Was wurde aus ... Malis Dschihadisten "Sagt ihnen, dass dieses Land uns gehört"

Französische und Uno-Soldaten verzweifeln in und an Mali. Doch was wird aus dem Land, wenn die internationalen Truppen abziehen? Wüstenstämme und Islamisten stehen für den nächsten Sturm bereit.

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Es sollte nur eine kleine Abkürzung werden, doch sie führte direkt in die Arme von Malis Islamisten.

Ende August war ein Boot mit Ärzten und Entwicklungshelfern auf einem schmalen Nebenfluss des Niger unterwegs. Auf der Rückfahrt aus der Kleinstadt Ténonkou wählte der Steuermann eine Route, auf der keine Sicherheitskräfte patrouillieren.

Bärtige bewaffnete Kämpfer stoppten den Kahn. Sie setzten den Schiffer und die NGO-Mitarbeiter fest. "Sie durchsuchten ihre Telefone, um zu klären, dass es sich nicht um malische Polizisten oder Militärs handelte", erinnert sich ihr Vorgesetzter, der während des Zwischenfalls um das Leben seiner Leute fürchtete.

Fünf Jahre nach der Niederlage selbstbewusst wie nie

Dann gaben die Rebellen alle Wertsachen zurück und trugen den Helfern noch eine Botschaft auf: "Sagt der Polizei und der Armee, dass wir Islamisten sind. Und dass dieses Land hier uns gehört." Danach ließen die Islamisten sie frei.

Auch fünf Jahre nach ihrem Beinahe-Sieg gegen Malis Armee fehlt es den Dschihadisten im Land nicht an Selbstvertrauen. 2018 soll Mali wieder einen Präsidenten wählen - und darauf bereiten sich die Aufständischen auf ihre Weise vor: Im März 2017 fusionierten mehrere Qaida-nahe Milizen zur Gruppe zur Unterstützung des Islams und der Muslime, Jamaat Nusrat al-Islam wal-Muslimin.

Anführer ist Iyad Ag Ghali, Kampfname "Der Löwe" oder auch "Der Stratege". Er ist Veteran zweier Tuareg-Aufstände in Nordmali und seit 2012 verstärkt als Islamist aktiv. Seit damals führt er die Terrorgruppe Ansar Dine, jetzt steht er auch an der Spitze des großen, neuen Dschihadistenbündnisses.

Iyad Ag Ghali
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Iyad Ag Ghali

Ghalis Leute sind für viele Terrortaten verantwortlich, die beinahe wöchentlich Opfer fordern. Die schwerste Attacke traf im Januar das malische Militär. Weit mehr als 50 Soldaten starben, als während eines Morgenappells ein Selbstmordattentäter ein Auto in die Kaserne von Gao fuhr und es dort detonierte. Der jüngste größere Angriff forderte das Leben zweier Soldaten aus dem Tschad, deren Wagen in der Provinz Kidal auf einen versteckten Sprengsatz fuhr.

Mali ist ein Mosaik, im Guten und im Schlechten: Zur Hälfte liegt das Land in der Sahara, zur anderen Hälfe in Schwarzafrika. Die 17 Millionen Malier gehören rund einem Dutzend Volksgruppen an. In der Wüste dominieren Fulbe und Tuareg, im Süden Mande und Bambara. Eine Gemeinsamkeit immerhin haben die Malier: Fast alle sind Muslime.

Bis zum Aufstand von nordmalischen Wüstenbewohnern und Islamisten im Jahr 2012 war Mali ein faszinierendes Reiseland, trotz Armut, Analphabetismus und niedrigem Entwicklungsgrad. Die Hauptstadt Bamako und die Städte Gao, Kidal und Timbuktu mit seinen Welterbestätten am Ufer des Niger gehören zu den ältesten Siedlungen der Region.

Aufstände der Tuareg kennt das Land seit Generationen. Ziel der nördlichen Stämme ist ein unabhängiger Staat Asawad, ein Wüstenreich unabhängig von der Zentralregierung in Bamako. Lose Verbindungen zu Al-Qaida bestanden vorher schon, aber der jüngste gemeinsam Vorstoß war der erste, der kurzzeitig zur Spaltung des Landes führte.

Frankreich will wieder raus aus dem Wüstenkrieg

Den Maliern ist die kurze Herrschaft der Steinzeitislamisten noch in übler Erinnerung. Die Banditen hatten ihre schwarzen Fahnen aufgezogen und die Regeln eines "Gottesstaats" eingeführt, einschließlich Amputation als Strafe für Diebstahl und Tanz-, Musik- und Fußballverbot. Zehntausende flohen, die bewaffneten Banden schreckten auch vor der Rekrutierung von Kindersoldatennicht zurück.

Islamisten bewachen den Flughafen von Gao während Friedensgesprächen im August 2012
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Islamisten bewachen den Flughafen von Gao während Friedensgesprächen im August 2012

Als letzte Rettung kamen auf Bitten Bamakos 2013 die Franzosen ins Land. Mit der "Operation Serval" befreiten mehr als 3000 französische Soldaten gemeinsam mit malischem Militär und Soldaten des Tschad in wenigen Tagen die großen Städte im Norden.

Noch immer läuft die Aufarbeitung der islamistischen Gräuel von damals. Kürzlich strafte Malis Justiz den früheren islamistischen Polizeichef von Gao, den "Handabschneider" Aliou Mahamar Toure, mit zehn Jahren Haft für Amputationen und das Auspeitschen von Frauen. Und für die Zerstörung einer Moschee und mehrerer Mausoleen, die zum Weltkulturerbe zählen, wurde der Islamist Ahmad Al Faqi al-Mahdi vom Internationalen Strafgerichtshof zu neun Jahren Haft verurteilt.

Das Problem der "Operation Serval" wird indes mit jedem neuen Terroranschlag deutlicher: Die Befreier scheuten sich 2013, die Islamisten weit in die Wüste zu verfolgen. Trotz Franzosen, einer EU-Trainingsmission und der Uno-Friedenstruppen Minusma - auf dem Land, wo die Zentralregierung nicht präsent ist, konnten sich die Islamisten vielerorts einnisten.

Droht eine "Afghanisierung" Malis?

Westliche NGO-Mitarbeiter können sich Stand August 2017 nicht mehr frei in Mali bewegen. Von "Afghanisierung" spricht ein Deutscher, der bei einer großen Hilfsorganisation arbeitet und seit vier Jahren in der Hauptstadt stationiert ist. Er hat Bamako zuletzt vor einigen Wochen verlassen: Flug, dann zwei Tage in einem gesicherten Compound. Alles "low profile", sagt er. "In Hotels übernachten geht nicht mehr."

Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen mit jahrelanger Mali-Erfahrung erzählt, die Islamisten setzten in kleineren Städten strengere Regeln nach und nach durch. Mal werde hier mal dort eine Feier oder ein Fußballspiel verboten. "Die Leute nehmen es hin, weil die Islamisten staatliche Aufgaben übernehmen." Sie seien es, die für ein Mindestmaß an Ordnung sorgten, der Staat sei vielerorts nicht präsent.

Paris dürfte klar sein, dass es mit 1000 Mann, egal wie gut ausgerüstet, auf einem Terrain doppelt so groß wie Frankreich gegen Ghalis Wüstenguerillas nicht gewinnen wird. Zudem kostet die aktuelle Mission "Barkhane" Frankreich 600 Millionen Euro im Jahr. Aus diesen Gründen will Paris die Verantwortung so bald es geht an die regionalen Staaten abgeben.

Frankreich in Mali: Schnelle Siege, aber keine Kontrolle
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Frankreich in Mali: Schnelle Siege, aber keine Kontrolle

Seit Monaten werben die Franzosen für eine multinationale Truppe der Sahelländer, die alles auf einmal tun soll: Menschenschmuggel eindämmen, Islamisten bekämpfen und sonstige Banditen und bewaffnete Gruppen in Schach halten.

Diese Truppe der G5-Ländern der Sahelzone, Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Niger und Tschad soll 5000 Mann stark sein und grenzübergreifend operieren. Unklar ist die Finanzierung. Bislang hat nur die EU 50 Millionen Euro zugesagt, kosten wird die afrikanische Sahel-Truppe allerdings zehnmal so viel.

Für die Franzosen ist der Mali-Einsatz vor allem eine Frage des Geldes und der Perspektive, den Blutzoll zahlen meist Soldaten Malis und des Tschad und die Uno-Blauhelme. Für die Uno ist es die gefährlichste Mission weltweit, 79 Peacekeeper starben seit 2013. Frankreich hatte, trotz eines Feldzugs durch das halbe Land, vergleichsweise wenige Opfer zu beklagen.

Wie es nach dem Abzug der Franzosen weitergehen soll, bei sinkendem Budget für Blauhelmeinsätze, und wie in einem Jahr faire und freie Wahlen im ganzen Land stattfinden sollen - das sind die Fragen, an denen sich Malis Zukunft entscheidet.

Zusammengefasst: Islamisten und Tuareg-Milizen hatten Mitte 2012 die nördliche Hälfte Malis im Sturm erobert und islamisches Recht eingeführt. Anfang 2013 rief die Regierung Malis die französische Armee zu Hilfe, die die Aufständischen vertrieb. Zuerst war es ein Durchmarsch - aber 2017 scheint die Mission der Franzosen gegen den Dschihadismus gescheitert. Ein neues Islamistenbündnis und die Wahlen 2018 könnten zu einer neuen Gewaltwelle führen.

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