Tahrir-Platz Tausende Ägypter feiern Entmachtung des Militärrats

In Ägypten hat der islamistische Präsident Mursi die Militärführung entlassen und seine eigenen Befugnisse ausgedehnt - Tausende Ägypter bejubelten die Entmachtung der alten Garde. In Israel blickt man mit Sorge auf die Entwicklungen im Nachbarland.

Mursi-Anhänger in Kairo: "Nun beginnt eine neue Zeit"
REUTERS

Mursi-Anhänger in Kairo: "Nun beginnt eine neue Zeit"


Kairo - Tausende Ägypter haben in der Nacht auf dem Kairoer Tahrir-Platz die Entmachtung ranghoher Militärvertreter durch den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi gefeiert, auch vor dem Präsidentenpalast versammelte sich eine Menschenmenge. Hunderte kamen in der Stadt Alexandria zusammen. Teilnehmer der Kundgebung erklärten, nun beginne eine neue Zeit, berichtete der Nachrichtensender al-Dschasira am Abend.

Mursi hatte zuvor im Machtkampf mit dem Militärrat einen entscheidenden Schritt getan und Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi sowie Generalstabschef Sami Annan ihrer Ämter enthoben und sie stattdessen zu seinen Beratern ernannt. Die Entscheidung war einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur MENA zufolge offenbar mit dem Militär abgesprochen.

Mit diesem Schritt wolle er niemanden persönlich verärgern, sagte Mursi in einer Fernsehansprache. Er habe nur die Interessen des Volkes im Sinn, erklärte er. Er wolle, dass sich das Militär vollkommen der Verteidigung des Landes widme. In der vergangenen Woche waren bei einem Überfall auf einen israelisch-ägyptischen Grenzübergang auf der Halbinsel Sinai 16 Grenzsoldaten getötet worden.

Mursis Sprecher Jassir Ali erklärte bei einer Pressekonferenz, Mursi habe Abd al Fatta al-Sissi zum Nachfolger von Feldmarschall Tantawi bestimmt. Tantawi leitete den Militärrat, der Ägypten nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Husni Mubarak im Februar vergangenen Jahres 17 Monate lang de facto regiert hatte, und war fast 20 Jahre Verteidigungsminister unter Mubarak. Die Nummer zwei des Militärrats, Annan, wurde ebenfalls seiner Funktion enthoben. Seine Nachfolge trete Sidki Sajed Ahmed an, hieß es.

Sorge in Israel

Zudem nahm Mursi Verfassungszusätze zurück, mit denen sich der Militärrat Ende Juni die zentralen Machtbefugnisse im Land gesichert hatte. Den ranghohen Richter Mahmud Mekki ernannte Mursi zudem zu seinem Vizepräsidenten. Mekki hatte sich unter Mubarak öffentlich gegen Wahlbetrug ausgesprochen und tritt für Reformen in Ägypten ein. Sissi und Mekki wurden kurz nach der Ankündigung vereidigt. Mursi übernahm überdies die Kontrolle über die Ausarbeitung einer Verfassung.

"Die Frage ist nun, ob diese Entscheidungen das Ende des Konflikts und der Machtdualität markieren. Oder wird es Widerstand geben?", sagte der politische Analyst Gamal Abd al-Gawad. Die Nachrichtenagentur MENA berichtete jedoch, der Schritt sei im Vorfeld "bedacht und koordiniert" gewesen. Demnach gab es keine "negativen Reaktionen" aus dem Militärrat.

In Israel wird die Entmachtung der alten Garde in Ägypten durch den Islamisten Mursi mit Sorge beobachtet. Die Absetzung der israelfreundlichen Militärspitze durch Mursi und die Annullierung der Beschneidung seiner Befugnisse seien überraschend früh gekommen, schrieb die Zeitung "Jerusalem Post" am Montag. "Mursi will zeigen, wer Herr im Hause ist", fasste die Zeitung "Jediot Acharonot" zusammen. Die Regierung in Jerusalem sei besonders angesichts der Gewalt auf dem Sinai besorgt über die Entwicklung, die aber noch nicht ganz absehbar sei.

Mursi hatte die Präsidentenwahl im Juni als Kandidat der islamistischen Muslimbruderschaft gewonnen. Bei seinem Amtsantritt legte er formell seine Mitgliedschaft in der Islamistenbewegung und der ihr angeschlossenen Partei Freiheit und Gerechtigkeit nieder.

Die ersten Wochen seiner Präsidentschaft waren von starken Spannungen mit dem Militärrat gekennzeichnet. Das Gremium hatte nach dem Sturz Mubaraks im Februar 2011 die Macht in Ägypten übernommen und seitdem immer wieder bestimmend in das politische Geschehen eingegriffen.

anr/dpad/dapd

insgesamt 14 Beiträge
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wally1 13.08.2012
1. Nun sieht man den eigentlichen Zweck des arabischen Frühlings
die Moslembrüder wollen Nordafrika unter ihre Fuchtel bringen wozu z,B. die endlosen Beriche über Syrien der Aufstand kommt hier aus der gleichen Quelle
Welehamm 13.08.2012
2.
Ich frage mich ernsthaft, weshalb die USA und NATO alles daran setzen, dass die Muslimbrüder auch in Syrien Fuß fassen. Mir fehlt da absolut der strategische Sinn.
angnaria 13.08.2012
3. vielleicht
Zitat von WelehammIch frage mich ernsthaft, weshalb die USA und NATO alles daran setzen, dass die Muslimbrüder auch in Syrien Fuß fassen. Mir fehlt da absolut der strategische Sinn.
deshalb, weil man erkannt hat, dass die Muslimbrüder in Wirklichkeit die einzig vernünftige Alternative dort darstellen. Sie sind demokratisch und (rrelativ) moderat. Man darf nicht vergessen, dass das Bild das uns von den Muslimbrüdern gemalen wurde aus der Propagandamaschinerie des Mubarak Clans stammt.
mr_spock 13.08.2012
4.
Zitat von angnariadeshalb, weil man erkannt hat, dass die Muslimbrüder in Wirklichkeit die einzig vernünftige Alternative dort darstellen. Sie sind demokratisch und (rrelativ) moderat. Man darf nicht vergessen, dass das Bild das uns von den Muslimbrüdern gemalen wurde aus der Propagandamaschinerie des Mubarak Clans stammt.
So war es dann auch nur richtig, diesen 'Tantawi abzusetzen. Ein U-Boot aus der Mubarakclicke braucht Ägypten nicht. Ob mit Moslembrüdern oder ohne, der Weg ist noch weit, aber begonnen.
Ungustl 13.08.2012
5. Nix g´scheites kommt nach...
Rückblickend in ein, zwei Jahren werden wir sehen, dass die Absetzung von Mubarak genau nichts gebracht hat, weil es dort genauso ist wie überall auf der Welt. An Gerechtigkeit ist niemand interessiert, genauso wie bei uns. Auch in Deutschland haben wir seit Jahrzehnten Einheitsparteien an der Macht. Das Volk ist dumm und bekommt die Vertreter, die es verdient.
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