Machtkampf im Ölstaat Sturmangriff auf Nigerias Dschihadisten

Blutige Unruhen im Norden Nigerias: Kämpfer der islamischen Sekte Boko Haram attackieren Polizeistationen, Elitesoldaten schlagen zurück. Im Kampf um die Macht im wichtigsten afrikanischen Ölstaat gerät die Bevölkerung zwischen die Fronten.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


Die Kämpfe in Nigeria eskalieren: Islamisten wollen im Norden des Landes einen islamischen Gottesstaat errichten und liefern sich seit Tagen heftige Gefechte mit der Armee. In der Nacht zum Donnerstag tötete das Militär nach eigenen Angaben 200 islamistische Aufständische.

Haus islamistischer Extremisten im nigerianischen Maiduguri nach dem Angriff von Regierungstruppen: "Der Beschuss muss präzise sein"
AFP

Haus islamistischer Extremisten im nigerianischen Maiduguri nach dem Angriff von Regierungstruppen: "Der Beschuss muss präzise sein"

Am Donnerstagabend dann meldete der Polizeichef der Provinz Borno, dass der Anführer der Sekte, Mohammed Yussuf, festgenommen worden sei. Wenige Stunden später teilte ein Sprecher der Provinzregierung mit, er habe die Leiche des Sektenchefs in der Polizeiwache gesehen: "Ich glaube, er wurde erschossen, als er zu fliehen versuchte."

Zuvor hatte Nigerias Staatspräsident Umaru Yar'Adua die Situation noch ganz anders dargestellt. "Wir haben die Lage voll unter Kontrolle," erklärte Yar'Adua vollmundig, bevor er am vergangenen Dienstag demonstrativ zum Staatsbesuch nach Brasilien flog. Doch der Präsident irrte: Das Staatsoberhaupt des ölreichen afrikanischen Landes war noch nicht in Brasilia gelandet, als der Konflikt in seiner Heimat eskalierte. Nach tagelangen blutigen Auseinandersetzungen mit Anhängern der radikalen islamischen Sekte Boko Haram ("Westliche Erziehung ist Sünde") gingen nigerianische Sicherheitskräfte unter dem Oberbefehl von Generalmajor Saleh Maina zum Gegenangriff über.

Elitesoldaten stürmten das Hauptquartier der Sekte bei Maiduguri, der Hauptstadt der Provinz Borno. "Der Beschuss der Schlupfwinkel, der Moscheen und der Kommandoposten der Sekte muss so präzise sein, dass der weitere Verlust von Menschenleben und die Zerstörung von Gebäuden nach Möglichkeit vermieden wird," befahl der Generalmajor seinen Soldaten.

Doch der Befehl ging ins Leere: Nach offiziell nicht bestätigten Berichten wurden bei dem Sturmangriff auf das Sekten-Camp mindestens 200 Menschen getötet, andere erlitten zum Teil schwere Verwundungen, Dutzende wurden festgenommen, über 1000 flohen aus ihren Häusern. Der Generalmajor verhängte eine Ausgangssperre, schwer bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillieren seitdem in den Straßen von Maiduguri.

Islamische Sekte im Fadenkreuz der Polizei

Begonnen hatten die neuen blutigen Unruhen bereits am vergangenen Sonntag, als Mitglieder der Sekte eine Polizeistation in Bauchi angriffen. Sie breiteten sich flächenbrandartig in die Nachbarprovinzen Borno, Kano und Yobe aus. Zwar hatte Staatspräsident Umaru Yar'Adua, der selbst aus einer angesehenen islamischen Familie stammt, vor seiner Abreise beteuert, dass es sich bei den Auseinandersetzungen im Nordosten seines Landes keineswegs um "einen inter-religiösen Konflikt" handele.

Doch die vor fünf Jahren gegründete radikale islamische Sekte Mohammed Yussufs, die nach bisherigen Erkenntnissen hinter den Ausschreitungen steckt, steht seit Monaten im Fadenkreuz der Polizei. Immer wieder wurden Sektenmitglieder verhaftet, weil sie Waffen beschafft und Bomben gebaut haben sollen. Die islamistische Gruppe firmiert unter verschiedenen Namen.

Boko Haram ist nur einer davon. Genau so bekannt wurde sie unter der Bezeichnung "Al-Sunna wal Jamma" (Jünger der Lehre Mohammeds). Beziehungen zu den Taliban konnten ihr bisher allerdings entgegen bisherigen Berichten nicht nachgewiesen werden. Doch ihre Ziele gleichen denen ihrer afghanischen Glaubensbrüder: Sie wollen in Nigeria einen islamischen Gottesstaat errichten.

Und sie rufen zum Dschihad auf, zum Heiligen Krieg.

Das Ringen um die religiöse Vorherrschaft in Nigeria begann spätestens nach dem Ende der Militärdiktatur vor zehn Jahren. In zwölf der 36 nigerianischen Bundesstaaten wurde seitdem die Scharia, das islamische Recht, eingeführt. Sektenführer Mohammed Yussuf und seine wachsende Anhängerschar wollen die Scharia auch in den restlichen 24 Staaten zum geltenden Recht machen.

Die religiösen Gegensätze zwischen dem christlichen Süden und dem islamischen Norden prägen das Land traditionell. Als Abuja anstelle von Lagos 1991 zur Hauptstadt Nigerias erklärt wurde, hatten sich die religiösen Gruppen noch demonstrativ um Ausgleich und Versöhnung bemüht. Politiker und die führenden Geistlichen des Landes achteten penibel darauf, dass das Minarett der Hauptmoschee in Abuja auf den Zentimeter genau so hoch war wie der Turm der christlichen Kathedrale. Doch trotz aller Friedensbemühungen eskalierten die religiösen Spannungen immer wieder.

10.000 Opfer im Kampf zwischen Christen und Muslimen

In den vergangenen zehn Jahren fielen ihnen nach inoffiziellen Angaben 10.000 Menschen zum Opfer. Allein in Jos im Bundesstaat Plateau starben bei Kämpfen zwischen Christen und Muslimen im November 2008 rund 700 Menschen, Moscheen und Kirchen wurden niedergebrannt und geplündert. Fast zeitgleich zu den blutigen Ausschreitungen in Maiduguri versuchte in Jos eine Untersuchungskommission, die Hintergründe des damaligen Blutvergießens aufzuklären. Allein zwischen 7 und 13 Uhr haben Polizei und Militär laut einer Dokumentation von Human Rights Watch an jenem blutigen 29. November 2008 118 Menschen willkürlich getötet - fast ausnahmslos Muslime.

Der Informationsdienst "Africa Confidential" zieht denn auch eine bittere Bilanz zur Halbzeit des 2007 für vier Jahre zum Präsidenten gewählten früheren Lehrers Yar'Adua: "Seine früheren Versprechungen, das Land zu Recht und Gesetz zurückzuführen, religiöse Spannungen abzubauen, die politische Korruption zu bekämpfen, die Lage im Niger-Delta zu stabilisieren und den Öl- und Gassektor zu restrukturieren, klingen heute nur noch hohl."

Die Regierungspartei PDP (People's Democratic Party) betrachtet Nigeria als eine Art Privatbesitz. "Wir werden 60 Jahre herrschen", verkündete der führende Parteifunktionär Vincent Ogbulafor selbstbewusst. Der nigerianische Nobelpreisträger Wole Soyinka nennt die PDP "ein Nest von Killern". Parteifunktionäre geben ungeniert zu, "dass die PDP-Mitgliedschaft so etwas wie ein Lottogewinn ist". Transparency International setzte Nigeria beim Korruptions-Ranking mit Platz 121 von insgesamt 180 ans untere Ende der Skala.

Trotz seines ungeheuren Ölreichtums - 80 Prozent der Staatseinnahmen stammen vom Öl - leben über 35 Prozent der 140 Millionen Einwohner in bitterer Armut: Sie müssen mit weniger als einem US-Dollar am Tag ihr Leben fristen. Obwohl es Schulpflicht gibt, besuchen nur rund 50 Prozent der Kinder im schulpflichtigen Alter auch tatsächlich eine Schule. Das Gesundheitssystem ist marode. In Nigeria gibt es neben den vier großen Stämmen der Hausa, Fulbe, Yoruba und Ibos über 400 kleinere ethnische Minderheiten. Es werden 434 Stammessprachen gesprochen. 50 Prozent der Nigerianer sind bekennende Muslims, 40 Prozent Christen.

Doch trotz Missmanagement, Kriminalität, Korruption, ethnisch-religiöser Konflikte und blutiger Unruhen hat Goldman Sachs Nigeria in eine Liste von elf Staaten aufgenommen, die nach Ansicht der Analysten der Wall Street zu den Zukunftsmärkten der Welt gehören. Noch ist Nigeria davon allerdings weit entfernt: In Afrikas Ölstaat Nummer eins bilden sich täglich an den Tankstellen lange Schlangen.

Nicht einmal die Benzinversorgung des Ölförderstaates Nigerias hat die Regierung Yar'Aduba bisher in den Griff gekriegt.



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Seite 1
onemanshow 23.04.2009
1.
Zitat von sysopSeit Jahren wütete Kriege in Afrika, deren Auswirkungen auch das Leben im Frieden vergiften. Wie kann den Bürgerkriegen und Krisen in Afrika besser begegnet werden?
Ganz einfach: Indem man keine "Bürgerkriege und Krisen" erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip "Teile und Herrsche", ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Maddox 23.04.2009
2.
Zitat von sysopSeit Jahren wütete Kriege in Afrika, deren Auswirkungen auch das Leben im Frieden vergiften. Wie kann den Bürgerkriegen und Krisen in Afrika besser begegnet werden?
Dazu sollten sich die Afrikaner äußern. Vielleicht in dem sie etwas gegen Korruption, Stammesdenken etc. unternehmen ?
BillBrook 23.04.2009
3.
Zitat von onemanshowGanz einfach: Indem man keine "Bürgerkriege und Krisen" erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip "Teile und Herrsche", ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Da weigert sich wieder einer, Afrikaner hls selbständig handelnde Menschen zu sehen. Wie man so etwas gemeinhin nennt, dürfte klar sein.
eulenspiegel 47 23.04.2009
4. .
Zitat von onemanshowGanz einfach: Indem man keine "Bürgerkriege und Krisen" erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip "Teile und Herrsche", ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Blah, blah, blah! Immer das gleiche Geleier: Die Schwarzen sind klug und weise und werden nur von den gemeinen Weißen angestiftet sich Arme und Beine abzuhacken.
onemanshow 23.04.2009
5.
Zitat von BillBrookDa weigert sich wieder einer, Afrikaner hls selbständig handelnde Menschen zu sehen. Wie man so etwas gemeinhin nennt, dürfte klar sein.
Sehen Sie sich in der Lage, die Tatsachen, die in Artikeln wie diesem ... "Kampf um Kongos Rohstoffe" (http://www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-artikel2.cgi?artikelnr=29107&mode=print) ... geschildert werden, zu widerlegen ? Was früher "Kolonialismus" war, nennt man heute, Orwell würde im Grab rotieren, "freien Welthandel". Geändert hat sich nicht viel. Korrupte lokale Eliten, Warlords und Milizen werden als Strohmänner gesteuert, die Bodenschätze abgegriffen, auf die Bevölkerung ist geschi... Im Schnitt bleiben von den Erträgen 3% im Land, der Rest geht an die Multis. Und von diesen 3% zahlen die Länder (Ghana z.B.) noch den Kredit + Zinsen ab, den die Weltbank dem Land aufgezwungen hat, um, bitte anschnallen, die Erschließung ebenjener ghanaischen Goldvorkommen zu finanzieren.
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