Machtwechsel auf Haiti Aristide flieht, US-Marines kommen

In Haiti jubeln die Rebellen: Nach wochenlangen Unruhen hat sich Präsident Jean-Bertrand Aristide gebeugt und sein Land verlassen - auch auf Druck des US-Außenministers Powell. Washington hat beschlossen, Elitesoldaten in das Land zu schicken. Kanadische Truppen sind nach Rundfunkberichten schon gelandet.


Port-au-Prince/Rabat/Johannesburg - Kanadische Soldaten hätten den Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince unter ihre Kontrolle gebracht, meldete der französischsprachige kanadische Fernsehsender RDI, der eigene Reporter in Haiti hat. Nach den Worten des kanadischen Außenministers Bill Graham wollen sich die USA zudem um eine Resolution des Uno-Sicherheitsrates bemühen, die den Einsatz autorisiert.

Jubelnde Aristide-Gegner in Haiti: Soldaten aus den USA sollen den Frieden wieder herstellen
AP

Jubelnde Aristide-Gegner in Haiti: Soldaten aus den USA sollen den Frieden wieder herstellen

Premierminister Yvon Neptune sagte am Sonntag vor Journalisten in der Hauptstadt Port-au-Prince, Aristide habe mit seinem Abgang ein Blutvergießen vermeiden wollen. Aristide verließ sein Land mit unbekanntem Ziel. Marokko dementierte, dass man ihm Asyl bieten wolle. Die US-Regierung plante die Entsendung einer internationalen Friedenstruppe. Aristides Nachfolger als Staatsoberhaupt wurde gemäß der Verfassung der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, Boniface Alexandre.

US-Außenminister Colin Powell war nach Angaben amerikanischer Regierungsbeamter in Washington entscheidend an dem Abgang Aristides beteiligt. Powell habe sich die Nacht über persönlich für eine Lösung eingesetzt, hieß es in Washington. Zwischen dem Weißen Haus, dem Außen- und dem Verteidigungsministerium fanden in den Stunden nach der Flucht Aristides intensive Gespräche statt.

Mit Anklage wegen Drogenhandels gedroht

Präsident Aristide: Von den USA im Amt gehalten, von den USA gestürzt
AFP

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Wie viele US-Elitesoldaten entsandt werden und wann war am Sonntag noch unklar. Die US-Regierung teilte aber mit, der Beschluss für die Entsendung sei gefallen. Die Soldaten seien als Vorhut einer multinationalen Friedenstruppe gedacht. Die US- Regierung arbeite mit befreundeten Ländern bereits an einer entsprechenden Resolution des Weltsicherheitsrates.

Am Samstag hatte das Weiße Haus angesichts der eskalierenden Gewalt den Druck auf Aristide noch erhöht und ihm vorgeworfen, in hohem Maße für die Krise verantwortlich zu sein. Aristide hatte am selben Tag versichert, er werde bis zum Ende seiner Amtszeit im Februar 2006 Präsident bleiben. Aus Oppositionskreisen hieß es, amerikanische und französische Diplomaten hätten Aristide gedroht, dass er wegen Drogenhandels angeklagt würde, wenn er nicht freiwillig zurücktrete.

Leichen mit Kopfschüssen

Nach Angaben des dominikanischen Regierungssprecher Luis González Fabra landete Aristide nicht in der benachbarten Dominikanischen Republik, sondern flog über eine andere Karibikinsel in Richtung Afrika weiter. Nach einer Meldung der karibischen Nachrichtenagentur CMC legte das Flugzeug Aristides einen Zwischenstopp auf der Karibikinsel Antigua ein. Marokko, das als Asylland im Gespräch war, lehnte nach Medienberichten seine Aufnahme ab.

In Port-au-Prince beherrschten am Sonntagmorgen zunächst bewaffnete Anhänger Aristides die Straßen und bedrohten Passanten und Journalisten. In den folgenden Stunden wurden aber auch erste Freudenfeiern gemeldet. Am Freitag und Samstag waren bei blutigen Unruhen in der Hauptstadt mindestens zehn Menschen getötet worden. Einige der Leichen waren gefesselt und wiesen Kopfschüsse auf. Plünderer hatten in den vergangenen Tagen Geschäfte und Warenlager in Port-au-Prince heimgesucht. Ausländer konnten seit Freitag Haiti kaum noch verlassen, weil die internationalen Fluggesellschaften den Verkehr eingestellt haben.

Bilanz des Bürgerkrieges

Seit Anfang Februar waren in Haiti bei bewaffneten Auseinandersetzungen mehr als 80 Menschen ums Leben gekommen. Am 5. Februar hatte in der Stadt Goniaves (160 Kilometer nordwestlich von Port-au-Prince) eine Gruppe bewaffneter Aristide-Gegner die Macht übernommen. Nachdem sie Verstärkung von Exil-Haitianern aus der Dominikanischen Republik erhalten hatten, eroberten sie zahlreiche Städte und Orte im Norden der Karibikrepublik und bedrohten Port-au-Prince. Sie hatten nach Aussage ihres Anführers Guy Philippe mit einem Angriff auf die Hauptstadt gewartet, um einer friedlichen Lösung der Krise noch eine Chance zu geben.

Aristide, ein früherer Prediger, war Haitis erster demokratisch gewählter Präsident in 200 Jahren Unabhängigkeit. Ein Putschversuch gegen Aristide war im Jahr 1994 gescheitert - damals intervenierten die USA mit 20.000 Soldaten zu seinen Gunsten. Bereits vor zwei Wochen hatten die Eheleute Aristide ihre beiden Töchter nach New York ausfliegen lassen.



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