Machtwechsel in Nigeria Neuanfang mit dem Ex-Diktator

In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, wurde ein Ex-Diktator zum neuen Präsidenten gewählt: Muhammadu Buhari. Er könnte tatsächlich für einen demokratischen Wandel stehen.

Eine Analyse von , Kapstadt


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der 31. März 2015 wird als historisches Datum in die Geschichte Nigerias eingehen. Es ist der Tag, an dem zum ersten Mal seit dem Ende der Militärherrschaft im Jahr 1999 ein amtierender Staatschef abgewählt wurde. Präsident Goodluck Jonathan hat mit einer noblen Geste die Niederlage eingeräumt und dem Wahlsieger Muhammadu Buhari gratuliert. Nigeria, mit seinen 175 Millionen Einwohnern die größte Demokratie Afrikas, hat damit eindrucksvoll bewiesen, dass auch in einem afrikanischen Krisenstaat ein friedlicher Machtwechsel möglich ist.

Noch Stunden vor der Schließung der 155.000 Wahllokale hatten viele Beobachter diesen Erfolg für unwahrscheinlich gehalten. Die Pessimisten prophezeiten ein heilloses Chaos, flächendeckende Wahlfälschungen, blutige Unruhen, Attacken der Terrormiliz Boko Haram. Die ethnisch und religiös zerrissene Bundesrepublik glich einem Pulverfass, schließlich traten ein Muslim aus dem Norden (Buhari) und ein Christ aus dem Süden (Jonathan) gegeneinander an.

Doch das erbittert geführte Wahlkampf-Duell der beiden Spitzenkandidaten löste wider Erwarten keine Explosion aus. Bleibt nur zu hoffen, dass die enttäuschten Anhänger des Verlierers nicht doch noch auf die Barrikaden gehen. Nach der letzten Präsidentschaftswahl vor vier Jahren kam es vielerorts zu Gewaltexzessen, 800 Menschen starben.

Die Wende deutete sich bereits während des Wahlkampfs an. Viele Nigerianer waren ihres miserabel bis gar nicht regierenden Präsidenten überdrüssig geworden. Jonathan sei schon der Hut zu schwer, den er auf seinem Kopf trage, spottete das Volk.

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Nigeria: Ein Tag für die Geschichtsbücher
Wunsch nach einen starken, unbestechlichen Präsidenten

Ganz anders wurde sein Herausforderer Buhari wahrgenommen. Der warb mit dem Slogan "Change", also Wandel, und einem Besen als Symbol des Oppositionsbündnisses. Seine Auftritte zogen gewaltige Menschenmassen an. Es war spürbar, dass sich die Mehrheit einen neuen Mann im höchsten Staatsamt wünscht: Einen starken, unbestechlichen Präsidenten, der mit der Korruption aufräumt. Und mit der islamistischen Mördertruppe Boko Haram, die den Nordosten des Landes terrorisiert.

Muhammadu Buhari wird das zugetraut. Der gemäßigte Muslim und Ex-General der Armee hat Nigeria in den Achtzigerjahren schon einmal mit harter Hand regiert. Zu hart, sagen seine Kritiker. Er ließ damals Oppositionelle gnadenlos verfolgen und öffentliche Hinrichtungen durchführen. Buhari wehrt alle Vorwürfe kühl ab: Er könne zwar die Vergangenheit nicht ändern, wohl aber die Zukunft.

Die Zukunft beginnt am 29. Mai, wenn Buhari als Staatspräsident vereidigt wird. Er ist mit 72 Jahren nicht mehr der Jüngste, und er weiß, dass er vor titanischen Herausforderungen steht. Denn nach dem massiven Einbruch des Ölpreises ist die Wirtschaft des größten Erdölexporteurs Afrikas angeschlagen, und die mächtigen Eliten, die den Staatshaushalt seit Jahrzehnten plündern, werden jeden Reformversuch torpedieren. Im Nigerdelta haben die von Jonathan befriedeten Rebellen bereits angedroht, wieder zu den Waffen zu greifen, falls Buhari triumphiert.

Vor allzu großen Erwartungen muss ohnehin gewarnt werden, denn in Afrika haben sich schon viele Hoffnungsträger in lausige Kleptokraten verwandelt, sobald sie an der Macht waren. Doch erst einmal dürfen die Nigerianer feiern: Sie haben ein politisches Fanal für den ganzen Kontinent gesetzt. Wenn der kranke Riese Nigeria sich selber kurieren kann, dann sollte der Rest Afrikas das auch können.


Zusammenfassung: Ex-Militärdiktator Buhari ist der neue Hoffnungsträger Nigerias. Schon dass der Machtwechsel bislang friedlich verlief, ist ein Erfolg. Nun muss er trotz sinkender Ölpreise die Wirtschaft stabilisieren, den Terror der Boko Haram bekämpfen und die Rebellen im Nigerdelta befrieden.

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kbrm9 01.04.2015
1. Korruption in Afrika
Nigeria kann sich stabilisieren, Boko Haram zu bekämpfen wird sehr schwer. Diese möchtegern selbsternannten Muslime leben im Untergrund und können von dort aus agieren. Die Organisation ist zu groß zum vernichten, aber bekämpfen kann man sie. Die Korruption in Nigeria wird das gewaltigste seiner Probleme werden, wenn er nicht selbst sich daran beteiligt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch die frage ist nur wie voll am ende des Tages seine Taschen sind. Die Erdöl Eliten wird es weiterhin geben die gibt es auch in vermeintlichen Demokratien wie den USA usw. Ebenso ist es kein Kampf zwischen Christen und Muslime, man muss es nur schaffen Boko Haram die Luft etwas abzudrehen, und viele Geld des Erdöls etwas mehr dem Volk zuteilen. Leider wird es nicht so laufen... Afrika ist vollkommen verloren.
DasVerkehrswesen 01.04.2015
2. Change
"Nach der letzten Präsidentschaftswahl vor vier Jahren kam es vielerorts zu Gewaltexzessen, 800 Menschen starben." Auch damals standen sich Buhari und Jonathan gegenüber. Allerdings siegte damals der christliche Kandidat Jonathan und die Muslime im Norden erwiesen sich als schlechte Verlierer. Buhari benötigte 2011 geschlagene drei Tage, um den wütenden Mob seiner Anhänger im muslimischen Norden zur Ordnung zu rufen. Bis dahin waren bereits 800 Menschen, überwiegend Christen, sowie Muslime, die sich für den christlichen Kandidaten stark gemacht hatten, ermordet. Dieses Mal hat der muslimische Kandidat gewonnen und die Gewalt bleibt aus. Die Christen sind offenbar die besseren Verlierer.
horstu 01.04.2015
3. Keine Analyse, sondern Mutmaßung
Ein Ex-Diktatur, der Oppositionelle gnadenlos verfolgt und öffentliche Hinrichtungen durchgeführt hat, soll für den demokratischen Wandel stehen. Weshalb? Begründung? Liefert der Artikel nicht. Immerhin war sein Wahlkampfslogan "Change", das lässt hoffen (Ironie). So ist das keine Analyse, sondern eine Mutmaßung.
ingofischer 01.04.2015
4. Wirklich nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer
Ein ehemaliger muslimischer Diktator, der Oppositionelle öffentlich hinrichten lies, soll sich jetzt um 180° gedreht haben und nun auf einmal gegen Korruption kämpfen und die muslimischen Extremisten bekämpfen? Das ist wirklich nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer, denn welche Glaubwürdigkeit man Wahlversprechen schenken kann, ist selbst im durchdemokratisiertem Westeuropa jedem klar. Aber viel wichtiger scheint ja zu sein, dass es eine demokratische Wahl gab - das Allheilmittel und Maßstab für eine "gute" Regierung.
R. Reicht 01.04.2015
5. an sich
ein guter Artikel ... den letzten Satz hätten Sie sich aber sparen können. Denn 2001 herrschte die gleiche Hoffnung, als der erste demolratische Machtwechsel in Schwarzafrika, nämlich in Ghana vollzogen wurde. Seinerzeit wurde der mehrfache Putschist und anschl. demokratisch legitimierte Präsident Rawlings abgewählt. In anbetracht dessen umfänglichen Kerbholz war der dortige friedliche Übergang um so beachtlicher ... leider ohne, dass sich sonstige Hoffnungen erfüllt hätten.
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