Majestätsbeleidigung in Russland Puting statt Miting

Parodien, Fotomontagen, Wortspiele: Mit der Verfolgung Putinkritischer Journalisten sind russische Behörden schnell bei der Hand. Jüngstes Opfer ist der Fernsehjournalist Sergej Golowinow, der eine Versammlung von Anhängern des russischen Präsidenten "Puting" nannte.

Von , Moskau


Moskau - "Es war nie unsere Absicht, den Präsidenten zu beleidigen. Die Situation ist völlig absurd", sagt Sergej Golowinow, Reporter des Senders TV-6, der in der russischen Provinzstadt Wladimir beheimatet ist. Am 30. November des vergangenen Jahres strahlte der Kanal einen Beitrag über eine Versammlung von Putin-Anhängern aus. "Puting" taufte Journalist Golowinow die Aktion - ein Wortspiel mit dem Namen des scheidenden Präsidenten und dem in Russland gebräuchlichen Begriff für Versammlung, "Miting".

Auf Grund des Beitrages sind er und sein Sender nun ins Visier der russischen Justiz geraten. Die Staatsanwaltschaft der Stadt Wladimir hat ein Verfahren wegen Beleidigung des Präsidenten eingeleitet, auf Initiative des Parlamentsabgeordneten Michail Babitsch. Er gehört der kremlnahen Partei Einiges Russland an.

"Beleidigung gehört ganz sicher nicht zu unseren Methoden. Außerdem haben wir gar nicht über den Präsidenten, sondern über eine Versammlung seiner Anhänger berichtet", rechtfertigt sich Golowinow.

Dünnhäutige Reaktion auf "Majestätsbeleidigung"

Russischen Journalisten, die mit spitzer Feder und beißender Ironie den Personenkult um Wladimir Putin karikieren, geht es schon seit geraumer Zeit an den Kragen. Die als unabhängig und kritisch geltende Zeitung "Saratower Reporter" steht kurz vor der Schließung, nachdem sie im vergangenen Jahr Putin in der Uniform eines SS-Offiziers abgebildet hatte. Die Fotomontage war eine geschickte Anspielung auf eine in Russland beliebte Fernsehserie. Darin operiert ein russischer Spion im zweiten Weltkrieg verdeckt hinter feindlichen Linien als "SS-Sturmbannführer Stirlitz".

"Und Sie, Stirlitz, bitte ich zu bleiben" - dank der Serie kennt fast jeder Russe diesen Ausspruch. Der "Saratower Reporter" textete die Worte zu der Fotomontage, nachdem ein Abgeordneter des Saratower Stadtparlamentes Putin gebeten hatte, noch eine dritte Amtszeit lang auf seinem Posten als Präsident zu bleiben. Das verbietet aber die russische Verfassung. Als humorlos erwiesen sich die Mitglieder der Partei Einiges Russland: In der Fotomontage sahen sie eine bodenlose Unverschämtheit.

Ein Artikel unter dem Titel "Putin als Phallussymbol Russlands" wurde dem Journalisten Wladimir Rachmankow im Jahr 2006 zum Verhängnis. Rachmankow kommentierte Putins Vorhaben, mit staatlichen Beihilfen für junge Familien Russlands niedrige Geburtenrate anzuheben. Die Parodie kam den Journalisten teuer zu stehen: Polizisten durchsuchten seine Wohnung und beschlagnahmten Computer der Redaktion. Rachmankow wurde zu einer Strafe von 20.000 Rubel verurteilt, umgerechnet rund 600 Euro.

Putin, Pudding, Puting?

TV-Reporter Golowinow und seine Kollegen hat die Staatsanwaltschaft bislang nur als Zeugen vorgeladen. Sollte aber ein in Auftrag gegebenes sprachwissenschaftliches Gutachten zu dem Schluss kommen, dass der Begriff "Puting" die Person Wladimir Wladimirowitsch Putins tatsächlich herabwürdigt, könnten sich die Journalisten schnell auf der Anklagebank wiederfinden.

Unklar ist aber, wie sich die Sprachexperten durch das linguistische Dickicht rund um den neu entstandenen Begriff "Puting" schlagen wollen. Die Internetsuchmaschine Google findet für die russische Schreibweise der angeblichen Beleidigung satte 48.000 Treffer - mit wechselnden Bedeutungen. Golowinow bezeichnete mit "Puting" zwar die Versammlung treuer Putin-Sympathisanten. Ursprünglich wird der Ausspruch aber dem Politologen Stanislaw Belkowskij zugeschrieben, der damit die Wirtschaftsstrategie des Kremls umschrieb, Bereiche der russischen Wirtschaft zu verstaatlichen. Belkowskij ging damit auch in das Web-Lexikon Wikipedia ein.

Da die neue Wortschöpfung nicht in Wörterbüchern fixiert sei, so argumentiert das Online-Portal newsru.com, könne sie aus allen erdenklichen Wortverbindungen entstanden sein. Die Internetzeitung führt gleich ein paar eigene Versionen ins Feld: Putin und Rating, Putin und Petting, Putin und Pudding.

Journalist Golowinow glaubt denn auch, dass es bei dem Verfahren gar nicht um den von ihm verwendeten Ausdruck geht: "Ich kann mir das nur so erklären, dass irgendjemandem die Berichterstattung unseres Senders insgesamt nicht gefällt."

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