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14. Juli 2012, 21:34 Uhr

Mali

Islamisten terrorisieren Bevölkerung

Unverschleierte Frauen werden ausgepeitscht: Islamisten im Norden Malis terrorisieren zunehmend die Bevölkerung. Frankreichs Präsident Hollande kündigte an, dass er zu einer Militärintervention bereit sei. Ob dies den seit Monaten schwelenden Bürgerkrieg lösen kann, ist ungewiss.

Bamako - Die seit Monaten anhaltenden Aufstände in Mali erreichen eine neue Dimension. Nach Augenzeugenberichten terrorisieren Islamisten zunehmend die Bevölkerung des westafrikanischen Landes. In dem Ort Goudam nahe Timbuktu hätten bewaffnete Anhänger einer islamistischen Gruppe Frauen angegriffen, die am Brunnen Wasser holten. Die Männer hätten nicht voll verschleierten Frauen mit Peitschenhieben gedroht, zitiert die Nachrichtenagentur dpa einen Bewohner Goudams.

Der Nachrichtenagentur AP zufolge gingen die Islamisten von Tür zu Tür, nahmen rund 90 Menschen fest und ließen sie auspeitschen. Die Maßnahme war offenbar als Abschreckung gedacht, nachdem zuvor in der Stadt gewaltsamen Proteste gegen die Islamisten ausgebrochen waren. Dabei hätten erboste Bewohner Teile des Hauptquartiers der Islamisten zerstört, berichtete ein Bewohner.

Islamistische Gruppen und die Tuareg-Rebellen der MNLA (Nationale Bewegung zur Befreiung des Azawad) hatten Anfang April weite Gebiete im Norden Malis erobert. Sie wollen dort einen islamistischen Staat auf Grundlage der islamischen Rechtsprechung, der Scharia, errichten. Bisher haben islamische Fanatiker zahlreiche Kulturdenkmäler vor allem in Timbuktu zerstört. Malis schwache Zentralregierung hatte angekündigt, wegen der Verbrechen den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag anzurufen.

Frankreichs Präsident für Militärintervention

Der französische Präsident François Hollande ist unterdessen zu einer Militärintervention zur Beendigung der Unruhen in Mali bereit, betonte allerdings die Notwendigkeit, dass die afrikanischen Länder selbst entscheiden, welche Maßnahmen ergriffen werden sollen. Im Norden des Landes mache sich ein "strukturierter und organisierter Terrorismus" breit, der das historische Welterbe zerstöre und auch die anderen afrikanischen Länder sowie Europa bedrohe, sagte Hollande am Samstag in einem Fernsehinterview anlässlich des Nationalfeiertags vom 14. Juli.

Ein eventueller Militäreinsatz müsse unter afrikanischer Führung stehen, könne allerdings von internationalen Truppen unterstützt werden, so Hollande. An den Afrikanern liege es zu entscheiden, wann und in welcher Form Uno und Afrikanische Union intervenieren sollen. "Die Zeiten sind vorbei, als sich die französischen Militärs in Afrika wie Gendarmen aufführten", sagte der sozialistische Präsident.

Das westafrikanische Land Mali steckt in der Krise, seit es einer Gruppe von Soldaten im März gelungen war, die Macht an sich zu reißen und Präsident Amadou Toumani Touré zu stürzen. Weite Teile der Sahelzone sind außer Kontrolle geraten. Immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen den verschiedenen islamistischen Gruppen und Tuareg-Rebellen, die einen säkularen Staat fordern. Im Mai verkündeten die Tuareg-Rebellen einen Zusammenschluss mit der Islamistengruppe Ansar Dine.

Die Rebellen von Ansar Dine kämpfen für eine Abspaltung des Nordens. Das Gebiet, das sie für sich beanspruchen, reicht von den Grenzen zu Algerien und Niger bis zum Fluss Niger, der außerhalb von Timbuktu verläuft. Den Islamisten werden Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida im islamischen Maghreb nachgesagt.

lei/AP/dpa/Reuters

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