Umbruch in Ägypten "Diesmal wird es klappen"

Jetzt soll alles besser werden: Viele Ägypter hoffen nach der Entmachtung Mursis auf einen Neustart der Demokratie. Die Opposition will dabei nicht wieder in ihre alten Fehler verfallen. Andere aber setzen auf eine jahrelange Herrschaft der Armee.

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Aus Kairo berichtet


Toni Kalifa sieht nicht aus wie ein Opfer des vom Militär orchestrierten Umsturzes in Ägypten: Mit zwei Smartphones in der Hand wandert er in der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels am Nil auf und ab, immer wieder kommen Anrufe. "Nein", sagt Kalifa. "Wir wissen nicht, wie es weiter geht." Kalifa ist ein Mann, der seinen Teil zur Absetzung von Präsident Mohammed Mursi beigetragen hat - absurderweise hat er sich dadurch selbst arbeitslos gemacht.

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Heft 27/2013
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Bis Mursi und seine Muslimbrüder entmachtet wurden, war Kalifa Moderator einer beliebten ägyptischen Fernsehsendung. In seiner "Die Ära der Muslimbrüder" genannten Show hatte er jeden Tag zur besten Sendezeit für eine Stunde einen Islamisten zu Gast und nahm dessen Ideologie gnadenlos auseinander. Auf YouTube kann man sich Höhepunkte seines Krawall-Talks angucken, der auf dem Privatsender "Kairo und das Volk" ausgestrahlt wurde. Nicht selten werden die Scheichs handgreiflich, wenn Kalifa lästige Fragen stellt.

Am Mittwochabend fand die auch von Kalifa betriebene Demontage der Brüder ihren Höhepunkt: Nicht nur, dass die ägyptischen Generäle ihren Präsidenten des Amtes enthoben. Indem die Armee drei islamistische Fernsehsender abschaltete und Haftbefehle für bis zu 300 Führer der Bruderschaft ausstellte, schickte sie die Organisation nicht nur wieder zurück in den Untergrund - sie nahm Kalifa auch seine Gäste.

"Wir waren im Begriff, die neue Staffel anzufangen. Doch jetzt sitzen alle meine Gäste im Gefängnis", sagt Kalifa. 14 Namen derer, die er während der Ramadan-Ausgabe seiner Show in die Mangel nehmen wollte, stehen schon auf der Wanted-Liste des Militärs. "Die anderen landen da auch noch drauf." Seine Sendung ist seit Mittwoch abgesetzt. Traurig ist er darüber nicht: "Meine Mission ist erfüllt. Und ich habe massig Angebote für andere Talk-Formate." Bis sich die konkretisieren, bleibt Zeit, über den Zustand der Revolution nachzudenken.

"Revolution Nummer zwei"

"Bei der ersten Revolution hat die Opposition viele Fehler gemacht", sagt Kalifa. Die Mubarak-Gegner hätten keine Führerfiguren hervorgebracht, vor allem aber hätten sie sich nach dem Sturz des Diktators wieder ins Privatleben zurückgezogen. "Die jungen Leute wollten sich nicht die Hände mit Politik dreckig machen", sagt der TV-Mann. Statt mitzugestalten, hätte die Jugend von der Seitenlinie aus kommentiert. "Facebook und Twitter - aber bloß keine Verantwortung übernehmen."

Nach der "Revolution Nummer zwei", wie Kalifa die Ereignisse der vergangenen Tage klassifiziert, werde das nun anders laufen, sagt er. "Diesmal waren die Leute organisiert, und die Armee war klug genug, die Opposition mit in die Verantwortung zu nehmen", sagt der gebürtige Libanese. "Ich glaube, dass es diesmal klappen wird."

Voller Hoffnung ist am Donnerstag auch Oberkellner Attef Abdelghalil. Seit 25 Jahren serviert er im Café Fischawi Tee. So wenig zu tun wie in den vergangenen Monaten hatte er selten. Das Fischawi, das vermutlich berühmteste historische Caféhaus in Kairo, ist normalerweise ein Touristenmagnet. Heute sitzt kaum jemand an den polierten Messingtischchen.

Bei Abdelghalil und seinen Kollegen hat das zu einem für Ägypten derzeit sehr typischen Umdenken geführt. Als wir die Angestellten des Fischawi kurz nach der Revolution 2011 interviewt hatten, kündigten die meisten Männer an, die Muslimbrüder wählen zu wollen. "Ja, ich habe die Brüder gewählt", sagt Abdelghalil. Nach 30 Jahren Kleptokratie seien ihm die Frommen als ehrliche, zuverlässige Leute erschienen.

"Der größte Fehler, den Ägypten je gemacht hat"

Viele dachten wie er. Vor einem Jahr wurde deshalb der Brüderkandidat Mursi zum Präsidenten gewählt. Auch im Parlament setzten sich die Islamisten durch. "Das war der größte Fehler, den Ägypten je gemacht hat." Denn nicht nur, dass Mursi es nicht vermochte, die Touristen zurück nach Ägypten zu locken: "Die haben letztlich auch nur ihre eigenen Interessen verfolgt und nicht wie versprochen für das Volk gearbeitet", moniert Abdelghalil.

Das Experiment "Demokratie für Ägypten" ist für den Oberkellner gescheitert. "Die Armee sollte die Macht nicht so schnell wieder hergeben." Frühestens in drei Jahren hält er Neuwahlen für sinnvoll. "Demokratie ist nicht wichtig jetzt. Nur die Wirtschaft zählt. Derzeit herrscht Chaos, es muss aufhören." Erst, wenn die Touristen zurückkämen, werde es mit Ägypten wieder bergauf gehen.

Während Abdelghalil noch erzählt, donnern Propellermaschinen und Kampfjets im Tiefflug über Kairos Innenstadt: Die Flugschau, bei der der Himmel über dem Nil mit Rauchstreifen in den Nationalfarben Weiß, Rot und Schwarz dekoriert wird, markiert den Moment, an dem im Gebäude des Verfassungsgerichts ein Richter namens Aldi Mansur den Amtseid als neuer Präsident Ägyptens ablegt.

Nach seiner Vereidigung sagt Mansur wartenden Journalisten, auch die Muslimbrüder seien ein Teil der Nation. Sie seien willkommen, den Weg in die Zukunft mitzugestalten.

Am Nachmittag wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen und Mursi und 15 andere Islamisten aufgenommen hat. Sie sollen die ägyptische Justiz beleidigt haben.

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andere Hobbys 04.07.2013
1. Da
Zitat von sysopGetty ImagesJetzt soll alles besser werden: Viele Ägypter hoffen nach der Entmachtung Mursis auf einen Neustart der Demokratie. Die Opposition will dabei nicht wieder in ihre alten Fehler verfallen. Andere aber setzen auf eine jahrelange Herrschaft der Armee. http://www.spiegel.de/politik/ausland/machtwechsel-aegypter-hoffen-auf-demokratie-a-909498.html
wird gar nichts klappen. Das Spiel geht doch schon seit Pharao`s Zeiten so.
rahelsu 04.07.2013
2. Sein wir mal ehrlich...
...wann immer Religionsgesetze einer Religion Staatsräson waren, ging das schief. Das hat man auch schön in den letzten Jahrhunderten in Europa gesehen, wo es immer Völkerwanderungen und logischerweise Vermischung zwischen den Ethnien gab und das mit Mord und Totschlag endete. Dasselbe haben wir übrigens auch noch heute in einigen Teilen der Welt. Aber bestimmte religiöse Traditionen als gesetzeswidrig einzustufen, weil die Mehrheit einer Bevölkerungsgruppe dem, sagen wir, Mainstream angehört, hat nichts mit Demokratie zu tun. Demokratie bedeutet nicht automatisch, derjenige mit den meisten Stimmen diktiert jetzt alles, auch den Glauben, und setzt seine Freunde als Provinzgouvaneure ein. Also was diese Menschen brauchen, ist eine Verfassung, die bar jeden religiösen Bezugs ist, jedem Menschen gleiche Rechte einräumt und Pflichten auferlegt. Erst mit einer Verfassung, die nicht Mann und Frau unterscheidet, oder Muslime von Christen oder Juden. Erst mit einer solchen Verfassung kann man etwas von Freiheit und Demokratie faseln. Das hat Mursi nicht erkannt, er glaubte, wenn er die Mehrheit der Stimmen erlangt, bedeutet das, dass alle seinem religiösen Wahn folgen müssen. Er hat nicht erkannt, dass die Hühner, die Eier legen, nicht plötzlich zu Michkühen werden. B"H ist Mursi weg, ich wünsche Ägypten alles Gute für die Zukunft in eine echte Demokratie. Inshallah!
johannes2000 04.07.2013
3. ideologischer Krieg
Man stelle sich vor die Muslimbrüder wären von Anfang an so gegen die alten Schergen Mubaraks(Diktaturen halten sich nur mit Millionen von Profiteuren und Unterstützern...) und/oder die neue Opposition vorgegangen wie jetzt erneut die Muslimbrüder verfolgt werden. Das Militär hat jetzt Jahre Zeit seine wirtschaftlichen Pfründe weiter zu sichern und sie dem ägyptischen Volk vorzuenthalten. Zudem kann ich mir vorstellen dass das Militär mit ihrer gnadenlosen Verfolgung des alten Regimes(Beleidigung der Justiz?) islamistische Terrorattacken provozieren will um einen dauerhaften Ausnahmezustand in Ägypten zu installieren der ihnen auf unbestimme Zeit die Macht in Ägypten sichert. Die konservativen Muslime wissen jetzt dass sie keine Chance haben die Macht auf demokratischem Wege zu erringen ohne dass es vom Westen unterstützte Militärputsche gegen sie gibt mit anschließender gnadenloser Verfolgung alá Algerien und Ägypten. Man kann nicht ständig konservative Muslime dämonisieren aber die Verletzung ihrer Menschenrechte einfach ignorieren oder gar begrüssen wie es vielfach passiert, dann setzt man sich nämlich nicht für Demokratie ein sondern betreibt einen ideologischen Krieg. Die meisten sexuellen Übergriffe wurden auch durch Anhänger des alten Regimes begangen, schließlich hat ihnen die Gesetzlosigkeit auf den Straßen Kairos am meisten geholfen und nicht dem herrschenden Regime. Zudem haben die Profiteure einer Diktatur ein barbarisches Menschenverständnis(schließlich wissen sie dass sie mit Gewalt auf Kosten anderer leben und haben Null Gewissensbisse), sexuelle Gewalt durch Sicherheitskräfte, Militärs und Regimeunterstützer ist in allen arabischen Ländern weit verbreitet. Sprich ich ich kann mir gut vorstellen den alten Folterschergen aus Mubaraks Zeiten ist langweilig geworden und nun leben sie ihren Sadismus auf dem Tahrir Platz aus.... Wie soll man zudem den Beifall des gefährlichsten Landes in dieser Region, Saudi-Arabien, verstehen? Ihnen hat wohl nicht gefallen dass Mursi die diplomatischen Beziehungen mit dem Iran nach Mubaraks Sturz wiederhergestellt hat. Anscheinend haben die islamischen Faschisten dort wenig Probleme mit dem Umsturz und über deren Rolle in der Region reden die Erdölabhängigen Länder dieser Welt natürlich nicht. Die Muslimbrüder waren viel gemäßigter als es die Herrscherfamilie in Saudi-Arabien jemals sein wird.
degraa 04.07.2013
4.
Was denn, kann man den Koran nicht essen? Sollten Euch die Mullahs Unsinn erzählt haben? Was diesen Leuten helfen könnte, ist Bildung. Saudi-Arabien und die Emirate beschränken sich leider auf Bau und Finanzierung von Medressen, deren Lehrplan darin besteht, Sure für Sure des Korans auswendig lernen zu lassen. Ein kleiner Teil in mir bedauert, dass die Armee so früh eingegriffen hat: der politische Islam ist in Ägypten noch nicht deutlich genug gescheitert und hat seinen Rückhalt immer noch mehrheitlich bei der ungebildeten Landbevölkerung. Wenn auch da der leztte Fellache am eigenen Leib erfahren hätte, dass der Islam nicht die Lösung, sondern das Problem selber ist, dann hätte der politische Islam die Niederlage erhalten, die er brauchen würde, um sich endlich mal kritisch mit sich selbst zu beschäftigen. BTW: die Saudis haben ein politisches Wendemanöver hingelegt, dass Merkel vor Neid erblassen lassen musste: erst pumpen sie über Jahre Milliarden Petrodollar in die Muslimbrüder und dann gratulieren sie als erster dem ägyptischen Volk zur Entmachtung des islamistischen Staatspräsidenten. Selten so gelacht.
Nevsehirli50FB 04.07.2013
5.
Es ist erbärmlich, dass sich die westlichen Medien und Staaten nicht kritisch über den Militärputsch in Ägypten äußern. Ist das das Demokratieverständis der westlichen Zivilisation? Sobald es den westlichen Staaten finanziell gut geht, sind diese Staaten demokratisch. Aber bei Finanzkrisen sehen wir das wahre Gesicht der westlichen Zivilisation! Das haben wir auch in der NS-Zeit erlebt. In Ungarn herrschen heute die Nationalisten. Europäische Demokratie hängt stark von der finanziellen Lage ab. Wenn die westlichen Staaten von undemokratischen Aktivitäten proftieren, dann sind plätzlich alle stumm. Wochenlang wurde Erdogan als "autokratisch" bezeichnet. Wie könnte das Gericht bei einem totalitären System das Vorhaben von Erdogan verhindern? Die Europäer meinten doch, dass Erdogan autoritär regiert. Das totalitäre System herrscht in Deutschland. Der Verfassungsschutz verfolgt seit Jahren die Muslime und bildet Terrormaschinen (NSU) aus, die die Muslime ermorden. Seit Jahren werden friedliche muslimische Gemeinschaften wie "IGMG" vom VS beobachtet....
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