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Befreite Stadt Timbuktu: Tänzchen im Wüstenstaub

Foto: FRED DUFOUR/ AFP

Frankreichs Vormarsch in Mali Freiheit auf den Straßen Timbuktus

Sie dürfen wieder tanzen, rauchen, Fußball sehen: Zehn Monate war Timbuktu in der Hand der Islamisten, die 55.000-Einwohner-Stadt litt unter Terror und Verboten - seit der Befreiung durch malische und französische Soldaten atmen die Bewohner auf. Doch noch bleibt Angst vor der Rückkehr der Extremisten.

Timbuktu - Fußballfans in Timbuktu dürften sich am kommenden Samstag wohl vor allem eine Frage stellen: Wo steht der nächste Fernseher? Denn an dem Tag tritt das Nationalteam Malis im Viertelfinale des Africa Cup gegen Südafrika an. Und das Spiel wird auch in der Wüstenstadt übertragen. Unter der Herrschaft der islamistischen Besatzer war so etwas streng verboten. Doch seit dem vergangenen Montag haben französische und malische Truppen dort das Sagen.

Es sind seltsame Bilder, die die wenigen westlichen Reporter aus der 55.000-Einwohner-Stadt schildern. Da ist der Jubel der befreiten Jugend, die in großen Gruppen die Panzer und Militärfahrzeuge der eingerückten Truppen begleiten. Sie hupen, lachen, lassen Flaggen im Wind wehen, schütteln den Soldaten durch die geöffneten Fahrzeugfenster die Hände. So ist es etwa in einem Video des französischen Nachrichtensenders France24 zu sehen. Es bleibt aber auch noch die Angst vor einer möglichen Rückkehr der Islamisten.

Rukmini Callimachi, Reporterin der Nachrichtenagentur AP, hat junge Mädchen getroffen, die noch immer ihr Kopftuch tragen - obwohl sie es gar nicht mehr müssten. "Das machen sie nur aus Furcht. Die Islamisten haben jeden geschlagen, sogar Kinder", sagt Diahara Adjanga, die Mutter eines der Mädchen. Frauen, die ohne Verschleierung erwischt wurden, mussten unter der Herrschaft der Besatzer mit öffentlichen Peitschenhieben rechnen. Im Staub liegt noch jetzt ein Zettel mit Anweisungen, wie der Schleier anzulegen sei. Es ist ein Andenken an die Besatzer.

Obwohl die früheren Machthaber von Timbuktu längst in die schier endlose Wüste geflohen sind, bleibt die Erinnerung an ihre Terrorherrschaft bei vielen Bewohnern der Stadt äußerst präsent. Eine Herrschaft, unter der Frauen sogar einfache Gespräche mit fremden Männern verboten waren - unter Androhung drakonischer Strafen. "Wir wollen nicht, dass die Armee ihn schnappt", sagt die 21-jährige Fatouma Traore über ein besonders brutales Mitglied der Islamisten. "Wir Frauen wollen ihn viel lieber selbst festnehmen - damit wir ihn umbringen können."

"Das Leben ist schön"

Zwar sind die Extremisten vertrieben, doch die Folgen ihrer Terrorherrschaft sind nicht zu übersehen. Das Telefonnetz ist kollabiert, Strom gibt es kaum. Bei Nacht spenden nur Taschenlampen und Handy-Displays etwas Licht. Die Islamisten verwüsteten zudem antike Bauten der "Perle der Wüste", so lautet der inoffizielle Name Timbuktus. Vor ihrer Flucht vor den französischen und malischen Soldaten zündeten sie das Ahmed-Baba-Institut an, eine Bibliothek mit wertvollen arabischen Schriften. Videos zeigen das Ausmaß der Zerstörung, Schutt und Asche sind auf den Bildern zu sehen, einst waren es Bücher.

Einem Timbuktu-Experten zufolge konnte allerdings ein Großteil der historischen Schriften vor der Zerstörungswut der Islamisten gerettet werden. "Wir wissen von 25.000 Manuskripten, die sicher nach Bamako gebracht wurden", sagte der Direktor des Timbuktu-Manuskript-Projekts an der Universität von Kapstadt. Dies sei ihm von Kulturhistorikern in Bamako bestätigt worden.

Ihre ungewohnte Freiheit genießen viele Einwohner schon jetzt. So auch Moussa Traore, ein 26-jähriger Lehrer. "Wir durften gar nichts, jetzt können wir alles tun. Musik hören, mit Mädchen reden, Fußball spielen." Man laufe jetzt nicht mehr Gefahr, geschlagen zu werden, sagte eine Frau, es drohe kein Gefängnis: "Das Leben ist schön." Doundai Touré schwärmte: "Man darf jetzt wieder rauchen, trinken, man kann essen, was man will. Wir sind frei. Ja, wir haben die absolute Freiheit."

Fremdenlegion setzte Fallschirmjäger ein

Die alliierten Truppen waren auf keinen Widerstand gestoßen, als sie in Timbuktu einrückten. Der Gegner war längst geflohen. Die Bodentruppen hatten auch deshalb leichtes Spiel, weil dem Einmarsch ein Lufteinsatz vorausgegangen war. Am 28. Januar waren Soldaten eines Fallschirmjäger-Regiments der Fremdenlegion nahe Timbuktu abgesprungen. Sie sicherten strategische Positionen und bereiteten damit den Vormarsch der Bodentruppen vor.

Timbuktu ist frei. Nun wartet am Samstag das große Match. Bis dahin heißt es hoffen, dass die Stromversorgung zumindest in Teilen wieder hergestellt wird. Und dann beginnt die Suche nach dem nächsten Fernseher. Es geht um den Einzug ins Halbfinale. 2012 hatte es das Land unter die letzten Vier im Wettbewerb geschafft. Nationaltrainer Patrice Carteron hat schon ein kleines Versprechen abgegeben: Seine Spieler wollten dem Land "Glück und Freude" bringen. Carteron dachte dabei auch an die Menschen in Timbuktu. Zum ersten Mal seit einem Jahr hätten die Menschen in der Wüstenstadt ein Fußballspiel im TV sehen können, als Mali im Viertelfinale auf den Kongo traf: "Das ist phantastisch."

jok/hen/AP/AFP
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