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02. Juli 2012, 21:08 Uhr

Zerstörtes Kulturerbe

Mali will Verantwortliche vor Gericht bringen

Wer Heiligengräber verwüstet, begeht ein "Kriegsverbrechen": Die Regierung in Mali verurteilt die Zerstörung von Mausoleen und Friedhöfen in Timbuktu aufs Schärfste. Sie will die Verantwortlichen vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur Rechenschaft ziehen.

Bamako - Jahrhundertelang haben die Kulturdenkmäler von Timbuktu das Wüstenklima überdauert. Nun werden sie von Menschenhand zerschlagen. Die Verwüstung historischer Heiligengräber komme Kriegsverbrechen gleich, erklärte die Regierung. Sie kündigte an, sich an den Internationalen Strafgerichtshof zu wenden und die verantwortlichen islamistischen Rebellen zur Rechenschaft zu ziehen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief zu Gesprächen über eine Lösung der Krise auf und appellierte an alle Beteiligten, das Kulturerbe Malis zu bewahren.

Dessen ungeachtet haben islamistische Rebellen am Montag in den Städten Timbuktu und Gao ihren Zerstörungsfeldzug fortgesetzt. Nach Angaben von Augenzeugen schlugen sie vor den Augen fassungsloser Bewohner den Eingang der zum Weltkulturerbe gehörenden Sidi-Yahya-Moschee in Timbuktu ein.

Die Angreifer hätten die "heilige Tür" des zum Weltkulturerbe zählenden Gebäudes zerstört, die normalerweise nie geöffnet werde, sagte ein Bewohner der Stadt. "Sie sind mit Spitzhacken in den Händen gekommen, haben 'Allah' gerufen und die Tür zerstört", sagte ein weiterer Bewohner. "Das ist sehr schlimm. Viele Menschen, die das ansehen mussten, haben angefangen, zu weinen."

Die Extremistengruppe Ansar Dine hatte am Wochenende nach Angaben der Organisation Unesco die zum Weltkulturerbe zählenden jahrhundertealten Mausoleen von Sidi Mahmud, Sidi Moctar und Alpha Moya zerstört. Die Bedrohung der Welterbe-Stätten in Timbuktu durch radikale Islamisten bereitet der Organisation große Sorgen. Das Welterbe-Komitee nahm die Wüstenstadt im westafrikanischen Krisenland Mali deshalb in seine Rote Liste auf.

Eine fürchterliche Tragödie

Die Fundamentalisten nehmen Anstoß an der Heiligenverehrung und wollen ihr Vernichtungswerk in Timbuktu nach eigenen Angaben fortsetzen. "Wir werden alles zerstören und dann die Scharia in dieser Stadt anwenden", sagte ein Sprecher der Gruppe. Die Extremisten wollen auf der Grundlage der strengen islamischen Gesetzgebung einen Staat errichten.

"Sie begehen ein Verbrechen gegen die Geschichte der Welt", kritisierte der Unesco-Afrikaexperte Lazare Eloundou Assomo die Islamisten. Die Verwüstung der geschützten Heiligtümer im Norden Malis sei "durch nichts zu rechtfertigen und inakzeptabel". Die Unesco rief die internationale Gemeinschaft zum Schutz der "Perle der Wüste" auf, die seit 1988 zum Weltkulturerbe zählt.

Ban rügte die Angriffe auf die Mausoleen als vollkommen ungerechtfertigt. Er bekräftigte nach Angaben eines Sprechers seine Unterstützung für die Bemühungen der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas, der Afrikanischen Union und Ländern der Region, der Regierung und der Bevölkerung in Mali bei der Lösung der Krise auf dem Weg des Dialogs behilflich zu sein.

Auch die Bundesregierung forderte ein sofortiges Ende der Gewalt im Norden Malis. "Wir unterstützen nachdrücklich die Bemühungen der westafrikanischen Regionalorganisation Ecowas, eine Lösung für Mali herbeizuführen und die staatliche Einheit des Landes wiederherzustellen", sagte Außenamts-Staatsministerin Cornelia Pieper. Sie nannte die Zerstörung der Heiligtümer eine fürchterliche Tragödie.

Das westafrikanische Land Mali steckt in der Krise, seit es einer Gruppe von Soldaten im März gelungen war, die Macht an sich zu reißen und Präsident Amadou Toumani Touré zu stürzen. Weite Teile der Sahelzone sind außer Kontrolle geraten. Immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen den verschiedenen islamistischen Gruppen und Tuareg-Rebellen, die einen säkularen Staat fordern. Im Mai verkündeten die Tuareg-Rebellen einen Zusammenschluss mit der Islamistengruppe Ansar Dine.

Die Rebellen von Ansar Dine kämpfen für eine Abspaltung des Nordens. Das Gebiet, das sie für sich beanspruchen, reicht von den Grenzen zu Algerien und Niger bis zum Fluss Niger, der außerhalb von Timbuktu verläuft. Den Islamisten werden Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida im islamischen Maghreb nachgesagt.

bos/dapd/dpa/AFP

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