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26. Januar 2013, 14:56 Uhr

Mali

Qaida-Kommandeur soll französischen Truppen entkommen sein

In Mali verschiebt sich die Front immer weiter nach Norden, französische Truppen haben die strategisch wichtige Stadt Gao erreicht. Ein wichtiger Kommandeur der Terrorgruppe al-Qaida konnte allerdings nicht gefasst werden - offenbar entkam er.

Hamburg - Ein wichtiger Kommandeur der Terrorgruppe al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM) ist den französischen Truppen in Mali offenbar entkommen - trotz der schweren Luftangriffe und Kommandoaktionen rund um die kleine Ortschaft Diabali. Über die Flucht des berüchtigten Kommandeurs Abu Said berichtet der "Focus".

Anwohner der Ortschaft Diabali, die in der vorvergangenen Woche von Islamisten überfallen und rund acht Tage besetzt worden war, berichteten in den vergangenen Tagen auch einem Team von SPIEGEL ONLINE, sowohl Abu Said als auch viele seiner Kämpfer seien kurz vor dem Eintreffen der französischen und malischen Truppen am Freitag vorvergangener Woche geflüchtet. Angeblich hätten Bewohner einer weiter nördlich gelegenen Stadt den Wagen des gefürchteten Vize-Chefs des Qaida-Ablegers wenig später gesehen. Die Anwohner folgerten daraus, dass Abu Said die Flucht gelungen sei.

Ob es sich bei dem Kommandeur, der die Stadt besetzt hatte, tatsächlich um Abu Said handelte, konnte anhand der Aussagen nicht vollständig geklärt werden. Mehrere Einwohner behaupteten, der Chef der Kämpfer habe sich als Abu Said vorgestellt. Demnach hatte sich der Kommandeur des Qaida-Ablegers für die Maghreb-Region mit sechs Bodyguards nach dem Beginn der Luftangriffe durch die Franzosen in einem Lehmgehöft einer malischen Familie versteckt, zum Schutz gegen die Luftangriffe hätten seine Kämpfer die Geländewagen unter Mangobäumen geparkt und mit Schlamm getarnt.

Bilder des Kommandeurs, der nach Meinung von Terrorexperten die Nummer zwei in der Kommandostruktur der AQIM ist, konnten die Anwohner indes nicht erkennen.

Die Gruppe AQIM hat sich in den vergangenen Jahren zu einem schlagkräftigen und doch unabhängigen Arm des Terrornetzes al-Qaida gemausert. Finanziert durch horrende Lösegeldzahlungen nach der Entführung von europäischen Touristen und nach der Revolution in Libyen mit modernen Waffen massiv aufgerüstet, stellt die Gruppe eine der größten Bedrohungen in der Region dar.

Franzosen rücken Richtung Norden vor

Am Samstag rückten malische und französische Truppen nach eigenen Angaben immer weiter in den Norden des Landes vor. Demnach haben sie die strategisch wichtige Stadt Gao erreicht. Der Flughafen der Stadt sowie die einzige Brücke über den Niger seien unter Kontrolle, teilte das Verteidigungsministerium in Paris mit. Allerdings hieß es auch, die Kämpfe am Flughafen und an der Brücke dauerten an. Bei dem Einsatz seien zahlreiche Fahrzeuge und Logistikstützpunkte der islamischen Extremisten zerstört worden. Gao war seit vergangenem Juni in der Hand islamischer Extremisten.

Auch in anderen Landesteilen rückten die französischen und malischen Truppen am Samstag offenbar weiter vor. Ein französischer Militärsprecher erklärte, Verbände seien in Léré südwestlich der historischen Stadt Timbuktu.

Offenbar rücken die Franzosen derzeit mit zwei größeren Gruppen von Soldaten in Richtung Norden vor. Einer der Konvois, der am Freitag die Stadt Diabali passierte, ist demnach auf der Strecke über Léré in Richtung Timbuktu unterwegs, es sind etwa 400 Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen, Radpanzern und schweren Geschützen. Daneben marschiert eine weitere Gruppe von Soldaten von Sevare in Zentralmali weiter nordwärts, diese Soldaten erreichten am Samstag den Flughafen von Gao. Unterstützt wird der Vormarsch durch weitere Luftangriffe auf Lager der Islamisten.

In Mali sind inzwischen 2500 französische Soldaten im Kampf gegen Islamisten im Einsatz. Insgesamt seien 3700 französische Armeekräfte an der "Operation Serval" beteiligt, erklärte der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian am Samstag in einer Mitteilung.

Tankflugzeuge aus den USA?

Unterdessen ist in den USA eine Debatte entbrannt, inwieweit Frankreich in seinem Kampf gegen die Islamisten in Nordafrika unterstützt werden soll. Bekannt ist, dass die Franzosen die Amerikaner - aber auch die Deutschen - um Unterstützung bei der Betankung von Jets gebeten haben. Eine abschließende Meinung hat sich die Regierung in Washington aber offenbar noch nicht gebildet. In Berlin hieß es, man suche nach einer Lösung.

Die Bundeswehr verfügt über mehrere Airbus-310-Modelle, die für die Luftbetankung geeignet sind, rein technisch könnten diese Maschinen auch französische Rafal oder Eurofighter betanken. Das Problem scheint jedoch zu sein, dass eine solche Betankung nicht offiziell zertifiziert ist. Deswegen kann die Bundeswehr der Bitte aus Paris bisher nicht nachkommen.

Dennoch heißt es in Berlin, man bemühe sich, die Hilfe für die Franzosen zeitnah hinzubekommen. Klar ist aber auch, dass die Bundesregierung den Transport von Waffen und Soldaten in deutschen Flugzeugen ausgeschlossen hat.

mgb/wal/dpa/AFP/Reuters/AP

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