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31. Januar 2011, 06:21 Uhr

Machtkampf in Ägypten

Diplomat gegen Despot

Aus Kairo berichtet Yassin Musharbash

Ägyptens revoltierende Opposition greift nach der Macht. Einigt sie sich auf Mohamed ElBaradei als Anführer? Der Nobelpreisträger will versuchen, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Doch noch ist Präsident Mubarak nicht aus dem Amt gejagt.

Mohamed ElBaradei, langjähriger Chef der Internationalen Atomenergiebehörde und Friedensnobelpreisträger, versuchte am Abend, Geschichte zu schreiben. Seit Jahren positioniert er sich als mögliche Speerspitze der Opposition, nun trat er auf dem "Platz der Befreiung" in Kairos Herzen, dem Zentrum der seit fast einer Woche tobenden Unruhen, vor die Zehntausenden Demonstranten.

"Was wir erreicht haben, lässt sich nicht mehr zurückdrehen", rief er der Menge zu. Das System habe abgewirtschaftet, Mubarak solle sofort abdanken.

Und dann sagte er Presseberichten zufolge einen Satz, der potentiell eine große Tragweite hat: "Ich habe den Auftrag von den politischen Kräften erhalten, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden." Einigen Berichten zufolge fügte er hinzu, er habe das Mandat, mit dem Militär zu sprechen - der derzeit entscheidenden Kraft auf Kairos Straßen.

Das Problem ist: ElBaradei hatte für seine Rede lediglich ein Megafon zur Verfügung - zu wenig, um Zehntausende zu erreichen. Zu wenig, um überhaupt eindeutig verstanden zu werden.

Andererseits berichteten Teilnehmer der Demonstration, dass Vertreter der einflussreichen Muslimbruderschaft an ElBaradeis Seite standen. Einige Stunden zuvor hatte es Meldungen gegeben, denen zufolge die Islamisten-Vereinigung nach einigem Zögern nun ebenfalls die Abdankung Mubaraks verlangt. Das ist ein bedeutender Schritt. Bisher hatten die Muslimbrüder sich bedeckt gehalten und an den Massenkundgebungen offiziell nicht teilgenommen, auch wenn einige Mitglieder durchaus mitdemonstrierten.

Falls alle diese Meldungen stimmen, hätte die gesamte Bandbreite der ägyptischen Opposition in Mohamed ElBaradei eine Speerspitze gefunden - er selbst hatte stets gesagt, er sei für diese Rolle bereit, falls die Ägypter sie ihm antrügen.

Auf der anderen Seite ist völlig unklar, was diese mutmaßliche Einigkeit wert ist, da Husni Mubarak offensichtlich nicht bereit ist, von der Macht zu lassen. Bis jetzt hat er versucht, die Revolte auszusitzen und die zahllosen Unzufriedenen in Ägypten mit lahmen Reformversprechungen und kosmetischen Neubesetzungen in der Regierung zu beschwichtigen.

Die Massen auf der Straße lachen darüber. Doch das ändert nichts daran, dass Mubarak die Macht in den Händen hält. Nur wie viel genau, ist unklar. Steht die Armee komplett auf seiner Seite? Oder kann er sich nur noch auf die auf ihn eingeschworene Präsidentengarde stützen?

Am Sonntagnachmittag flogen plötzlich im Tiefflug Kampfjets über den "Platz der Befreiung", ohrenbetäubender Lärm erfüllte das Zentrum der Hauptstadt. Es war ein Einschüchterungsversuch. Aber von wem und an wen gerichtet? "Ich habe keine Ahnung, was das sollte", sagte ein Teilnehmer der Demonstration verunsichert. "Wenn es ein Signal war, habe ich es nicht verstanden." Weder die Armee noch die Präsidentengarde versuchten jedenfalls anschließend, die Massendemonstration aufzulösen - trotz der geltenden Ausgangssperre.

ElBaradeis Anhänger sind überzeugt, dass er das Zeug hat, die Opposition zu führen. "Tunesien ist ein kleines Land, wie ein Hase", sagt Abd al-Rahman Jusuf, bis Dezember 2010 Sprecher einer Unterstützerorganisation für ElBaradei, "Ägypten ist dagegen ein Elefant. Und Mohamed ElBaradei kann diesen Elefant führen."

Doch nicht alle Demonstranten sehen das so. ElBaradei, Opernliebhaber und Golfspieler, hat die vergangene Dekade fast komplett im Ausland verbracht. Sie fürchten, dass ihm die Glaubwürdigkeit abgeht, die Opposition zu führen. Als ElBaradei am vergangenen Donnerstag aus Wien nach Kairo einflog, da erwartete ihn gerade einmal ein Dutzend Anhänger. Ein Jahr früher, als er eine Kandidatur gegen Mubarak in Aussicht gestellt hatte, war er von Hunderten gefeiert worden. Jeder kleine Junge, der in den letzten Tagen auf der Straße war, hat mehr Recht, Präsident zu werden, frotzelte eine Tageszeitung am Tag der verpatzten Rückkehr.

Andererseits hat er einiges wieder gutmachen können. Seine Interviews würden besser, sagen nicht nur Anhänger. In den vergangenen beiden Tagen konnte er damit punkten, dass er die USA dafür attackierte, dass sie Mubarak nicht fallen ließen und die Revolte nur lauwarm unterstützten. "Er wägt gut ab, wann er was sagt", findet Abdul Manam Iman, ein Demonstrant, der ElBaradei seit Jahren unterstützt.

Fakt ist, dass ElBaradei die besten Aussichten hätte, eine Einigung mit den Muslimbrüdern zu erzielen. Sie akzeptieren ihn. Auch die übrigen wichtigen Strömungen der Opposition halten den Karrierediplomaten wohl als zumindest geeignet, einen Übergang zu moderieren. Er ist weltgewandt, international bekannt und gilt als dezidiert unkorrupt.

Trotz allem, was für ihn sprechen mag: Solange Mubarak sich halsstarrig an die Macht klammert, ist völlig offen, wie das Duell des Diplomaten gegen den Despoten ausgeht. Noch ist nichts entschieden in Kairo. Allein die Szenarien werden etwas klarer.

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