Machtkampf in der Elfenbeinküste "Die Situation ist extrem heikel"

Zwei Politiker haben sich als Präsidenten der Elfenbeinküste vereidigen lassen - die Angst vor der Eskalation des Machtkampfs wächst. Amtsinhaber Gbagbo sei zu allem fähig, warnt der französische Afrika-Experte Jean-Francois Bayart. Er fordert die Nachbarn des westafrikanischen Landes zum Handeln auf.

AP

SPIEGEL ONLINE: In Paris steigt nach den blutigen Zusammenstößen die Sorge um die Lage in der Elfenbeinküste. Sind die dort lebenden 15.000 französischen Staatsbürger in Gefahr?

Bayart: Die Situation ist extrem heikel. Jeder Ausbruch eines neuen Bürgerkriegs aber würde für Paris weit mehr bedeuten als das Anliegen seiner dort lebenden Franzosen - fast die Hälfte hat einen doppelten Pass. Die Bevölkerung der Elfenbeinküste ist, bei allem Nationalstolz, gewiss nicht von einer "Franco-Phobie" ergriffen, trotz der Rolle als ehemalige Kolonialmacht. Für die Franzosen besteht weniger die Gefahr durch spontane Volkswut, sondern eher ein Risiko, dass sie von den Anhängern des alten Präsidenten Laurent Gbagbo und seiner "Jungen Patrioten" als Geiseln instrumentalisiert werden könnten.

SPIEGEL ONLINE: Und das, obwohl Frankreich noch immer der größte Investor und Handelspartner ist?

Bayart: Laurent Gbagbo ist zu allem fähig, um an der Macht zu bleiben. Die Präsenz der Franzosen vor Ort bindet damit entscheidend den diplomatischen Handlungsspielraum.

SPIEGEL ONLINE: Der ehemaligen Kolonie droht eine Wiederholung der Unruhen von 2004 als Rebellen der "Forces Nouvelles" zu den Waffen griffen; nur dank der Intervention von Frankreichs Luftwaffe konnte der damalige Umsturzversuch gestoppt werden, 8000 Franzosen und Tausende EU-Bürger wurden evakuiert. Muss Paris einmal mehr Truppen in Marsch setzen?

Bayart: Präsident Nicolas Sarkozy hat sich deutlich für Wahlsieger Alassane Ouattara ausgesprochen, ...

SPIEGEL ONLINE: ... genauso wie die USA, die Uno und die Afrikanische Union.

Bayart: Aber ich glaube nicht an einen derartigen Truppeneinsatz. Zum einen - da genügt eine Rechenmaschine - verfügt Paris kaum über genügend Einheiten, da ein Großteil der mobilen Kräfte in Afghanistan gebunden ist. Außerdem könnten sich militärische Maßnahmen als kontraproduktiv erweisen. Gbagbo würde Frankreichs Aktion mit Sicherheit als Einmischung der ehemaligen Kolonialmacht denunzieren, ja, er könnte sich dann als Wahrer der Souveränität profilieren, seine eigenen Anhänger rekrutieren und in der Öffentlichkeit womöglich seine angeschlagene Legitimität als gewählter Staatschef durch eine Legitimität als nationaler Führer ersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Zwickmühle für die Diplomaten des Quai d'Orsay?

Bayart: Frankreich steckt in einem ausgesprochen unangenehmen Dilemma. Und zahlt damit die Zeche für zwanzig Jahre falscher Politik in der Elfenbeinküste. Frankreich hat sich bei der Nachfolge um Staatsgründer Félix Houphouët-Boigny, der seit der Unabhängigkeit 1960 bis 1993 das Land im Griff hielt, sehr ungeschickt verhalten. Durch die Parteinahme für Henri Konan Bédié [von 1993 bis 1999 Präsident der Elfenbeinküste] hat Frankreich mehr als zehn Jahre den Aufstieg Ouattaras verhindert. Ein kapitaler Fehler. Die Folge: Schon im Jahr 2000 hat Gbagbo seinen Herausforderer Ouattara von den Wahlen ausgeschlossen, statt ihm die Möglichkeit zu geben, sich als Kandidat an dem Urnengang zu beteiligen.

SPIEGEL ONLINE: Was steckt hinter der Krise, die das Land seit dem Bürgerkrieg vor zehn Jahren zum wiederholten Mal in einen Konfrontation zwischen dem Norden und dem Süden zu teilen droht?

Bayart: Allzu leicht wird die Krise in der Elfenbeinküste, wie anderswo in Afrika auch, als ethnischer Konflikt interpretiert. Doch weder der Hinweis auf die ethnischen Gegensätze noch auf die religiösen Unterschiede erklärt die Situation erschöpfend. Natürlich gibt es diese Elemente; aber gerade die religiösen Führer - unter Christen wie Muslimen - setzen seit Jahren auf Verständigung und Aussöhnung. Auch die ethnischen Verwerfungen decken sich nicht immer mit den politischen Lagern. In Wirklichkeit handelt es sich um eine ganz moderne, also politische Krise.

SPIEGEL ONLINE: Um was geht es also?

Bayart: Um Bodenbesitz und Wahlrecht, will sagen: die beiden wichtigsten Elemente der kapitalistisch geprägten Demokratie. Wenn es eine Debatte gab um die nationale Identität, so war sie im Kern davon bestimmt, wer das Recht auf Landerwerb hat und damit, wer eine Stimme abgeben darf. Das hat nichts mit einem mysteriösen Afrikabild zu tun, das sind handfeste wirtschaftliche Interessen. Hinzu kommt die Frage der Zuwanderung - insofern ähnelt der Konflikt der Lage in Frankreich, den Niederlanden oder Italien.

SPIEGEL ONLINE: Was bleibt Paris in der gegenwärtigen Situation außer Appellen zur Vernunft?

Bayart: Wenn Frankreich auch nicht direkt auf die Krise einwirken kann, so hat es doch Möglichkeiten, die Nachbarn in der Region zu mobilisieren: Burkina Faso etwa, zu dem Paris sehr enge Beziehungen unterhält. Darüber hinaus können die Anrainer auf Gbagbo Druck machen, weil jede Form des Bürgerkriegs auch ihnen einen bitteren Preis abfordern würde. Diese Staaten haben eher die Kraft, Gbagbo davon zu überzeugen, seine Niederlage anzuerkennen als alle diplomatischen Versuche aus Paris.

Das Interview führte Stefan Simons

insgesamt 5 Beiträge
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Tastenhengst, 06.12.2010
1. Da stimmt was nicht!
---Zitat--- Der ehemaligen Kolonie droht eine Wiederholung der Unruhen von 2004 als Rebellen der "Forces Nouvelles" zu den Waffen griffen; nur dank der Intervention von Frankreichs Luftwaffe konnte der damalige Umsturzversuch gestoppt werden, 8000 Franzosen und Tausende EU-Bürger wurden evakuiert. ---Zitatende--- Da bringt der SPIEGEL etwas durcheinander. 2004 begann die Gbagbo-Regierung, den Waffenstillstand mit den Forces Nouvelles, den Frankreich überwacht hat, zu brechen. Die französische Luftwaffe hat daraufhin die Flugzeuge der ivorischen Luftwaffe --Kampfhubschrauber und SU-25-Erdkampfflugzeuge-- vernichtet. Gbagbo hat sich gerächt, indem er seine Leute zu Gewalt gegen Ausländer aus Europa oder Burkina Faso angestiftet hat.
forumgehts? 06.12.2010
2. Textverarbeitung möglich
Zitat von sysopZwei Politiker haben sich als Präsidenten der Elfenbeinküste vereidigen lassen - die Angst vor der Eskalation des Machtkampfs wächst. Amtsinhaber Gbagbo sei zu allem fähig, warnt der französische Afrika-Experte Jean-Francois Bayart. Er fordert die Nachbarn des westafrikanischen Landes zum Handeln auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,733011,00.html
Was soll an dieser Situation heikler sein als an all den anderen, die wir schon reihum in Afrika zK nehmen mussten? Die Kommentatoren können ihre alten Texte hervorholen, Namen und Daten ändern - und schon können die Leitartikel in Druck gehen.
Spinnosa 06.12.2010
3. Und was macht Unoci?
Zitat von sysopZwei Politiker haben sich als Präsidenten der Elfenbeinküste vereidigen lassen - die Angst vor der Eskalation des Machtkampfs wächst. Amtsinhaber Gbagbo sei zu allem fähig, warnt der französische Afrika-Experte Jean-Francois Bayart. Er fordert die Nachbarn des westafrikanischen Landes zum Handeln auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,733011,00.html
Die UNO hat doch eine Blauhelmtruppe im Land, was tut die denn so in der aktuellen Situation? Die Frage stellt sich doch eher als die nach einer französischen Intervention. Es ist ja schön, wenn Ban Ki-Moon Quattara zu seinem Wahlsieg beglückwünscht. Aber es wäre noch schöner, wenn die UNO auch durchsetzen würde, was sie für Recht erkennt, sonst verliert sie noch den Rest der Glaubwürdigkeit. Immerhin ist zu erfahren, daß die Unoci Quattara und andere Opositionspolitiker beschützt, da es von Gbagbo bereits den ersten Mordaufruf an seine Anhänger gegeben hat. Auch die AU ist nicht untätig und hat zusätzlich zu Glückwünschen Thabo Mbeki ins Land geschickt, um zu schlichten. Ist wahrscheinlich sowieso die bessere Idee, daß afrikanische Probleme durch Afrikaner gelöst werden und Mbeki ist da keine schlechte Wahl. Aber ein bißchen mehr Unterstützung der sogenannten Internationalen Gemeinschaft könnte nicht schaden.
marypastor 06.12.2010
4. Finde
Zitat von forumgehts?Was soll an dieser Situation heikler sein als an all den anderen, die wir schon reihum in Afrika zK nehmen mussten? Die Kommentatoren können ihre alten Texte hervorholen, Namen und Daten ändern - und schon können die Leitartikel in Druck gehen.
Centurio X 07.12.2010
5. Was haben UNO-Truppen in Afrika....
Zitat von SpinnosaDie UNO hat doch eine Blauhelmtruppe im Land, was tut die denn so in der aktuellen Situation? Die Frage stellt sich doch eher als die nach einer französischen Intervention. Es ist ja schön, wenn Ban Ki-Moon Quattara zu seinem Wahlsieg beglückwünscht. Aber es wäre noch schöner, wenn die UNO auch durchsetzen würde, was sie für Recht erkennt, sonst verliert sie noch den Rest der Glaubwürdigkeit. Immerhin ist zu erfahren, daß die Unoci Quattara und andere Opositionspolitiker beschützt, da es von Gbagbo bereits den ersten Mordaufruf an seine Anhänger gegeben hat. Auch die AU ist nicht untätig und hat zusätzlich zu Glückwünschen Thabo Mbeki ins Land geschickt, um zu schlichten. Ist wahrscheinlich sowieso die bessere Idee, daß afrikanische Probleme durch Afrikaner gelöst werden und Mbeki ist da keine schlechte Wahl. Aber ein bißchen mehr Unterstützung der sogenannten Internationalen Gemeinschaft könnte nicht schaden.
... denn schon groß auf die Reihe gekriegt? Ich erinnere an Ruanda, Somalia, Sudan usw.? Am Ende kann in diesem Fall nur Frankreich mit seiner bewährten Legion etrangere die Sache richten!
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