Machtkampf Scharon verlässt Likud-Veranstaltung nach Eklat

Angesichts der Eskalation im Gaza-Streifen gerät Israels Ministerpräsident Scharon in den eigenen Reihen immer mehr unter Druck. Mitglieder seiner Likud-Partei drehten ihm bei einer Veranstaltung mehrfach das Mikrofon ab - eine demonstrative Geste, um Scharons innerparteilichen Rivalen Netanjahu im Kampf um die Macht zu unterstützen.


Jerusalem - Bei einem Treffen mit mehr als 3000 Mitgliedern des Zentralkommitees der Likud-Partei war Israels Ministerpräsident Ariel Scharon mehrfach mit offenbar gezielten Stromabschaltungen an einer Entgegnung auf seinen innerparteilichen Widersacher Benjamin Netanjahu gehindert worden. Netanjahu macht Scharon die Parteiführung streitig und wirft ihm vor, mit dem Rückzug aus dem Gazastreifen Israel in Gefahr gebracht zu haben.

Das Zentralkomitee will am Montag darüber abstimmen, ob parteiinterne Vorwahlen - wie von Netanjahu gewollt - bereits im November oder erst im April stattfinden sollen, wie von Scharon gewünscht. Das Ergebnis der Beratungen entscheidet möglicherweise über die politische Zukunft des Scharons. Sollte das Zentralkomittee tatsächlich dafür stimmen, die Neuwahl des Parteivorsitzenden auf November vorzuziehen, könnte ein Sturz Scharons an der Spitze der Regierung die Folge sein.

Jüngsten Umfragen der Zeitung "Maariv" zufolge würde eine Mehrheit von fast 51 Prozent der Mitglieder des Zentralkomitees lieber Scharons erzkonservativen Rivalen Benjamin Netanjahu an der Likud-Spitze sehen. Der Regierungschef dagegen kann sich demzufolge derzeit nur der Unterstützung von rund 42 Prozent der Mitglieder sicher sein. Etwa sieben Prozent der Befragten seien noch unentschieden, berichtet das Blatt weiter.

Ein Vorziehen der Wahl des Parteivorsitzenden würde es wahrscheinlich machen, dass auch die für später im Jahr 2006 geplanten Parlamentswahlen vorverlegt werden. Sie könnten dann schon im Februar abgehalten werden. Scharon, der die parteiinternen Vorwahlen möglichst spät will, erklärte zuletzt, "radikale Extremisten" hätten die Kontrolle im Likud übernommen, den er vor rund drei Jahrzehnten mitbegründet habe. Bislang ließ er aber offen, ob er im Falle einer Niederlage gegen Netanjahu aus dem Likud austreten und eine eigene Partei gründen werde.

Netanjahu hatte Scharons Kabinett vor kurzem aus Protest gegen den Abzug aus dem palästinensischen Gaza-Streifen verlassen und stützt sich auf den ultra-konservativen Flügel des Likud, der eine Aufgabe von besetztem Gebiet für Verrat hält. Das Wiederaufflammen der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern am Wochenende - und damit nur knapp zwei Wochen nach dem Gaza-Abzug - dürfte Netanjahu daher im parteiinternen Machtkampf von Nutzen sein.



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