Gewalt in Mali Angst vor einem neuen Ruanda

Im westafrikanischen Mali schockiert das dritte schwere Massaker an Dorfbewohnern in kurzer Zeit. Die Regierung wirkt machtlos. Die ausländischen Truppen der Uno und aus Frankreich schauen bisher nur zu.

Blauhelmsoldaten in Mali: "Die Schwelle des Unerträglichen ist erreicht"
MINUSMA/ EFE/ EPA

Blauhelmsoldaten in Mali: "Die Schwelle des Unerträglichen ist erreicht"

Aus Paris und Bamako berichten und


Es passierte bereits das dritte Mal in diesem Jahr, und kaum ein Malier kann sich mehr dem Horrorszenario entziehen: Mördertrupps mit Maschinengewehren auf Jeeps und Lastwagen erscheinen in der Nacht und schießen auf Frauen und Kinder.

Was am nächsten Morgen zurückbleibt, sind verbrannte Leichen und verwüstete Dörfer. Die Bilder davon, verbreitet über soziale Medien, hat dieser Tage fast jeder auf seinem Handy. Sie sorgen für Entsetzen, weit über den westafrikanischen Staat hinaus:

Die Attacken sorgen bei Exil-Maliern für große Sorge. "Früher haben Richter und andere Standespersonen eingegriffen, heute herrscht totale Straffreiheit", berichtet Ramata Coulibali, Pariser Vorsitzende eines Vereins von Landsleuten.

Historisch beispiellose Massaker

Attacken zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen im Zentrum des Landes gibt es seit Jahrhunderten. Traditionell streiten sie um Ackerflächen und Weidegründe. Im aktuellen Fall sollen Angehörige der Fulbe, eines Nomadenvolks, ein Dorf der Dogon-Volksgruppe, die Landwirtschaft betreibt, angegriffen haben.

Dass es jedoch zu regelrechten Massakern unter der ländlichen Bevölkerung kommt, hat historisch kein Beispiel. "Konflikte und Kriege gab es in unserer Geschichte immer, aber keine Erbfeindschaften wie etwa zwischen Tutsi und Hutu in Ruanda. Nichts, was solche Massaker begründen kann", sagt Coulibali.

Tatort Mali: Ein Dorf der Dogon-Volksgruppe nach dem Überfall
REUTERS

Tatort Mali: Ein Dorf der Dogon-Volksgruppe nach dem Überfall

Und so befeuern die Ereignisse die Furcht, dass hier ein Konflikt mit ungeheurem Potenzial ausbrechen könnte. Ähnlich wie im Ruanda der Neunzigerjahre. "Mich packen Angst und Scham angesichts dessen, was in meiner Heimat passiert", sagt Anzoumane Sissoko, Sprecher der Pariser Flüchtlingsinitiative CSP.

Kein Tag ohne neue Gräuelmeldung

In Mali selbst wird die Eskalation mit großer Sorge betrachtet. Kaum ein Tag vergeht, so ein langjähriger Beobachter, an dem keine neue Gräuelmeldung aus dem Zentrum bekannt wird. Oft sind es kleine Meldungen, aber sie häufen sich. Nach der drohenden Übernahme des Nordens durch Islamisten 2013 rückt die Krise damit bedrohlich nahe an die Hauptstadt Bamako.

Folglich mühte sich die malische Regierung, Entschlossenheit zu zeigen:

  • Gleich zu Beginn der vergangenen Woche eilte der Premierminister mit dem Flugzeug in die Region Mopti, in der in der Nacht zu Montag das jüngste Massaker stattgefunden hatte.
  • Am Mittwoch dann reiste auch der Präsident Ibrahim Boubacar Keita ins Zentrum von Mali, versprach Aufklärung und mehr Präsenz der bislang kaum in Erscheinung getretenen Sicherheitskräfte.

Keita steht massiv unter Druck. Schon im März, nach dem vorangegangenen Massaker, hatte er mehr Schutz durch die Armee versprochen. In der vergangenen Woche musste er eilig einen Aufenthalt in der Schweiz abbrechen. Offiziell nahm er dort an einer Uno-Konferenz teil, in Wahrheit aber weilte er wohl für eine dringende medizinische Behandlung fernab der Heimat.

Die EU trainiert Malis Militär - doch die Armee bleibt schwach

Vordergründig bemühte sich Keita, schnell zu handeln. Per Handstreich entließ er den Gouverneur von Mopti und ordnete an, die Täter zu jagen. In der Hauptstadt Bamako allerdings bezweifeln Beobachter, dass die schwache malische Armee überhaupt in der Lage sei, schnell in die Region zu kommen. Zwar wird die Armee seit Jahren von der EU trainiert, bis heute aber fehlt es ihr an Schlagkraft.

Für die internationalen Akteure in Mali offenbart die Attacke schmerzlich, wie begrenzt ihr Einfluss ist. Zwar haben die Vereinten Nationen mit Minusma eine ihrer weltweit größten Missionen mit 13.000 Blauhelmen im Land, die Operation ist aber ausschließlich im Norden Malis aktiv, soll dort den mehr als fragilen Friedensvertrag der zahllosen bewaffneten Gruppen mit der Regierung absichern.

Auch die Bundeswehr beteiligt sich mit gut 700 Soldaten an der Mission, dafür haben sich die Deutschen in Gao im Nordosten Malis ein Feldlager aufgebaut. Vom Ort des Geschehens sind die Deutschen jedoch weit entfernt.

Die Bundeswehr kann nicht eingreifen

Bei einem Besuch von Verteidigungsstaatssekretär Thomas Silberhorn in Gao vor wenigen Tagen berichteten ihm deutsche Offiziere, dass das Uno-Hauptquartier zwar zwei Helikopter aus El Salvador von Gao zur Aufklärung über die betroffene Region geschickt habe. Ein Eingreifen der Bundeswehr aber sei schon wegen der Entfernung von mehr als 600 Kilometern gar nicht möglich.

Auf den Karten der Bundeswehr ist die deutsche Einflusszone genau abgezirkelt. Rund 75 Kilometer rund um das Camp in Gao fahren die Soldaten Patrouillen, klären mögliche Feinde auf. Weiter raus kann die Bundeswehr nicht, da man sonst bei Angriffen nicht sicherstellen kann, dass die Soldaten mit Helikoptern gerettet werden können.

"Die Schwelle des Unerträglichen ist erreicht"

Bisher blieb der Uno nur, sich zu empören. "Die Schwelle des Unerträglichen ist erreicht, es ist Zeit für einen landesweiten Aufschrei", erklärte der Chef der Uno-Friedensmission Minusma in Mali, Mahamat Saleh Annadif. Die Minusma unterstütze nun die Sicherheitskräfte in dem betroffenen Gebiet. Tatsächlich aber, das gestanden Uno-Diplomaten offen ein, kann die Blauhelmtruppe im Zentrum Malis derzeit wenig ausrichten.

Für Minusma stellen sich drängende Fragen:

  • Das Uno-Mandat der Mission muss bis Ende Juni erneuert werden, in New York wird darüber in diesen Tagen entschieden.
  • Zwar wollen einige Uno-Mitgliedstaaten das Zentrum Malis zum zweiten Schwerpunkt neben dem Norden erklären.
  • Aufstocken aber will niemand die Mission, vielmehr drängen die USA auf eine Verkleinerung und eine klare Exit-Strategie.

Coulibali in Paris rät davon dringend ab. Wie viele Malier glaubt sie, dass es nicht die alten Stammesfehden zwischen Ackerbauern und Nomaden sind, die zu den Massakern führten, vielmehr strahle der Konflikt aus dem Norden immer mehr ins Zentrum ab. Damit suggeriert sie, dass auch Söldner aus dem Norden für die Massaker verantwortlich sein könnten.

Das Trauma der Malier aber wird deshalb nicht geringer. "Weil der Staatsmacht nicht zu vertrauen ist, kochen Gerüchte über die Identität der Täter", beobachtet Sissoko. So lange die nicht festgestellt ist, lebt das Land trotz der ausländischen Militärpräsenz in dem Bewusstsein, dass auch das nächste Massaker nicht zu verhindern ist.



insgesamt 19 Beiträge
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Koana 18.06.2019
1. Die humanistischen Ideale.....
.... sie ertrinken im Mittelmeer, verdursten in den Wüsten, werden in Kriegen durch die Granaten der Industrienationen zerfetzt und vielleicht demnächst wieder massenhaft durch Macheten gemeuchelt, doch was schert das uns, die wir doch so köstlich die Früchte unserer Bildung und unserer Kultur genießen, die wir doch so aufgeklärt und vor allem abgeklärt das Leben genießen? Wir waschen unsere Hände in Unschuld, die Mensf ve en im Elend sind an Ihrem Elend selbst schuld, wir wählen freie, unabhängige, aufrechte Menschen, auf dass sie uns weise und vorausschauend führen, wir sind sehr zufrieden, mit den uns so verdientermaßen begünstigenden Verhältnissen! Wir sind Humanisten, die Elenden sind eben dumm und ungebildet, wir sind die Guten!
gersois 18.06.2019
2. UN-Truppen verstärken
Schon in Ruanda haben die französischen Soldaten nur zugeschaut! Was immer auch Frankreich in Mali als Ziel verfolgt, es wird höchste Zeit, die UNO-Truppen zu verstärken und in das Siedlungsgebiet der Dogon zu verlegen.
Papazaca 18.06.2019
3. Ein unentwirrbares Knäuel von Gerüchten und Konflikten
Wer sich etwas in Afrika auskennt, kennt die Konflikte zwischen Fula, Fulbe oder Peuil, dem Stamm der in ganz Westafrika große Herden besitzt und den Farmern. Ziemlich oft gibt es Tote. Nur inzwischen gibt es Maschinenpistolen Toyotas und Maschinengewehre und die Brutalität vorheriger und momentaner Konflikte "schwappt" über. Und über allem schwebt der Konflikt der Touaregs mit der Zentralregierung und die Überfälle der diversen islamistischen Gruppen von Al Kaida im Magreb bis IS. Wer jetzt glaubt, darauf eine Antwort zu haben, hat keine Ahnung. Und das ist das wahre Problem!
Hans Hase 18.06.2019
4. Zusammenhänge ergeben Nachrichten
Die Bundeswehr ist keineswegs in Mali, um den Menschen dort Frieden zu bringen. Wer die Hintergründe verstehen will, dem verlinke ich hier gerne aufklärende Artikel. ==> https://www.spiegel.de/politik/ausland/mali-frankreich-kaempft-gegen-islamisten-und-um-bodenschaetze-a-877679.html ==> https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mali-das-sagenhafte-reich-voller-gold-und-bodenschaetze-12024831.html
darthmax 18.06.2019
5. Friedenstruppen
werden immer dort plaziert, wo sie in Frieden bleiben und nicht in die Konflikte einbezogen sind. Vielleicht sollte dies mal überdacht werden und die Einsätze in Konfliktzonen auch dort ( robust glaube ich ist das Wort dafür ) direkt erfolgen. Ansonsten braucht es keine Konfliktforschung um die unterschiedlichen Interesssen von Bauern und Nomaden zu erkennen, insbesondere wenn beide Gruppen Bevölkerungsmässig wachsen.
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