Presseschau zum MH17-Absturz "Großrussischer Hochmut"

Wird der mutmaßliche Abschuss von Flug MH17 zum Wendepunkt in der Ukraine-Krise? Wie gefährlich ist die Entwicklung - und welche Rolle spielt der russische Präsident Putin? Eine Auswahl deutscher und internationaler Kommentare.

Hamburg - Der Absturz des MH17-Passagierflugzeugs im Osten der Ukraine bewegt die Kommentatoren fast aller Tageszeitungen. Die konservative Zeitung "De Telegraaf" aus den Niederlanden - dem Land, aus denen die meisten Opfer der Katastrophe stammen, - titelt "Mörder" und zeigt dazu ein Foto der prorussischen Separatisten mit ihrem Führer. Sie werden von der ukrainischen und US-amerikanischen Regierung beschuldigt, die Boeing abgeschossen zu haben.

In einem scharfen Kommentar zu dem Unglück beschäftigt sich das Blatt vor allem mit der Reaktion der Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte, die bisher viel zu zurückhaltend reagiert habe: "Rutte sagt, es müssten erst alle Fakten ermittelt werden. Deshalb will er jetzt noch nicht mit der Faust auf den Tisch hauen. (...) Man fragt sich, was noch passieren muss, bevor unsere Regierung sagt: Das lassen wir uns nicht gefallen! Die Niederlande sollten sehr wohl mit der Faust auf den Tisch hauen - gegen alle betroffenen Parteien, insbesondere Russland." Und weiter heißt es in dem Artikel: "(...) unsere Regierung muss der Welt zumindest zeigen, dass wir außerordentlich wütend sind. Schließlich ist hier die Rede von einer Terroraktion, von einem Kriegsverbrechen, von Massenmord!"

Die linksliberalen Medien in Europa beleuchten vor allem mit der Rolle des russischen Präsidenten Wladimir Putin: "Die Reaktion des Kreml auf die Tragödie zeigt einmal mehr die Unverfrorenheit, mit der Putin in dem Konflikt handelt", schreibt die "Frankfurter Rundschau". Weiter heißt es in dem Kommentar: "Kiew sei für die Katastrophe verantwortlich, denn 'natürlich trägt der Staat, über dessen Territorium sich das Unglück ereignet hat, die Verantwortung'. So sprach der Präsident und wusch seine Hände in Unschuld. Das ist unerträglich." In Wirklichkeit sei es Russland, das "den unerklärten Krieg auf dem Gebiet des Nachbarlandes ohne Unterlass anheizt".

Die polnische "Gazeta Wyborcza" meint: "Die 298 Opfer des Anschlags sind das Ergebnis der rücksichtslosen und zynischen Politik Putins. Mit seiner Zustimmung und seinem Wissen wurden die Kreml-Einheiten und die fünfte Kolonne im Donbass bewaffnet. Sie töteten unschuldige, zufällig anwesende Menschen. Dieser russische Präsident mit der Mentalität eines KGB-Oberst will nicht zulassen, dass die Ukraine ihren eigenen Weg nach Europa und zu demokratischen Standards einschlägt. Putin will die Wiederherstellung des Imperiums."

An ein Eingreifen der EU glaubt das Blatt aus Warschau nicht: "Die Europäische Union, die an Frieden und Ruhe gewöhnt ist, zeigt weder Entschlossenheit noch das Bewusstsein einer wachsenden Gefahr. Wieder einmal glaubt man daran, die Bestie durch Streicheleinheiten zähmen zu können."

In Frankreich spricht die ebenfalls linksliberale Tageszeitung "Libération" dem russischen Staatschef eine "erdrückende Verantwortung" zu: "Darauf setzend, dass sein aggressiver Nationalismus seine Popularität stärkt, nährt der Bodybuilder aus Sankt Petersburg (Wladimir Putin - d. Red.) mit Gewalt seinen Traum von einem grandiosen eurasiatischen Reich - auf Kosten des Friedens in Europa. Rund 300 Menschen haben gerade wegen dieses großrussischen Hochmuts ihr Leben verloren."

Das US-Blatt "Washington Post" schreibt: "Bevor über den Flugzeugabsturz diskutiert oder debattiert wird, muss eines klargestellt werden: Der Flugzeugabsturz ist das Ergebnis der russischen Invasion in die Ukraine - eine Mission, die einzig mit dem Ziel verfolgt wurde, politisches und militärisches Chaos anzurichten. Ohne dieses Chaos wäre die Rakete auf das Flugzeug niemals abgeschossen worden."

"Eine politische Katastrophe" sei der Absturz für Putin, meint dagegen die konservative britische "Times": "Man kann sich schwer vorstellen, wie Putins heimtückische Einmischung in der Ostukraine noch abscheulicher hätte schiefgehen können. Wenn man Wörter wie gewinnen und verlieren in einem so makaberen Kontext verwenden kann, dann gewinnt die Ukraine durch die Katastrophe. Russland verliert."

Die konservative Tageszeitungen "Le Figaro" aus Frankreich beschäftigt sich mit dem sinnlosen Sterben der Passagiere. "Wer zu sehr mit dem Feuer von Boden-Luft-Raketen spielt, muss damit rechnen, sich die Finger zu verbrennen", meint "Le Figaro". "Egal, ob es sich um einen gewollten Akt oder um einen 'Fehlschuss' handelt - die Konsequenzen dieser Katastrophe werden sich erst noch zeigen. Besteht die Gefahr eines Flächenbrands oder kommt es zu einer Deeskalation? Das Schlimmste ist nicht auszuschließen."

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" betont: "Zweihundertachtundneunzig Menschen sind Opfer eine Konflikts geworden, mit dem sie überhaupt nichts zu tun hatten. (...) Vielleicht wurden Passagiere und Besatzung Opfer einer Verwechslung, vielleicht glaubten die Täter, es handle sich um ein ukrainisches Militärflugzeug, das sie für ein weiteres legitimes Ziel hielten. (...) ein schlimmer regionaler Konflikt hat eine neue, furchtbare internationale Dimension bekommen."

Nach Meinung der Wiener Zeitung "Die Presse" kann die Katastrophe auch positive Folgen haben: "So tragisch der Flugzeugabsturz ist, er eröffnet auch neue politische Chancen. Genau jetzt böte sich die beste Gelegenheit seit Monaten, den Konflikt beizulegen. Putin hat nun vor Augen, wie unkontrollierbar sein verdeckter Krieg in der Ostukraine geworden ist. Die dortigen Separatisten stellen ein Risiko dar, das auch ihm gefährlich werden kann. Vielleicht pfeift Putin sie nun zurück. (…) Die Aufnahme internationaler Untersuchungen am Unglücksort wäre jedenfalls ein guter Einstieg für eine Waffenruhe und eine anschließende politische Lösung."

heb/dpa