Machtkampf in der Ukraine Das Zittern der Oligarchen

Auf den Straßen der Ukraine bekämpfen sich Demonstranten und Polizei. Doch das Schicksal des Regimes von Präsident Janukowitsch wird auch in den noblen Salons entschieden: Denn die Milliardäre des Landes fürchten um ihre Imperien - und mischen sich ein.

Schwerreicher Ukrainer Achmetow: Einfluss auf die Politik des Landes
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Schwerreicher Ukrainer Achmetow: Einfluss auf die Politik des Landes

Von Claudia Thaler


Kiew - In der Ukraine kämpfen viele um die Macht, doch voran geht es nicht: Demonstranten prügeln sich in der Kiewer Innenstadt mit den Polizisten, der Opposition fehlt im Parlament die Mehrheit, die Regierung spielt auf Zeit. Nun steigt ein weiterer Spieler in den Machtpoker ein: Milliardäre mit gewaltigem Einfluss.

Sogar der reichste Mann der Ukraine hat sich persönlich eingeschaltet. Der Oligarch Rinat Achmetow sorgte mit einer öffentlichen Stellungnahme auf der Homepage seines Konzerns "Metinvest" für Aufsehen. Sein Appell: Ein Ende der Krise braucht das Land, jedoch nicht nur zum Wohle der Bevölkerung allein.

"Die Wirtschaft kann nicht schweigen, wenn Menschen getötet werden. Das ist eine echte Gefahr für eine Spaltung des Landes, wenn eine politische Krise das Land in eine politische Rezession führt und das Ergebnis ein geringerer Lebensstandard für die Menschen ist. Die Verhandlungen müssen den Interessen des ganzen Landes dienen", so der Wortlaut der Meldung. Was er auch meint: Wenn das Land nicht bald zur Ruhe kommt, ist das Vermögen der Milliardäre gefährdet.

Der Aufschrei des Oligarchen zeigte prompt Wirkung: Im Parlament wird erstmals ernsthaft nach Kompromissen gesucht, Präsident Wiktor Janukowitsch erwägt nun eine Reihe von Reformen, die bisher nicht verhandelbar waren. Am Freitag unterzeichnete er sogar das umstrittene Amnestiegesetz, das festgenommene Protest-Teilnehmer begnadigt, und nahm die Verschärfung des Demonstrationsverbot zurück.

Oligarchen schwenken um

Die Oligarchen haben mehr Einfluss auf die Politik als es im Nachbarland Russland möglich ist. Dort herrscht seit Putins Machtantritt die Prämisse, die Politik nicht direkt zu beeinflussen. Nicht so in der Ukraine: Dort ist fast jeder Oligarch im Nebenjob auch Parlamentarier - oder zumindest als gewichtiger Sponsor mit den Parteien verbandelt. Während sich viele Oligarchen jedoch seit Ausbruch der Krise über ihre Politik-Avancen bedeckt halten, haben drei der reichsten Ukrainer schon das Lager gewechselt:

  • Der Multimilliardär Rinat Achmetow gilt zwar als Macher, Förderer und Lenker von Janukowitschs Partei der Regionen. Deshalb ist sein Aufruf auch kein unwichtiger Faktor für Janukowitsch, sein wichtigster Partner könnte ihm abhanden kommen. Seine Holding "SCM-Group" ist mit 300.000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber des Landes und auch der größte Stahlproduzent im postsowjetischen Raum.

  • Wiktor Pintschuk, Nummer Zwei der ukrainischen Forbes-Liste, zählte einst wie Achmetow zu den Financiers von Janukowitsch. Mit dem hatte sich der milliardenschwere Kunstmäzen jedoch überworfen und erklärte sich mit den Demonstranten solidarisch. Heute finanziert er den Protest am Maidan - und auch er ruft zu einem baldigen Ende der Krise auf.

  • Sein Kollege Petro Poroschenko wird sogar als heißer Kandidat für die Nachfolge von Ex-Premier Asarow gehandelt. Er war Außenminister in der Regierung von Julija Timoschenko, später auch Wirtschaftsminister für Janukowitsch, heute hält er ein freies Mandat im Parlament. Sein Schokoladen-Imperium "Roschen" stand schon vor Beginn der Demonstrationen unter Druck. Russland boykottierte die Einfuhr der ukrainischen Pralinen, seitdem unterstützt Poroschenko ganz offen die Demonstranten. Sein Fernsehsender "5. Kanal" berichtet kritisch über Janukowitsch.

So bemühen sich die Oligarchen heute schon um gute Beziehungen zur Opposition. Sollte sich Janukowitsch als Präsident nicht länger halten können, müssen sie ihre Industriekonzerne in Sicherheit wissen. Dass die Oligarchen gerade zu diesem Zeitpunkt mehrheitlich zu einem Ende der Krise aufrufen, ist deswegen nicht verwunderlich.

Nervöse Milliardäre

Der Absturz der ukrainischen Währung Griwna auf ein historisches Tief macht die Gruppe der Superreichen nervös: Fachleute sind davon überzeugt, dass der Wirtschaftseinbruch nicht von der Revolte ausgelöst wurde, für ein Wachstum ist sie dennoch kontraproduktiv. Sollten die angedachten Sanktionen der USA gegen die Ukraine greifen und Russland weiterhin seine eigentlich feste Zusage der 15 Milliarden Dollar Hilfsgelder zurückhalten, wäre das schließlich auch für die Geschäfte der Oligarchen problematisch. Denn den Superreichen schadet beides: die Sanktionen Moskaus ebenso wie der Verlust der europäischen Märkte.

Eine Isolation des Landes können sie nicht zulassen. Der Kiewer Politologe Wladimir Fesenko sagt: "Kein Oligarch will, dass die Ukraine zu einer Art Schurkenstaat wird, mit dem niemand zusammenarbeiten will." Ob EU oder Russland - in welche Richtung sich die Ukraine politisch bewegen wird, sei deshalb den Oligarchen nicht so wichtig, Hauptsache die Industrie bleibt stabil.

insgesamt 13 Beiträge
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ali.bassa 03.02.2014
1. wie bei uns
Dieser Artikel ist wunderbar aufschlussreich. Ersetzen sie das Land Ukraine durch Deutschland und ein paar russische Namen durch deutsche und schon stimmt wirklich jede Aussage über die herrschenden Zustände im Land ganz genau!!
universalinfidel 03.02.2014
2. Zweigeteiltes Land
Die westliche Presse und auch die Politik, darf nicht aus den Augen verlieren dass es da noch die Seite jener Befürworter gibt, deren Zuneigung zu Russland stärker bleibt als zur EU. Wie viele das tatsächlich sind ist in den Medien noch nicht genügend wahrgenommen. Aber das sind sehr viele. Ausgewogene Berichterstattung ist ein Pfeiler der Objektivität. Holzauge sei wachsam!
trienfield 03.02.2014
3. Beruhigend zu wissen...
aus Sicht dortiger Oligarchen gilt die Ukraine n i c h t als Schurken- sprich Mafiastaat. Ja dann, schlag ich mal einen demokratischen Beistandspakt mit Kosova/Serbien/Bulgarien und vor allem Rumänien vor, ja alles enge "Handelspartner" zusammen mit Griechenland. Es besteht noch "Oligarchenhoffnung".
king_pakal 03.02.2014
4. --
Zitat von sysopDPAAuf den Straßen der Ukraine bekämpfen sich Demonstranten und Polizei. Doch das Schicksal des Regimes von Präsident Janukowitsch wird auch in den noblen Salons entschieden: Denn die Milliardäre des Landes fürchten um ihre Imperien - und mischen sich ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/machtkampf-in-kiew-oligarchen-fuerchten-um-zukunft-der-ukraine-a-950343.html
Ja was denn nun? Wollen die USA die Ukraine sanktionieren oder schnüren sie zusammen mit der EU ein Hilfspaket? Ukraine: USA bereiten offenbar Sanktionen gegen Janukowitsch vor - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-usa-bereiten-offenbar-sanktionen-gegen-janukowitsch-vor-a-946308.html) Ukraine: EU und USA arbeiten an Hilfspaket - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-eu-und-usa-arbeiten-an-hilfspaket-a-950705.html)
Spiegeleins 03.02.2014
5. Verständnisproblem
viele Kommentatoren haben immer noch nicht verstanden. Es geht in der Ukraine nicht nur um EU/nicht EU. Die Hauptbotschaft war und ist: man darf die Menschen nicht jagen, man darf die Menschen nicht verprügeln, alle Menschen sind gleich vor dem Gesetz, keine Regierung darf eigenes Volk ewig belügen und erniedrigen, keine Regierung darf Menschen deskriminieren nach ihrer Weltsicht, Beruf oder Wohnsitz... und s. w. __________ Was ist falsch daran?
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