Machtwechsel in Palästina Hamas erobert Ramallah

Mit diesem Ergebnis hätten wohl selbst die Hamas-Führer nicht gerechnet: Die Radikalislamisten gewannen in den Palästinensischen Gebieten die absolute Mehrheit - dabei wäre ihnen eine Koalition mit der Fatah lieber. PLO-Präsident Abbas erneuerte sein Bekenntnis zum Nahost-Friedensprozess.

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash


Ramallah - Den ersten Beweis ihrer neuen Stärke lieferte die Hamas heute Nachmittag ab: Tausende ihrer Anhänger versammelten sich auf dem geschichtsträchtigen Manara-Platz in Palästinas heimlicher Hauptstadt, schenkten grüne Fahnen und skandierten "Gott ist groß!" Nur eine handvoll pubertierende Fatah-Anhänger stellte sich ihnen symbolisch in den Weg. Doch das grüne Meer umschloss sie einfach und ließ sie am Ende vom Zug auf der leeren Straße stehen. Überrollt von den Islamisten: Genau so fühlen sich heute, am Tag ihrer größten Niederlage, die Anhänger der Arafat-Bewegung Fatah.

Hamas-Anhänger in Ramallah: "Der Siedler findet keinen Schlaf"
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Hamas-Anhänger in Ramallah: "Der Siedler findet keinen Schlaf"

Am späten Nachmittag gab es dann Ärger am Parlamentsgebäude: Hunderte Hamas-Anhänger versuchten die Fatah-Fahne zu entfernen, Schüsse fielen, es gab Berichte über Verletzte. Augenzeugen korrigierten aber Agenturberichte, die von einer Stürmung des Gebäudes gesprochen hatten: "Das war nichts Wildes, nur eine kleine Sache", sagte einer von ihnen. Doch auch dieser Zwischenfall drückt die gegenwärtige Stimmungslage in Ramallah aus: Allmachtsgefühle auf der einen, schwerer Frust auf der anderen Seite.

"Außer mir ist heute gar keiner gekommen", sagt etwa ein Mitarbeiter der bis gestern alles dominierenden, größten PLO-Fraktion Fatah. Die Partei-Zentrale, ein riesiges Bürogebäude von sechs Stockwerken, sieht aus, als wollten ihre Bewohner sie nun ebenfalls den Militanten aus dem radikalen Lager überlassen. Gähnende Leere, kahle Flure, umher fliegende Fetzen von Wahlplakaten: Das ist alles, was sich in den sonst immer geschäftigen Fluren und Büros findet.

Charmeoffensive der Hamas

Was gestern in den Palästinensischen Gebieten stattgefunden hat, ist nicht weniger als eine Revolution. Die radikalislamische Hamas gewann nach Angaben der Wahlkommission die absolute Mehrheit. Auf die israelfeindliche Gruppierung entfielen laut offiziellem Ergebnis 76 der 132 Sitze, verlautete am Abend aus der Wahlkommission. Die bislang regierende Fatah-Bewegung von Präsident Mahmud Abbas kam nur auf 43 Sitze.

Zum ersten Mal ist es damit einer arabischen, islamistischen Bewegung gelungen, auf demokratischem Wege eine Parlamentsmehrheit zu erzielen. "Uns gehört die Legislative", skandieren die Grünen auf ihrem Umzug völlig entrückt.

"Ich kann mir das nicht mit ansehen", sagt der 22-jährige Bauarbeiter Nidal, und hält seine Tränen gerade noch so zurück. Die Fatah-Bewegung, die erste politische Plattform der Palästinenser und über 35 Jahre lang das Symbol des Kampfes gegen die israelische Besatzung, ist bis ins Mark erschüttert.

Die Hamas gibt sich derweil alle Mühe, die Besiegten nicht auch noch zu demütigen. Allerdings rufen ihre Versuche manchmal nur schmerzverzerrte Grimassen aus. Etwa wenn vom Hamas-Lautspracherwagen aus "der Märtyrer Abu Jassir Arafat" beschworen wird. "Ist euch euer Scheich Jassin nicht mehr genug?", grummelt ein Fatah-Anhänger, als er das hört. Doch die Charmeoffensive der Islamisten hat einen Hintersinn: Sie wollen ausloten, ob es nicht möglich wäre, die Fatah bei der Regierungsbildung mit ins Boot zu holen. Die Hamas will die Verantwortung lieber nicht alleine schultern.

Entsprechende Signale sandte heute auch der im syrischen Exil sitzende Hamas-Chef Khalid Masch'al direkt an den palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas, der die Hamas nun mit der Regierungsbildung beauftragen muss.

Abbas erneuert Bekenntnis zu Friedensprozess

Aber die Initiative wird wohl nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Am frühen Abend kündigte die Fatah-Führung an, einer von der Hamas geführten Regierung nicht angehören zu wollen.

Am Abend erneuerte Palästinenser-Präsident Abbas sein Bekenntnis zum Nahost-Friedensprozess. Sein politisches Programm basiere weiterhin auf einer friedlichen Lösung mit Israel, sagte Abbas in seiner ersten Stellungnahme zum Ausgang der Wahl. Zugleich kündigte er an, sofort Beratungen über eine neue Palästinenser-Regierung aufzunehmen.

Das Fatah-Kabinett inklusive Premier Ahmad Kurei ist bereits zurückgetreten. Mehrere Ex-Minister hatten eine Regierungsbeteiligung der Fatah schon zuvor ausgeschlossen - zumindest unter Führung der Hamas. Nun wird die Hamas entscheiden müssen, wie viel es ihr wert ist, die Last zu teilen.

In Ramallah wurde heute nicht ausgeschlossen, dass der Posten des Premiers der Fatah angeboten werden könnte. Das könnte noch einmal für Bewegung sorgen.

"Sollen die doch alleine regieren"

Die Fatah-Anhänger und -Führer versuchen unterdessen jeden Eindruck zu vermeiden, sie würden das Ergebnis nicht akzeptieren. "Wir kommen doch alle aus dem selben Karton", tröstet sich der Bauarbeiter Nidal.

"Wir werden schon damit zu Recht kommen. Die Hamasis sind unsere Brüder." Aber vielen Fatahawis fühlen sich hundeelend. "Alles kaputt, alles weg, alles verloren": So oder so ähnlich ist es an jeder Ecke zu hören. Oder auch: "Sollen die doch alleine regieren, dann sehen sie mal wie schwierig das ist!"

Entsprechend gereizt reagieren sie vor allem dann, wenn die Hamas per Lautsprecher und Sprechchor deutlich zeigt, wie wenig sie von den unter der Regie der Fatah abgelaufenen Friedensverhandlungen hält: "O Hamas!", singen sie, "der Siedler findet keinen Schlaf, er flieht, 100-prozentig!" Angesichts solcher offen zur Schau gestellten Militanz fällt es Nidal schwer, ruhig zu bleiben. Er fürchtet, dass es bald wieder heißt, alle Palästinenser seien Terroristen.

Zehn Jahre warten?

Der einsame Fatah-Mitarbeiter in seiner geisterhaft leeren Parteizentrale beginnt unterdessen für sich mit der Fehleranalyse. "Wir waren zu unkoordiniert", meint er. "Wir haben die Hamas unterschätzt." In der Tat sieht es so aus, als hätte es der Fatah das Genick gebrochen, dass sie internen Streit dadurch zu deeskalieren versucht hat, dass in vielen Wahlkreisen je ein offizieller und ein "unabhängiger" Fatah-Kandidat gegen einen Hamas-Bewerber antraten. Die Idee, man könne das Volk über die beiden abstimmen lassen und dabei kein Mandat verlieren, geht aber nur auf, wenn man mindestens eine Zweidrittel-Mehrheit hat. Und die hatte Fatah schon lange nicht mehr.

"Vielleicht gewinnen wir ja beim nächsten Mal alle Sitze wieder zurück", hofft Nidal. Aber dann wird ihm klar, dass ja nicht einmal klar ist, wann die nächste Wahl stattfinden wird. Schließlich ist das hier eine Konfliktregion, fast jede Wahl, die hier je abgehalten wurde, fand später statt, als geplant. Zwischen der ersten und dieser Parlamentswahl lagen ganze zehn Jahre. "Wenn es wieder so lange dauert", sagt Nidal, "dann kommen jetzt harte Jahre auf uns zu." Und jetzt rollt tatsächlich eine Träne seine Wange herunter.



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