am Freitagmorgen 8000 Soldaten und Offiziere in neuen, vom Stardesigner Walentin Judaschkin entworfenen Parade-Uniformen vor dem Kreml, der versammelten Staatselite und den letzten Weltkriegsveteranen vorbeimarschierten, wirkte es so, als würde Russland seine Zukunft in der Vergangenheit suchen. Europäische Diplomaten sprachen intern "von einem falschen Signal".

Wegen des Säbelrasselns auf dem Roten Platz braucht niemand in den westlichen Hauptstädten in Panik zu verfallen. Auch Frankreich zelebriert alljährlich zum Nationalfeiertag eine Militärparade mit Panzern auf den Champs Elysées und Kampfflugzeugen über dem Arc de Triomphe. Wahrscheinlich haben gerade Nationen, die auf der Weltbühne schon einmal eine größere Rolle als die derzeitige gespielt haben, das Bedürfnis, sich im Glanz von historischen Uniformen, Maschinengewehren und Dschingderassabum zu sonnen. Das lindert den Phantomschmerz über verlorene Territorien und verlorenen Einfluss.

Ob Russland sich außenpolitisch mit der Waffenschau einen Gefallen getan hat, wird es nach einer Weile selbst am besten beurteilen können. Das größte Problem des Landes ist nicht der Westen, sondern die Beziehung zu den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes in Osteuropa und zu den Staaten, die auf dem Gebiet der Sowjetunion nach deren Zerfall entstanden. Dort blockieren erst Polen und nun das kleine Litauen den Beginn der Verhandlungen zwischen Russland und der Europäischen Union (EU) über ein neues Partnerschaftsabkommen. Dort verzögert Georgien den längst überfälligen Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation (WTO). Und dort sorgen Paraden im Stil der einstigen kommunistischen Vormacht für Frösteln. Die alte Losung, wonach Russland nur geachtet wird, wenn es auch gefürchtet ist, taugt nicht als Zukunftsrezept. In Ländern wie Georgien stärkt das Moskauer Muskelspiel vermutlich eher den Drang, im westlichen Verteidigungsbündnis Schutz zu suchen, als dass es die Georgier davon abhält, den Nato-Beitritt zu suchen.

Bei der Mehrheit der Russen jedoch fand die Demonstration militärischer Stärke Beifall. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ziom finden es 70 Prozent für "sehr gut" oder "gut", dass nun auch wieder schweres Kriegsgerät zu sehen war. Nach dem wirtschaftlichen und sozialen Niedergang und nach dem außenpolitischen Demütigungen der neunziger Jahre, als Russland ohnmächtig zusehen musste, wie die Nato bis an seine Grenzen heranrückte, sonnt man sich nun in einem schönen Gefühl, das sich in den Worten zusammenfassen lässt: "Wir sind wieder wer."

Nur eine kleine Minderheit von liberalen Politikern und Bürgerrechtlern äußerte sich kritisch. Der Menschenrechtsaktivist Lew Ponomarjow stellte fest: "Für ein Land, das sich friedlich entwickeln will, ist das völlig überflüssig. Wem zeigen wir unsere Muskeln? Den Georgiern. Es ist auch so klar, dass unsere Armee der georgischen überlegen ist. Oder dem Westen? Wir sagen doch aber, dass wir zum Westen eine partnerschaftliche Beziehung aufbauen wollen."

Neue Uniformen, alte Waffen

Zum 63. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland gab es auf dem Roten Platz nicht nur neue Uniformen, sondern auch neu komponierte Märsche und einen neuen Präsidenten zu bestaunen. Dmitrij Medwedew, vor zwei Tagen erst ins Amt eingeführt, blickte schon recht staatsmännisch von der Tribüne. Alt allerdings waren die Waffensysteme, die vorgeführt wurden. Über Lautsprecher wurde das Raketenabwehrsystem S-300 als das "beste der Welt" angepriesen. Die SU-24 Jagdbomber allerdings, die über den Kreml flogen, sind vor mehr als dreißig Jahren in Dienst gestellt worden und auch die Strategischen Bomber Tu-160 waren bereits 1981 erstmals an die Streitkräfte ausgeliefert worden.

Von der Su-34, dem neuesten russischen Jagdbomber, wurden bisher nur wenige Exemplare an die Luftwaffe geliefert. Der Flugzeugexperte Ruslan Puchow beklagte: "Wir müssen konstatieren, dass viele Waffensysteme, die gezeigt wurden, häufiger ins Ausland verkauft werden, als dass unsere Armee damit ausgerüstet wird." Die angesehene Wirtschaftszeitung "Wedemosti" hatte die Parade deshalb in einer Überschrift hämisch als "Parade für den Export" bezeichnet.

Aus Washington war ein besonders höhnischer, aber nicht ganz unzutreffender Kommentar zu hören. Geoff Morrell, der Sprecher des amerikanischen Pentagon, hatte die Moskauer Waffenschau bereits im Vorfeld abgekanzelt: "Wenn die Russen ihre alten Waffen rausholen und testen wollen, können sie das gerne tun."



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