Machtkampf bei Frankreichs Sozialisten Ségolène und die Elefanten

Premiere in der Provinz: Die sozialistische Partei bat ihre sieben Spitzenbewerber für das Präsidentenamt zur ersten gemeinsamen Debatte nach Lens. Im Blickpunkt stand eine Frau, die sich allerdings erst gegen die Patriarchen durchsetzen muss.

Aus Lens berichtet


Gérard wusste es: Seit Wochen ist es ein mit Spannung erwarteter Termin, von den Kommentatoren angekündigt als die "große Debatte", die "Reifeprüfung", das "große Mündliche". Und so ist Gérard, ein Genosse aus Lens, auf die Premiere stolz: Zum ersten treten Mal treten hier alle "Präsidialen" der sozialistischen Partei zusammen auf – nicht weniger als sieben einander belauernde Kandidaten der sozialistischen Partei (PS).

Sozialistin Ségolène Royal: Angstgegnerin der männlichen Konkurrenz
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Sozialistin Ségolène Royal: Angstgegnerin der männlichen Konkurrenz

Seit Monaten arbeiten sie, mehr oder minder offen, aber mit verbissenem Ehrgeiz darauf hin, bei der Kandidaten-Kür im November die Zustimmung ihrer Partei für die Präsidentenwahlen im April 2007 zu erhalten: Beim gemeinsamen Einmarsch in die funktionelle Sporthalle "Pierre de Courbertin" jovial lächelnde Genossen – in Wahrheit aber eher einander in Feindschaft verbundene Parteifreunde.

Die Stimmung knistert in dem Bau, wo sonst Basketball-Teams oder Handballer antreten. Mehr als 2000 Genossen wollen sich die hochkarätig besetzte Premiere nicht entgehen lassen. Der zweitstärkste Regionalverband der PS – 14.800 Mitglieder, 150 Bürgermeister, 12 Abgeordnete in Paris – steht traditionell links – für die Partei die richtige Plattform für den ersten öffentlichen Schlagabtausch.

Für die Kandidaten ist es zugleich der Härtetest der politischen Standortbestimmung und der Kampf um die Gunst der Parteibasis, denn spätestens bis zum 3. Oktober müssen die angereisten Partei-Promis ihre offizielle Bewerbung am Pariser Parteisitz einreichen. Gut zwei Wochen später werden – vergleichbar den amerikanischen "Primaries" - mehr als 170.000 PS-Mitglieder durch Partei-interne Abstimmung über die Wahl ihres Spitzenvertreters entscheiden.

Einzig Royal traut man zu, gegen Sarkozy anzutreten

Die Sitzverteilung in der ersten Reihe der schlichten Plastikbestuhlung zeigt eine schiefe Schlachtordnung: Auf der einen Seite die männlichen PS-Patriarchen – die Ex-Minister Dominique Strauss-Kahn, 57, (Wirtschaft) und Jack Lang, 67, (Kultur), dazu die Ex-Premiers Laurent Fabius, 60, nebst Lionel Jospin, 69; im Genossen-Schnack allesamt als "Elefanten" tituliert. Dazu, auf dem Podium, umgeben von den lokalen PS-Gastgebern, in tragender Doppelrolle Francois Hollande, 52: Einerseits PS-Generalsekretär und zudem – als Privatmann – Lebensgefährte von Ségolène Royal, 52.

Die Präsidentin der Region Poitou-Charente, seit Monaten ewig strahlende Favoritin der Umfragen, führt die Beliebtheitsskala nicht innerhalb der eigenen Partei an, sondern gilt landesweit als einzig überzeugende Gegenkandidatin zu Nicolas Sarkozy, dem populären Innenminister der konservativen Regierungspartei UMP. Die zweite Frau auf dem Podium in Lens, Martine Aubry, 56, Ex-Ministerin und Bürgermeisterin von Lille, ist ebenso abgeschlagen wie das gesamte Feld der ergrauten PS-Kollegen.

Die Präsidentin, die an diesem Samstag als erste vor den begeisterten PS-Anhängern auftritt, ist für die anderen Kandidaten zugleich rätselhaftes Phänomen und leidiges Ärgernis. Vorbei an der Organisation der Partei, ohne die eingespielten Seilschaften der PS, hat sich Royal als frische, unverbrauchte Seiteneinsteigerin in Szene gesetzt. Das verblüfft die PS-Größen ebenso wie die politischen Gegner.

Einen richtigen Beruf hat sie nie ausgeübt

Denn Royal zählt genauso wie die anderen Kandidaten seit Jahrzehnten zur Machtelite von Paris; ihre Polit-Laufbahn führte direkt von der Verwaltungshochschule ENA in den Élysée-Palast – wo sie dank Präsident Francois Mitterand bald Karriere machte. Einen richtigen Beruf hat die studierte Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin nie ausgeübt.

Sinnen die Elefanten auf Rache? Sollte sich nicht endlich die Gelegenheit bieten, Ségolène als Konstrukt der Medien zu entlarven? Als leichtgewichtiges Produkt eines politischen Starkultes, der in Frankreich mit dem Anglizismus "pipelisation" (von Englischen: People = Volk) verhöhnt wird?

Nicht mit klammheimlicher Freude, sondern offener Genugtuung hatten die PS-Granden vermerkt, dass der Royal- Auftritt zu Beginn der politischen Herbstsaison zum programmatischen Reinfall geriet. Die Standart-Rede aus dem Fundus der offiziellen PS-Plattform war angereichert mit Parolen zur "gerechten Ordnung", "partizipativen Demokratie" und ihrem Slogan "desirs d’avenir" – etwa: "Wünsche an die Zukunft". Das ganze mehr Ideen-Sammlung als strukturierter politischer Gegenentwurf.

Kleine Spitzen der Patriarchen gegen Royal

Hier in Lens kann sich Ségolène Royal einer direkten Konfrontation nicht verweigern; während sich die anderen Kandidaten beim "kleinen Parteitag" in La Rochelle den Fragen der Parteijugend stellten, beließ es die PS-Dame bei einer Begrüßungsansprache und äußerte sich sonst allein per TV-Interview – eine Caprice, die ihr auch eigene Anhänger verübelten.

Jetzt steht sie hinter einem Rednerpult aus Plexiglas, bedankt sich artig bei den Veranstaltern für diesen "originellen Moment in der Demokratie" und skizziert in ein paar Stichworten ihren Wahlkampf: "Links handeln, Frankreich eine Zukunft geben und die anstehenden Probleme lösen." Mit einem Seitenhieb auf die Attacken der männlichen Mitstreiter bittet sie um eine "Abkehr von den Konfrontationen". Royal: "Wir müssen zeigen, dass wir miteinander reden können, ohne uns gegenseitig anzugreifen."

Die Elefanten halten sich an die Vorgaben – bis auf kleine Spitzen: Jospin, Ex-Premier und früherer Parteichef, verpackt seine Kritik an Royal als Lob an die PS-Genossen: "Der künftige Kandidat der Sozialisten braucht Euch, braucht die Partei." Jacques Lang spricht seinerseits vom "kollektiven Abenteuer". "Heute geht es nicht um die Vorstellung einer Portrait-Galerie, sondern um die Debatte der Meinungen", meint, schon deutlicher, Dominiques Strauss-Kahn: "Um Sarkozy zu schlagen", so der professorale Ex-Wirtschaftsminister, "brauchen wir die Einheit der Sozialisten."

Lens bleibt ohne bitteren Showdown

Dabei bleibt es. Die straffe Choreographie lässt eine direkte Debatte gar nicht zu: Jeder der Kandidaten beantwortet ein paar ausgeloste Fragen – zu Erziehung, Arbeitslosigkeit oder auch genmanipulierten Pflanzen -, die Antworten kommen prompt und aus dem Zettelkasten. Lens bleibt ohne programmatische Überraschungen, aber auch ohne bitteren Showdown.

Denn als Francois Hollande mit einem flammenden Appell an die Einheit das Treffen von Lens beschließt, ist die illustre Riege der Kandidaten schon nicht mehr komplett. Während sich die Elefanten zusammen mit den Genossen des Pas-de-Calais im Festzelt zum traditionellen "Mittagessen der sozialistischen Brüderlichkeit" einfinden, sitzt Favoritin Royal schon im Flugzeug, zum Treffen mit Spaniens Sozialisten.

"Die Entscheidung wird ihr leicht gefallen sein", feixt PS-Anhänger Gérard, "hier in Lens ist sie die Angstgegnerin der männlichen PS-Konkurrenten, in Madrid aber der gefeierte Ehrengast von Premier José Louis Zapatero."



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