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18. Mai 2006, 07:35 Uhr

Machtkampf

Abbas alarmiert Sicherheitsdienste gegen Hamas

Der Machtkampf in den Palästinenser-Gebieten spitzt sich zu: Als Reaktion auf eine neue Sicherheitstruppe der Hamas-Regierung ließ Palästinenser-Präsident Abbas eigene Sicherheitskräfte in Städten des Gaza-Streifens Position beziehen.

Gaza - Die Entsendung der rivalisierenden Sicherheitsdienste verschärfte den innerpalästinensischen Machtkampf zwischen der radikal-islamischen Hamas-Regierung und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Abbas alarmierte gestern Abend die ihm unterstellten Sicherheitskräfte, nachdem zuvor im Gaza-Streifen eine neue Sicherheitstruppe der Hamas Stellung bezogen hatte. Ein ranghoher palästinensischer Funktionär sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Männer seien angehalten, für Ordnung zu sorgen und ausschließlich Abbas Anweisungen zu folgen. Hamas-Innenminister Said Siam hatte zuvor angekündigt, seine neue, 3000 Mann starke Sicherheitstruppe werde angesichts der Gesetzlosigkeit in den Straßen des Gaza-Streifens für Sicherheit sorgen.

Machtkampf im Gaza-Streifen: Präsident Abbas lässt eigene Sicherheitskräfte aufmarschieren
AFP

Machtkampf im Gaza-Streifen: Präsident Abbas lässt eigene Sicherheitskräfte aufmarschieren

"Präsident Abbas beorderte sämtliche Sicherheitsdienste umgehend in die palästinensischen Städte, um dort die Ordnung wieder herzustellen", sagte der Palästinenservertreter, der nicht namentlich genannt werden wollte. Hamas-Innenminister Siam wiederum erklärte, seine neue Freiwilligentruppe werde den Diebstählen, den Entführungen und den Morden in Gaza ein Ende setzen. Erst in der Nacht zu gestern waren zwei Hamas-Anhänger mutmaßlich in Auseinandersetzungen mit der von Abbas geführten Fatah-Bewegung getötet worden. Seit der Bildung der Hamas-Regierung im März kam es in den Palästinensergebieten immer wieder zu Kämpfen zwischen Anhängern der Hamas und den von der Fatah dominierten Sicherheitskräften.

Siam kritisierte die aktuelle Schwäche der Sicherheitskräfte. Die von ihm aufgestellte Truppe sei deshalb dringend notwendig. Sie sei Teil der Polizei, unterstünde allerdings direkt seinem Befehl, sagte Siam. Hunderte Angehörige der neuen Truppe bezogen am Mittwoch in schwarzen T-Shirts und Kampfhosen gekleidet und mit Kalaschnikows bewaffnet an Kreuzungen und großen Plätzen Stellung. Abbas, der eigentlich für die Sicherheit in den Autonomiegebieten zuständig ist, bezeichnete die neue Truppe als nicht verfassungsgemäß. Allerdings kündigte er an, die Männer zu tolerieren, solange sie die bestehenden Sicherheitsdienste unterstützen.

Gestern Abend trafen sich Vertreter der rivalisierenden Fraktionen von Fatah und Hamas, um unter ägyptischer Vermittlung über eine Beilegung des Konfliktes zu verhandeln. Führende Palästinenservertreter, darunter Abbas und Hamas-Ministerpräsident Ismail Hanija, hatten in den vergangenen Tagen immer wieder dazu aufgerufen, den internen Machtkampf nicht weiter eskalieren zu lassen.

phw/AFP/dpa

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