Mächtiger Zwergstaat Emir von Katar fordert Assad heraus

Ein winziges Land wird zum diplomatischen Schwergewicht: Katar hat schon die libyschen Rebellen bewaffnet, jetzt fordert es arabische Eingreiftruppen in Syrien. Mit Selbstbewusstsein greift der Emir des Zwergstaats in die Machtkämpfe der Region ein.
Scheich Hamad von Katar: "Das Töten stoppen"

Scheich Hamad von Katar: "Das Töten stoppen"

Foto: Str/ picture alliance / dpa

Drei Anschuldigungen, die die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana an einem einzigen Tag in dieser Woche gegen Katar erhob:

• Mit seinem Sender Al-Dschasira führt das Emirat einen "Medienkrieg" gegen Syrien.

• Das Land unterstützt "die bewaffneten Terrorgruppen", die in Homs und anderen aufständischen Städten gegen die Truppen von Präsident Baschar al-Assad.

• Jetzt gefundene Dokumente belegen, dass Katar russische Schreiberlinge finanziert, damit diese Lügen über das Regime erfinden und verbreiten.

Die Vorwürfe gegen den Zwergstaat am Persischen Golf wiegen schwer - und sind ein Zeichen dafür, dass Damaskus in dem kleinen Land einen ernst zunehmenden Gegner ausgemacht hat.

Tatsächlich hat der Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani, dem syrischen Regime den Kampf angesagt. In einem im November aufgezeichneten und kürzlich ausgestrahlten Interview mit dem US-Sender CBS sprach er sich als erster arabischer Staatschef für ein Eingreifen des Auslands in den eskalierenden Machtkampf in Syrien aus. "Einige Truppen sollten gehen, um das Töten zu stoppen", forderte der Herrscher. Die Einsatztruppen sollten aus arabischen Ländern stammen.

Die Führung in der Hauptstadt Doha reagierte ebenfalls mit starken Worten, als Russland und China am vergangenen Wochenende die Verabschiedung einer Syrien-Resolution im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verhinderten. Die beiden Großmächte hätten Assad damit eine "Lizenz zum Töten" ausgestellt, zürnte der Außenminister Katars, Khaled bin Mohammed al-Attija.

Die wüsten Anschuldigungen Syriens sind auch ein Beweis dafür, wie wichtig Katar im Machtgefüge des Nahen Ostens geworden ist. In den vergangenen Monaten hat das Emirat sich als Vermittler in Krisensituationen unentbehrlich gemacht. Seit 2011 hat es Konflikte in der Westsahara, zwischen Äthiopien und Eritrea, in Indonesien, Somalia, Darfur und dem Libanon moderiert. Erst diese Woche konnte Scheich Hamad einen neuen diplomatischen Triumph feiern, als sich die lange verfeindeten palästinensischen Organisationen Hamas und Fatah unter seiner Ägide auf eine Regierung der nationalen Einheit einigten.

Der Emir schickt Waffen, Truppen und Geld

Doch Katar vermittelt nicht nur, es schickt auch Waffen, Truppen und Geld. Den Kampf der libyschen Aufständischen gegen das Regime Muammar al-Gaddafis im vergangenen Jahr unterstützte der Emir mit Panzerlieferungen und Spezialeinheiten, die Struktur in die aus Freiwilligen zusammengewürfelte Rebellenarmee bringen sollten. Der Zwergstaat beglich auch die Rechnung für die Gründung des Senders Libya TV, des wichtigsten Kommunikationsmittels der Rebellen. Damaskus scheint jetzt ernsthaft zu fürchten, dass Katar in Syrien eine ähnliche Initiative plant.

Der Aufstieg Katars zum politischen Schwergewicht in Nahost begann 1995 mit dem Putsch des jetzigen Machthabers Scheich Hamad gegen seinen Vater. Kaum an der Macht, installierte der Junior eine Führungsriege ihm gesonnener Verwandter und begann ein ehrgeiziges Reformprogramm, mit dem er das Leben seiner etwa 300.000 Untertanen verbessern wollte. Nach vorsichtigen Experimenten mit halbdemokratischer Bürgerbeteiligung kündigte Scheich Hamad für 2013 die ersten freien Wahlen für sein Land an.

Zur von oben verordneten Modernisierungskampagne zählte 1996 auch die Gründung des Fernsehsenders Al-Dschasira, der seitdem zum wohl wichtigsten Instrument der Politik Katars geworden ist. Zwar bestreiten Führungskräfte des Senders immer wieder, dass der Emir die redaktionelle Linie mitbestimmt. Doch das Königshaus finanziert Al-Dschasira teilweise und nimmt somit Einfluss.

Dass sich Katar Fernsehsender und Militäreinsätze in fremden Ländern leisten kann, liegt am immensen Reichtum des Landes. Dank seiner riesigen Gasvorkommen ist es eines der wohlhabendsten Staaten der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2010 bei umgerechnet 75.000 Euro, das Wachstum bei 19,4 Prozent. Etwa 1,5 Millionen Gastarbeiter sind in Katar angesiedelt.

Bleibt die große Frage, warum sich Scheich Hamad als absolutistischer Herrscher der Unterstützung demokratischer Revolten verschrieben hat. Kritiker behaupten, dass der fromme Scheich die Gelegenheit nutzt, in den postrevolutionären Ländern der Region islamistische Regime zu etablieren. Sowohl in Tunesien als auch in Ägypten und Libyen soll Katar einer der großen Geldgeber der dort erstarkten Islamisten-Parteien sein. Andere unterstellen Scheich Hamad überproportionalen Ehrgeiz: Er nutze das Machtvakuum in der Region, um sich und seinen Zwergstaat unentbehrlich zu machen. Katars immenser Reichtum sei dabei sein wichtigstes Werkzeug.

Ständiger Streit mit Teheran

Katars gesteigertes Interesse an Syrien hat seine Ursachen jedoch vor allem in dessen besonderer Beziehung zu Iran: Katar und seine Nachbarn sehen den Machtkampf in Damaskus als günstige Gelegenheit, Assads Verbündete in Teheran in ihre Schranken zu weisen. Iran liegt in ständigem Zwist mit den Golfstaaten. Erst jüngst drohte Teheran, die Straße von Hormus zu blockieren. Dies würde den durch die Meerenge laufenden Export von Öl und Gas unterbrechen und die Golfstaaten empfindlich treffen. Die arabischen Anrainer des Persischen Golfs beschuldigen Iran zudem, schiitische Minderheiten in den verschiedenen Golfstaaten gegen die Obrigkeit aufzuwiegeln.

Was immer Scheich Hamad von Katar antreibt - der Emir hätte kaum einen besseren Moment finden können, sich einen Platz in der ersten Reihe der internationalen Entscheidungsträger zu sichern. "Einige der Schlüsselmächte in der Region - Ägypten und Saudi-Arabien - erleben derzeit Umwälzungen. Katar fand sich in einer Situation wieder, in der es die Fähigkeit, die Führungskraft und das Geld hat, eine Rolle zu spielen", sagt Salman Scheich vom Brookings Institut in Doha der BBC.

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