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Abschuss von Flug MH17 Rebellen wollen Blackboxes gefunden haben

Wo sind die Beweismittel? Flugschreiber und Cockpit-Stimmenrekorder könnten helfen, den Abschuss von Flug MH17 über der Ukraine aufzuklären. Die prorussischen Rebellen behaupten nun: Wir haben die Blackboxes.

Donezk - Die prorussischen Aufständischen im Osten der Ukraine haben nach eigenen Angaben am Absturzort der malaysischen Passagiermaschine Flugzeugteile gefunden, die "Blackboxes ähneln". Die gefundenen Teile könnten sie nicht selbst untersuchen, weil sie dafür keine Spezialisten hätten, sagte Rebellenführer Alexander Borodai in Donezk.

Seine Leute seien bereit, das Material Fachleuten der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation zu übergeben, sagte Borodai. In die ukrainischen Ermittler hingegen habe man kein Vertrauen. Laut Borodai wurden die Geräte nach Donezk gebracht, wo sie unter der Kontrolle der prorussischen Kräfte sind.

Eine unabhängige Bestätigung für den Fund gibt es nicht. Schon am Freitag hatte ein Sprecher der Aufständischen behauptet, man habe den Flugschreiber der Boeing gefunden. Am Samstag wiederum hatte Borodai dies dementiert. Auch die OSZE erklärte am Samstag, man habe keine Informationen darüber, dass die Blackboxes aufgetaucht seien.

Dann jedoch war ein Reuters-Video aufgetaucht, das einen Mann in der Uniform des ukrainischen Ministeriums für Notfälle beim Wegtragen eines orangefarbenen Gegenstands zeigte. Im Hintergrund ist zu hören, wie jemand auf Russisch "Flugschreiber" sagt. Sollte es sich dabei um eine der beiden Blackboxes handeln, und ist diese in die Hände der Aufständischen gelangt?

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MH17-Abschuss: Die Ungewissheit über den Verbleib der Opfer

Foto: Vadim Ghirda/ AP/dpa

Mit dem Begriff Blackbox werden zwei Geräte bezeichnet: ein Flugschreiber, der eine Vielzahl von Parametern zum Flug dokumentiert, etwa Geschwindigkeit, Flugrichtung, Flughöhe und Außendruck. Und ein Stimmrekorder, der Gespräche im Cockpit aufnimmt - jeweils für zwei Stunden, ältere Mitschnitte werden kontinuierlich überschrieben. Die Maschinen sind so konstruiert, dass sie und die gespeicherten Daten einen Absturz und einen anschließenden Brand überstehen. Die Informationen geben im Idealfall Aufschluss über die Absturzursache.

Im Fall von Flug MH17 sind diese Daten von besonderer Brisanz. Die Maschine der Malaysia Airlines mit 298 Insassen war am Donnerstag über dem Osten der Ukraine abgeschossen worden. Die ukrainische Regierung und die Separatisten schieben sich gegenseitig die Schuld für den Abschuss der Maschine zu. Sollten die Blackboxes zur Klärung dieser Frage beitragen können, hätten beide Seiten großes Interesse daran, die Herausgabe der Informationen zu kontrollieren.

Laut US-Regierung deuten alle bisher bekannten Fakten darauf hin, dass das Flugzeug von den Separatisten abgeschossen wurde. In einem Statement  weist die US-Botschaft in Kiew darauf hin, dass jeder mögliche Abschussort der Rakete in von Rebellen kontrolliertem Gebiet liege. US-Außenminister John Kerry sagte dem Fernsehsender NBC: "Wir haben Bilder vom Raketenabschuss, wir wissen über die Flugbahn Bescheid."

Lage an Absturzstelle sehr unübersichtlich

Die Rebellen haben die Bewegungsfreiheit internationaler Beobachter und Journalisten an der Absturzstelle erheblich eingeschränkt. Auch das ukrainische Ministerium für Notfälle teilte mit, die eigenen Leute würden von Rebellen überwacht. Reporter der Nachrichtenagentur AP sahen am Sonntagmorgen allerdings keine bewaffneten Rebellen mehr an der Absturzstelle.

Borodais Beteuerungen, die Rebellen würden sich nicht in die Ermittlungen zu der Maschine einmischen, werden als wenig glaubhaft angesehen. Internationale Beobachter und Journalisten vor Ort haben von zahlreichen Einflussnahmen berichtet. Die Lage der Absturzstelle ist deshalb kaum zu überblicken. Zahlreiche Staaten fordern unbeschränkten Zugang.

Insbesondere der Umgang mit den Leichen wirft Fragen auf. Knapp 200 der insgesamt 298 Opfer wurden von der Absturzstelle fortgeschafft, zahlreiche in Kühlwaggons gelagert. Dort sollten sie bleiben, bis eine internationale Gruppe von Luftfahrexperten eintreffe, sagte Borodai. Laut der Ukraine zwangen Rebellen die Ministeriumsmitarbeiter, die Leichen zu übergeben.

ulz/Reuters/AP/AFP
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