Machtwechsel in Großbritannien Browns Unabhängigkeitstag

Gordon Brown war jahrelang treuer Diener von Tony Blair. Doch er will dessen Politik nicht einfach fortführen. Nach dem Machtwechsel kündigte der britische Premier an, es werde eine "neue Regierung mit neuen Prioritäten" geben.


London - "Lasst uns die Arbeit des Wechsels beginnen", sagte Brown am Nachmittag nach seiner Ernennung durch Queen Elizabeth II. Anschließend zog er in den Amtssitz Downing Street 10 ein, wo Blair zehn Jahre lang residierte. "Zu jeder Zeit werde ich stark, standfest und zielgerichtet für die Anliegen der britischen Bevölkerung eintreten", gelobte Brown. Er wolle den Wünschen des ganzen Landes gerecht werden. "Ich werde alles, was in meinen Kräften ist, versuchen."

Er werde als Premierminister "zuhören und lernen", versprach Brown. Der frühere Labour-Schatzmeister kündigte eine "neue Regierung mit neuen Prioritäten" an. Einzelheiten nannte Brown nicht. Morgen will er sein Kabinett vorstellen.

Bei seinem letzten Auftritt im Parlament verteidigte Blair noch einmal seine Irakpolitik. Sichtlich bewegt stellte sich der scheidende Premier, der das Amt zur Hälfte seiner dritten Amtszeit aufgab, ein letztes Mal den Fragen der Abgeordneten. Die meisten bezogen sich auf den Militäreinsatz Großbritanniens im Irak, der Blair die größten Ansehensverluste beschert hatte.

Es tue ihm leid, dass die Streitkräfte in Afghanistan und im Irak Gefahren ausgesetzt seien, sagte Blair. Er wisse, dass einige Menschen dächten, die Soldaten würden umsonst damit konfrontiert. "Ich glaube, sie kämpfen für die Sicherheit dieses Landes und weltweit gegen Menschen, die unsere Art zu leben, zerstören wollen", hielt er dagegen.

"Ich wünsche allen viel Glück, Freunden oder Feinden - und das war's", sagte der 54-jährige scheidende Regierungschef zum Abschied. Die Abgeordneten zollten ihm stehend Beifall. Oppositionschef David Cameron würdigte die Erfolge des Premierministers in der Entwicklungs- und der Nordirlandpolitik.

Sowohl in der Downing Street als auch vor dem Parlament demonstrierten Irakkriegsgegner und Verwandte von im Irak getöteten britischen Soldaten. "Saddam Hussein ist weg, Tony Blair auch, und der letzte wird (US-Präsident George W.) Bush sein", sagte die Witwe eines britischen Soldaten, der sich nach seinem Irak-Einsatz das Leben nahm. Seit der US-geführten Invasion im Irak im März 2003 kamen 152 britische Soldaten in dem Land ums Leben.

In seiner letzten Rede als Regierungschef ging Blair auch auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ein. Eine Zwei-Staaten-Lösung habe "absolute Priorität", um die Region zu befrieden, sagte er. Blair soll Uno-Sondergesandter für Nahost werden. Das Nahost-Quartett hatte sich bis zu Mittwoch zwar noch nicht formell auf eine Nominierung festgelegt. Es wurde jedoch in Kürze damit gerechnet. Der irische Premierminister Bertie Ahern sagte dem Radiosender RTE am Mittwochmorgen, Blair sei bereit, die Aufgabe anzunehmen. Sollte es dazu kommen, müsste der Ex-Regierungschef auch sein Abgeordnetenmandat niederlegen.

Nach seinem Auftritt im Unterhaus sagte Blair seinen Mitarbeitern in der Downing Street Lebewohl. Er posierte ein letztes Mal mit seiner Frau Cherie und seinen vier Kindern vor der schwarzen Tür, bevor er im Buckingham Palace bei Queen Elizabeth II. offiziell seinen Rücktritt einreichte. Lächelnd bestieg er als "einfacher Bürger" einen Jaguar und fuhr davon. Später am Nachmittag wurde er in seinem Wahlkreis in Sedgefield erwartet.

als/AFP/dpa/Reuters



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