Sitzung des Uno-Sicherheitsrats zu MH17 Die Trauer der Welt

Der Uno-Sicherheitsrat hat den Abschuss von Flug MH17 verurteilt. Die Sondersitzung wurde zum Sinnbild der kollektiven Trauer. Die Mitglieder waren sich einig wie selten - mit einer unrühmlichen Ausnahme.
Schweigeminute im Uno-Sicherheitsrat: "Das Ende der Welt"

Schweigeminute im Uno-Sicherheitsrat: "Das Ende der Welt"

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Joy Ogwu, die Uno-Botschafterin Nigerias, spricht aus, was die meisten Kollegen denken. "Was gestern passiert ist", sagt sie, "schien wie das Ende der Welt."

Dann zitiert sie die Bibel, in der eindrücklich beschrieben sei, was sich am Donnerstag über der Ostukraine abspielte: "Es ward ein Hagel und Feuer, mit Blut gemengt, und fiel auf die Erde." Die Offenbarung des Johannes: Prophezeiung, Trost - und Hoffnung.

Eindrückliche Momente spielen sich an diesem Freitag im Uno-Sicherheitsrat ab. Das sonst eher träge Gremium, in globalen Krisen zum Papiertiger degradiert, findet eine neue Rolle: Kaum 24 Stunden nach dem Abschuss von Flug MH17 formuliert es den kollektiven Schock und die Trauer der Welt.

In dieser tiefen Trauer finden die 15 so oft zerstrittenen Mitglieder des Rats zumindest für zwei schwere Stunden zusammen, in Übereinkunft ihrer Gefühle. Die Ausnahme: Russland. Denn der Sicherheitsrat ist auch das Forum, in dem die ersten konkreten Hintergründe des Absturzes von Flug MH17 öffentlich - und auch offiziell werden.

Die Sondersitzung, einberufen von der Ukraine und Großbritannien, beginnt mit einer Schweigeminute. Zuvor verlas Eugène-Richard Gasana, der Uno-Botschafter Ruandas und derzeitige Sicherheitsratspräsident, eine gemeinsame Erklärung, die keiner Abstimmung bedurfte und deren Inhalt dutzendfach wiederholt wurde: "Die Mitglieder des Sicherheitsrats fordern eine volle, umfassende und unabhängige internationale Untersuchung des Vorfalls."

Auch ein Sprecher der WHO ist unter den Opfern

Der Saal, im Schatten des enormen Wandbildes vom Phönix aus der Asche, ist bis zum letzten Platz gefüllt: Der Rat hat auch die Botschafter jener Länder eingeladen, aus denen die Absturzopfer kamen - allen voran die Niederlande, die die meisten Opfer beklagen.

Dann, gleich in den ersten Minuten, die wohl fürchterlichste Nachricht dieses Morgens: Auch 80 Kinder kamen bei dem Abschuss um. "Es waren 80 Kinder an Bord", bestätigt Jeffrey Feltman, der Uno-Untergeneralsekretär für politische Angelegenheiten, frühere Gerüchte. Feltman gibt einen kurzen Bericht über den Sachstand und übermittelt das persönliche Entsetzen des Generalsekretärs Ban Ki-Moon.

Die Uno ist auch selbst direkt betroffen. Ein Opfer stammte aus ihren eigenen Reihen - Glenn Thomas, ein jovialer, beliebter Sprecher der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Thomas, der gerade erst seinen 50. Geburtstag gefeiert hatte, war mit Dutzenden HIV-Experten auf dem Weg zur Internationalen Aids-Konferenz nach Melbourne. Nach Angaben des "Sydney Morning Herald" befanden sich mehr als hundert Konferenzteilnehmer an Bord.

Der prominenteste wurde binnen Stunden offiziell bestätigt und auf Twitter betrauert: Joep Lange, der Ex-Chef der International Aids Society und ein Pionier der Forschung.

Im Sicherheitsrat liegt die Trauer wie ein Nebel in der klimatisierten Luft. Ein Botschafter nach dem anderen spricht Kondolenzworte: Litauen, Luxemburg, Frankreich, Jordanien, Argentinien, Südkorea, Indonesien, die Philippinen, Belgien, Neuseeland, Vietnam.

Karel van Oosterom, der die Niederlande vertritt, ist sichtlich bewegt und hält sich zugleich betont kurz: "Wir wollen die Opfer heimbringen", sagt er und fordert - wie alle anderen - eine "restlose Aufklärung" des Vorfalls. "Dies ist unsere moralische Pflicht."

Russland macht die Ukraine für das Unglück verantwortlich

Manche haben Tränen in den Augen. Australien kündigt an, seine Flaggen landesweit auf Halbmast zu setzen. Selbst der chinesische Uno-Vertreter Liu Jiey, sonst oft ein politischer Kontrahent der Ratsmehrheit, schließt sich an: "China ist schockiert und betrübt."

Trotzdem bleibt die Politik nicht ganz außen vor. US-Botschafterin Samantha Power nutzt ihre Redezeit, um die ersten Erkenntnisse der Geheimdienste zu offenbaren - Fakten und Hinweise, die bisher nur inoffiziell kursierten. Fazit: Hinter dem Abschuss steckten höchstwahrscheinlich prorussische Milizen in der Ostukraine, die mit russischer Hilfe agierten.

Das weist Russland energisch zurück. Stattdessen macht der russische Uno-Botschafter Witalij Tschurkin die Ukraine selbst verantwortlich - mit einem bizarren Argument: Das Unglück liege in der Verantwortung des Staates, in dessen Luftraum sich der Absturz ereignet habe.

Tschurkin verliert sich in den alten Verschwörungstheorien Russlands. Als er den Saal verlässt, grüßt ihn keiner.