Verbot der Regierung Malalas Buch darf in ihrer Heimat nicht erscheinen

Die Memoiren von Malala Yousafzai, weltweit ein Erfolg, dürfen ausgerechnet in ihrer Heimat nicht erscheinen. Die Provinzregierung untersagte die geplante Buchvorstellung, Grund seien "Sicherheitsbedenken". Doch die Organisatoren vermuten andere Ursachen.

Friedensaktivistin Malala Yousafzai: Kein Buchvorstellung in Pakistan
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Friedensaktivistin Malala Yousafzai: Kein Buchvorstellung in Pakistan

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Istanbul/Peschawar - Die Buchpräsentation sollte am heutigen Dienstag in der Universität von Peschawar stattfinden. Die Autobiografie mit dem Titel "Ich bin Malala", die im Oktober in 27 Ländern zeitgleich erschienen war, sollte jetzt auch in der pakistanischen Provinz Khyber-Pakhtunkhwa offiziell vorgestellt werden. Doch auf Druck der Provinzregierung sagten die Organisatoren die Veranstaltung jetzt ab.

"Man hat uns am Montagabend gesagt, dass keine Sicherheit gewährleistet werden könne", sagt Khadim Hussain von der Bacha-Khan-Stiftung für Erziehung, einer der Veranstalter. Die Regierung bestätigte auf Nachfrage, es gebe "Sicherheitsbedenken". Andere Organisatoren berichten, auf sie sei schon seit Tagen Druck ausgeübt worden, die Veranstaltung abzusagen. Mehrere Minister der Provinzregierung, die von der Partei PTI des ehemaligen Cricket-Stars Imran Khan und von der ultrakonservativen islamischen Jamaat-e-Islami gestellt wird, hätten sich persönlich dafür eingesetzt, die Buchvorstellung zu verhindern.

Die Taliban hassen Malala Yousafzai

In "Ich bin Malala" erzählt Malala Yousafzai ihre Geschichte: wie sie die brutale Herrschaft der Taliban in ihrer Heimat erlebte, im Swat-Tal, das zu Khyber-Pakhtunkhwa gehört; wie sie sich über das Verbot von Schulbildung für Mädchen hinwegsetzte; wie sie über ihr Leben für den britischen Sender BBC bloggte; wie sie im Oktober 2012, damals 15 Jahre alt, niedergeschossen wurde von einem Extremisten, als sie auf dem Weg von der Schule nach Hause war.

Die Taliban hassen Malala Yousafzai, weil sie öffentlich ihre Stimme gegen sie erhebt und weltweit Gehör findet; sie hassen ihr Buch, weil es ihrem Ruf und dem Islam schade, behaupten sie. In einem Brief an sie rechtfertigte Taliban-Kommandeur Adnan Rashid die Tat und forderte das Mädchen auf, aus Großbritannien, wo es behandelt wurde, nach Pakistan zurückzukehren und eine Koranschule zu besuchen.

Die Familie Yousafzai lebt inzwischen im britischen Birmingham. Malala Yousafzai hat Pakistan seit Beginn ihrer Behandlung nicht wieder besucht. Freunde raten ihr davon ab, jemals wieder zurückzukehren, da ihr Leben in Pakistan bedroht sei. Auch bei der Buchvorstellung in Peschawar war ihre Teilnahme nicht vorgesehen. Das Buch hat die Extremisten nachhaltig verärgert, sie steht weiter auf der Zielliste der Taliban. Die Extremisten haben zudem in den vergangenen Wochen ihren Terror in Pakistan verschärft.

Sogar Raubkopien des Buchs sind im Umlauf

Buchhändlern, die den Titel im Sortiment haben, drohen die Militanten mit Anschlägen. Dennoch gibt es das Buch seit Wochen in vielen Geschäften zu kaufen, vor allem in Großstädten wie Islamabad, Lahore und Karatschi, allerdings nicht in Khyber-Pakhtunkhwa. In manchen Läden liegt es sogar demonstrativ an der Kasse oder am Eingang aus, manche holen es hingegen nur auf Nachfrage unter dem Ladentisch hervor. Sogar Raubkopien sind im Umlauf - ein Zeichen dafür, dass die Nachfrage groß ist.

In den Leserbriefspalten der überregionalen Zeitungen und in den sozialen Medien schmähen gleichwohl viele Pakistaner Malala Yousafzai als "Marionette des Westens", als "Lügnerin" und "Schauspielerin". Als sie im vergangenen Jahr Anwärterin auf den Friedensnobelpreis war, entwickelte sich ein regelrechter Hass gegen sie. Auf Facebook fand eine Seite mit dem Titel "I hate Malala" Tausende Unterstützer.

"Es ist eine Schande, dass wir das Buch nicht in Malalas eigener Heimat vorstellen können", sagt Veranstalter Hussain. "Uns die Buchvorstellung zu untersagen, widerspricht dem Recht auf Meinungsfreiheit. Dabei wollen wir Bildung und Kinderrechte fördern, indem wir Malala Yousafzai als Vorbild ehren."

Die Organisatoren zweifeln daran, dass Sicherheitsbedenken die alleinige Ursache für das Verbot sind. Vielmehr hegen sie den Verdacht, dass die konservative Provinzregierung, die den Dialog mit den Taliban sucht, selbst kritisch gegenüber Malala Yousafzai steht. Hussain führt an, dass der Informationsminister der Provinz, der PTI-Politiker Shah Farman, das Buch "kontrovers" nenne. Farman selbst erklärte, es gebe "viele Gründe dafür, weshalb wir die Veranstaltung gestoppt haben".

PTI-Chef und Cricket-Legende Imran Khan wurde selbst von der Entscheidung überrascht. Am Dienstagmorgen verlieh er seiner Ratlosigkeit per Twitter Ausdruck: "Ich verstehe nicht, warum die Buchvorstellung in Peschawar gestoppt wurde", schreibt er. "PTI glaubt an Rede- und Debattierfreiheit, nicht an Zensur."

Die Vizepräsidentin der Partei, Shireen Mazari, stellte daraufhin ebenfalls per Twitter klar, das Buch sei nicht verboten. Vielmehr sei man nur mit der Universität als Ort der Veranstaltung nicht zufrieden gewesen, da der nicht sicher genug sei. Wiederum andere Politiker aus der Provinzregierung widersprachen Mazaris Darstellung.

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insgesamt 9 Beiträge
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fictor 28.01.2014
1. Ist
ja so wie bei uns. Da darf man natürlich auch nicht immer die Wahrheit schreiben.
kurswechsler 28.01.2014
2. Daraus wird PR
Zitat von sysopAPDie Memoiren von Malala Yousafzai, weltweit ein Erfolg, dürfen ausgerechnet in ihrer Heimat nicht erscheinen. Die Regierung untersagte die geplante Buchvorstellung, Grund seien "Sicherheitsbedenken". Doch die Organisatoren vermuten andere Ursachen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/malalas-buch-darf-in-pakistan-nicht-erscheinen-a-946007.html
Die Wahrheit verbieten, ist immer ein schlechte Idee und wird so zur PR gerade dessen, was man verbieten will.
Bernd Hofmann 28.01.2014
3. Es ind solche menschen wie Malala, die Geschichte schreiben!
Es würde mich nicht wundern, wenn einmal in der Zukunft geschrieben wird, wie Malala den Islam veränderte... Gerade solche unerschrockenen Menschen verändern Weltgeschichte. Gerade Frauen werden den Islam am meisten verändern.
Holledauer 28.01.2014
4. Sicherheitsbedenken bestehen wirklich,
Zitat von sysopAPDie Memoiren von Malala Yousafzai, weltweit ein Erfolg, dürfen ausgerechnet in ihrer Heimat nicht erscheinen. Die Regierung untersagte die geplante Buchvorstellung, Grund seien "Sicherheitsbedenken". Doch die Organisatoren vermuten andere Ursachen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/malalas-buch-darf-in-pakistan-nicht-erscheinen-a-946007.html
denn nach den Beschreibungen in Malalas Buch werden die Taliban als schlichte Gangster dargestellt, welche religiöse Motive vortäuschen. Aber noch etwas wird in dem Buch beschrieben: Die Unfähigkeit und Korruption der staatlichen pakistanischen Organe. Und dies dürfte der Hauptgrund sein, warum Malala das Buch in Pakistan nicht vorstellen darf. Das Buch selbst kann man nur empfehlen, um im Ansatz die Probleme in und um Pakistan zu verstehen. Und damit kann man auch die Probleme Afghanistans begreifen und wird unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass leider der Einsatz der NATO-Trupen nicht zu dem gewünschten Erfolg führen wird.
danzus 28.01.2014
5. Mittelalter
Egal wie man diese Geschichte betrachtet . Es ist und bleibt ein vorsinflutliches, mittelalterliches und zutiefst rückständiges Land. Indem immer noch gewalttätige Irre unter dem Deckmantel des Koran allen Fortschritt blockieren.
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