Machtkampf in Libyen Rebellen tragen den Krieg nach Tripolis

In Tripolis scharen sich die Truppen von Libyens Diktator Gaddafi, in der Nacht zu Sonntag kam es zu heftigen Gefechten mit Rebellen. Einwohner der Stadt berichten von Auflösungserscheinungen in der Hauptstadt: Den Banken geht das Geld aus, die Kriminalität steigt. Noch sitzen Tausende Ausländer fest.


Tripolis - Schweres Geschützfeuer und Granatenexplosionen in Tripolis: Am Samstagabend lieferten sich die Rebellen heftige Gefechte mit den Regierungstruppen von Libyens Diktator Gaddafi. In der Nähe eines Hotels, in dem sich ausländische Journalisten aufhalten, wurden mehrere Gewehrsalven abgefeuert. In dem Vorort Tadschura sowie in der Nähe des Flughafens der Hauptstadt kam es zu weiteren Kämpfen.

Ein Anwohner berichtete, er sei in einer SMS der Regierung aufgefordert worden, auf die Straße zu gehen und "bewaffnete Agenten zu eliminieren". Die Regierung widersprach den Darstellungen: Tripolis sei sicher und stabil, sagte ein Sprecher.

Noch verschanzt sich Muammar al-Gaddafi in der Stadt, doch die Macht des libyschen Diktators in Tripolis schwindet - und das Leben in der Hauptstadt wird immer schwieriger. Zu den gewöhnlichen Problemen in der Stadt - steigende Lebensmittelpreise, wochenlanges Warten auf Benzin und lange Stromausfälle - kommen nun Auflösungserscheinungen.

Den libyschen Banken in der Stadt geht das Geld aus. Staatsangestellte bekommen derzeit keine Gehälter mehr ausgezahlt. "Seit Donnerstag haben wir kein Geld mehr, und wir wissen auch nicht, wann sich das ändern wird", sagte ein Bankangestellter in Tripolis am Samstag der Nachrichtenagentur dpa. Einwohner berichteten laut "New York Times" von zunehmender Kriminalität, zudem werde der Müll nicht mehr abgeholt. Viele Bewohner fürchteten einen blutigen Kampf um die Stadt und wollten fliehen. Die Zeitung zitiert Anwohner, die glaubten, Gaddafis Flucht oder Sturz stehe kurz bevor: "Die Situation wird jetzt richtig schwierig."

Die Auflösungserscheinungen greifen auch in der Regierung um sich. Offenbar hat sich der libysche Ölminister nach Tunesien abgesetzt. Omran Abukraa sei nach einer Auslandsreise nicht nach Libyen zurückgekehrt, meldete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen tunesischen Offiziellen. Den Angaben zufolge war Abukraa von Italien nach Tunesien gekommen.

Er hatte Libyen beim letzten Opec-Treffen vertreten, weil der langjährige libysche Ölchef Schukri Ghanem sich vom Gaddafi-Regime abgesetzt und mitgeteilt hatte, er unterstütze die Bemühungen der Rebellen, den Diktator zu stürzen.

Polen stellt Fluchtmöglichkeit für Landsleute in Tripolis bereit

In Tripolis sitzen nach Angaben der Hilfsorganisation "Internationale Organisation für Migration" Tausende Ausländer fest. Man plane eine große Evakuierungsaktion mit Schiffen. 600.000 der 1,5 bis 2,5 Millionen ausländischer Arbeitskräfte haben Libyen bereits kurz nach Beginn des Aufstandes verlassen. Aber viele halten sich noch in Tripolis auf, das von Kämpfen bislang weitgehend verschont blieb.

Polen hat bereits reagiert: Das Land stellt für seine noch in Tripolis verbliebenen Staatsbürger eine Fluchtmöglichkeit bereit. Sie könnten am Sonntag ein Schiff Richtung Malta besteigen, teilte das polnische Außenministerium mit. Jeder, der das Angebot wahrnehme, solle sich auf eine harte Reise gefasst machen und genug Essen und Wasser für 24 Stunden mitnehmen, da es sich nicht um ein Passagierschiff handle, hieß es weiter.

Die Aufständischen kontrollieren inzwischen alle wichtigen Wege nach Tripolis. Damit ist das Regime quasi vom Nachschub an Treibstoff und Lebensmitteln abgeschnitten. Auch die Manövrierfähigkeit von Gaddafis Truppen ist erheblich eingeschränkt. Sie sind außerdem zunehmend in einen Krieg an mehreren Fronten verwickelt: Gerade einmal 40 Kilometer westlich von Tripolis kontrollieren die Aufständischen Sawija. Zudem eroberten sie im Osten des Landes die Küstenstadt Brega. Auch vom Süden nähern sich Rebellen laut einem Bericht der BBC der Hauptstadt. Die Nato kontrolliert den Seeweg von Norden in die Hauptstadt.

"Überall sind Bewaffnete in den Straßen"

Einwohner von Tripolis können laut "New York Times" die Stadt kaum noch verlassen. Manche versuchten, über Schleichwege in die Berge südlich der Stadt zu gelangen. Das Gebiet kontrollieren die Rebellen. Die Berge als Zufluchtsort sind der Zeitung zufolge ein Indiz dafür, wie verängstigt die Menschen in Tripolis sind - schließlich gebe es in dem Gebirge kaum Zugang zu Elektrizität, an vielen Gütern mangele es.

Während die Rebellen immer weiter auf Tripolis vorrücken, bereiten sich die verbliebenen Truppen Gaddafis offenbar auf die Verteidigung der Hauptstadt vor. "Überall sind Bewaffnete in den Straßen, Soldaten, Angehörige der Revolutionskomitees (des Gaddafi-Regimes, die Red.) und Freiwillige der Volksschutz-Truppen", sagte ein Bewohner am Samstag.

Die Rebellen hatten berichtet, nach den Niederlagen der Gaddafi-Truppen in mehreren Orten rund um Tripolis sei eine große Zahl von Kämpfern der Regierungstruppen in die Hauptstadt geflohen. Augenzeugen in Tripolis hörten in der Nacht zum Samstag heftige Gefechte. Diese seien viel intensiver gewesen als die vereinzelten Schusswechsel, die es in den vergangenen Wochen bereits mehrfach gegeben hatte.

ulz/dpa/dapd/AFP

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Ernst August 20.08.2011
1. Geständinis abgelegt
Zitat von sysopIn Tripolis scharen sich die Truppen von Libyens Diktator Gaddafi. Einwohner der Stadt berichten*von Auflösungserscheinungen in der Hauptstadt: Den Banken geht das Geld aus, die Kriminalität steigt. Dort sitzen noch Tausende Ausländer fest. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781390,00.html
Gestern fielen über 100 Bomben auf Tripolis. Unzählige Bomben aud Sawija, Brega u.s.w. Ihr dürft stolz auf euch sein denn bald steht ihr vor Gericht.
irobot 20.08.2011
2. Hier könnte Ihre Werbung stehen!
Wenn diese Schilderungen stimmen, so erinnert mich das an die letzten Tage von Saigon. Allerdings mit einem Unterschied. Damals hat die Linke in Deutschland gejubelt, jetzt werden sie die Zähne fletschen.
moliebste 20.08.2011
3. Heiß, heiß, es ist so heiß
Jetzt wird aber richtig aufgedreht beim Spiegel-Thementag. Nur zur Erinnerung: Die gestrigen "Rebellen"- Angriffe, bei denen Großstädte "under control" gebracht wurden, waren ab Einbruch der Dämmerung Geschichte. Wer sich die überschwengliche Siegesfeier ÜBER die "Rebellen" in der Nacht auf heute in Zliten anschauen möchte: www.youtube.com/rayyisse Da scheint jemandem die heutige Hitze zu Kopf gestiegen zu sein.
Progress, 20.08.2011
4. Na, bald wieder ein destabilisierter Staat
Zitat von sysopIn Tripolis scharen sich die Truppen von Libyens Diktator Gaddafi. Einwohner der Stadt berichten*von Auflösungserscheinungen in der Hauptstadt: Den Banken geht das Geld aus, die Kriminalität steigt. Dort sitzen noch Tausende Ausländer fest. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781390,00.html
Was man mit einer vopn der UNO sanktionierten Flugverbotszone alles erreichen kann. Nun tragen die Rebellen "den Krieg (!) nach Tripolis". Na, klasse! hoffentlich sind diese "Rebellen" ähnlich zuverlässig, wie die Taliban, die seinerzeit auch von Briten/USA ua. gegen die SU unterstützt worden sind. Mal abwarten! Dividae et imperae.
Ernst August 20.08.2011
5. Seid stolz solange es noch geht
Zitat von sysopIn Tripolis scharen sich die Truppen von Libyens Diktator Gaddafi. Einwohner der Stadt berichten*von Auflösungserscheinungen in der Hauptstadt: Den Banken geht das Geld aus, die Kriminalität steigt. Dort sitzen noch Tausende Ausländer fest. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781390,00.html
Dann wissen wir ja was in viel größerem Rahmen kommen wird In Benghazi homes are raided, neighbors dragged off, suspects executed. Many people are unemployed. Large companies, including German construction firm Bilfinger Berger, have pulled out of the city. Young men race around town with tires screeching, others strut around in public buildings brandishing their knives. At night, the streets are reminiscent of Sao Paolo gang wars, the only difference being that the youths here wear flak jackets. Many young academics who were about to complete their studies and to get a good job are starting to get frustrated. One, who only talks on the condition that he remains anonymous, studied economics at the Gharyounis University. He was offered a job as a manager at Bilfinger Berger and would have earned good money. Now he's unemployed. He says of the rebels: "They are under 30 and don't have wives. They are proud of the weapons they looted from barracks. They don't know how to control themselves. They quickly become aggressive. They've got these weapons and lose themselves." Militias in Benghazi possess sophisticated weaponry, ranging from antitank missiles to rocket-propelled grenades and people here speak of tribes settling old accounts and power struggles emerging. Sporadic gunfire can be heard daily in the rebel capital, and hundreds of men walk around town armed with Kalashnikov assault rifles. ... Across Benghazi city, armed squads are being dispatched to crack down on supporters of Libyan Leader Muammar al-Qadhafi. Thousands have been arrested in the night raids. Under the cover of darkness, the Benghazi 'protection squad' gathered. Speaking in muted, tense tones, clutching loaded guns, the men began the hunt. In swift, silent convoy they drive across the city, targeting the homes of suspected loyalists. ... "We have many people - students, post-graduates, businessmen who still stand with Qadhafi. They are in hiding now, organizing themselves," says lifelong Benghazi resident Sami Hassan, 37. http://mathaba.net/news/?x=628128 Ihr könnt stolz auf das sein was ihr erreicht habt.
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