Malta Insel der Jungfrauengeburt

Scheidungen sind gesetzlich verboten, das Töten von Zugvögeln ist dagegen erlaubt. Es gibt kaum Strände, dafür aber viel Kultur: Mit Malta tritt eine Insel der Kuriositäten der EU bei.

Hamburg - "Hokkli dahri u nhokklok dahrek" hört sich kurios an, ist maltesisch und heißt "Kratzt Du mir meinen Rücken, kratz ich Deinen", was so viel wie "Eine Hand wäscht die andere" bedeuten soll. Die Malteser sind stolz, dass Maltesisch als offizielle Sprache der EU anerkannt worden ist. Luxemburgern und Iren war das mit ihren Landessprachen nicht gelungen.

Maltesisch hat seine Wurzeln im Arabischen, ist aber von französischen, englischen und vor allem italienischen Wörtern durchsetzt. So eigentümlich wie die Sprache klingt, stellt sich auch das Leben auf der Sonneninsel dar. Denn im demnächst kleinsten Staat der EU bestimmt der Katholizismus noch immer den Alltag der Malteser; er hat selbst das Leben der jungen Leute fest im Griff.

Ergebnisse einer Umfrage an der Universität von Malta muten im agnostischen Deutschland bizarr an: 87,2 Prozent der dort eingeschriebenen Studenten glauben demnach an die Jungfrauengeburt und 82,1 Prozent an die Existenz von Engeln. Immerhin 45,4 Prozent gaben an, jeden Tag zu beten, und nur 58,1 Prozent finden es nicht anstößig, vor der Hochzeit zusammen zu leben. Die Universität von Malta mit ihren 8000 Studenten ist aber keine theologische Anstalt für angehende Geistliche - hier werden vor allem Manager, Architekten und Ingenieure ausgebildet.

"Auf Malta ziehst du erst von zu Hause aus, wenn du heiratest", gilt zwar nach wie vor als ungeschriebenes Gesetz auf der Insel. Aber das mit der Hochzeit muss intensiver überdacht werden als anderswo in Europa, denn Scheidungen sind auf dem Mittelmeereiland verboten. Bei einer anderen Umfrage sprachen sich 90 Prozent der Malteser gegen Abtreibung aus. Schwangerschaftsabbrüche sind auch per Gesetz auf der Insel verboten. Maltesische Frauen fahren deshalb meist in englische Kliniken, wenn sie abtreiben wollen.

"Wie ein Frosch auf dem Felsen"

Malta sei wie ein Frosch, der auf einem Felsen sitzt, sagt der auf der Insel lebende Schriftsteller Oliver Friggeri. Der wähle mal Felsen, mal Wasser. Eine endgültige Entscheidung treffe der Frosch aber nie. Ähnlich unschlüssig waren die Malteser auch, als der Beitritt zur EU anstand. 53,6 Prozent sprachen sich beim Referendum im März 2003 für den Anschluss an die Europäische Union aus. Davor hatte es in der Hauptstadt Valletta, in Sliema und in den anderen Orten hitzige Debatten zwischen den beiden mächtigen Parteien gegeben.

Alfred Sant, der Chef der sozialistischen Labour-Partei, kämpfte mit markigen Sprüchen gegen den Beitritt. Die EU-Verwaltungsangestellten soll er einmal als "Taliban von Brüssel" bezeichnet haben. Sie hätten keine Ahnung von der Insel und wüssten gar nicht, was für Malta gut sei. In den siebziger Jahren hatte Sant als Diplomat in Brüssel gearbeitet, was offenbar zu seinem düsteren Bild über die EU führte. 1996 wurde er für kurze Zeit Regierungschef: Er brach die Beitrittsverhandlungen sofort ab.

Sant musste sich aber den konservativen Nationalisten geschlagen geben, die für Europa eintreten, obwohl der Parteiname das Gegenteil suggeriert. Die Aufnahme in die EU ist das Lebenswerk des Christdemokraten Edward Fenech Adami, 70, bis vor kurzem Ministerpräsident und nun der neue Präsident Maltas. "Eddie" ist ein begeisterter Europäer, der seine Mitbürger schließlich überzeugen konnte, mit Ja zu stimmen. Der neue Ministerpräsident Lawrence Gonzi, 50, will seine Arbeit fortsetzen. "Die EU ist eine Herausforderung für uns", sagt auch William Spiteri, Maltas Botschafter in Berlin. "In unserer Geschichte gab es viele Herausforderungen."

Aus der Historie Maltas rührt auch die Angst vor der Einflussnahme von Fremden. Phönizier, Römer und Araber hatten das Sagen auf dem Eiland zwischen Sizilien und Tunesien, danach kamen die Normannen und die Staufer, dann die Franzosen. Die längste Zeit seiner Geschichte, von 1530 bis 1798, wurde Malta vom Ritterorden der Johanniter regiert. Anschließend herrschten die Briten auf der kleinen Insel im Mittelmeer.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Malta als Basis der britischen Mittelmeerflotte und Station der Nachschublinien zwischen Ägypten und Gibraltar fast pausenlos bombardiert. Als "Zweite Große Belagerung" ging diese Zeit der Not in die Geschichte der Insel ein. Erst 1964 wurde Malta zum souveränen Staat.

Der höchste Berg ist eine Müllhalde

Wegen dieser Angst vor fremden Mächten ließ sich Malta von Brüssel Sonderrechte für den Beitritt zu EU geben - 76 Ausnahmeregeln sind es insgesamt, einige gelten für immer, andere nur für eine Übergangszeit. Dazu gehören neben der Anerkennung von Maltesisch als EU-Sprache und dem Scheidungsverbot auch Sonderrechte für Werften und die Erlaubnis, bis zum Jahre 2008 weiterhin auf Zugvögel Jagd machen zu dürfen. Mit Waffen und Fallen stellen die Malteser den Vögeln nach, die auf dem Archipel zwischenlanden. Tierschützer protestieren seit Jahren vergeblich. Die Regierung ist jedoch bemüht, das umstrittene Vogelmorden zu unterbinden.

Unnachgiebig zeigte sich die EU jedoch beim Abfallproblem, das Malta hat. Die Insel mit ihren 400.000 Einwohnern und den vielen Felsen ist ähnlich dicht besiedelt wie das Ruhrgebiet. Für den Müll gibt es im bald kleinsten Staat der Europäischen Gemeinschaft kaum Platz. Noch immer wird der Unrat oft einfach in der Landschaft "entsorgt", Abwässer ungeklärt ins Meer geleitet.

Das Wahrzeichen der maltesischen Müllmentalität ist der Maghtab, mit 85 Metern die höchste Erhebung der Insel und direkt an der Küste nahe einer Touristenanlage gelegen. Maghtab ist aber kein Hügel mehr, sondern eine gigantische Müllkippe. Tag für Tag laden Laster hier den stinkenden Abfall der Insulaner und der Urlauber ab - pro Jahr sind es 1,5 Millionen Tonnen. Bis zum 1. Mai muss Maghtab geschlossen werden, darauf bestand die EU. Nun sind die Malteser gezwungen, Ersatz zu finden, möglicherweise in aufgelassenen Steinbrüchen, die zu Deponien umgewandelt werden.

Kuppeln, Kathedralen und Festungen

Dennoch ist Malta zusammen mit der grünen Nachbarinsel Gozo ein beliebtes Ferienziel der Europäer. Die mehr als eine Million Urlauber jährlich kommen jedoch nicht zum Baden, weil es kaum Sandstrände gibt. Attraktiv ist das karge Eiland vielmehr wegen seines Kulturreichtums, den es seiner wechselvollen Vergangenheit zu verdanken hat. Zwei Dutzend frühzeitliche Ausgrabungsstätten gibt es auf Malta. Die bekannteste ist das Hypogäum, eine 5000 Jahre alte unterirdische Tempelanlage. Zudem gibt es nicht nur in der Hauptstadt Valletta Kuppeln, Kathedralen und Festungen im Überfluss. Etwa 400 Kirchen stehen auf der 316 Quadratkilometer kleinen Insel.

Willkommen ist auch jeder, der Probleme mit Englisch hat. Rund 40 Sprachschulen gibt es auf Malta und Gozo. Überwiegend junge Deutsche, Italiener und neuerdings auch viele Osteuropäer versuchen in den Kursen um die Schülerhochburg St. Juliens endlich zu begreifen, was der Unterschied zwischen Present perfect und Past simple continous ist.

Und so entdecken viele Touristen ihre Liebe zu Malta. Die meisten Einheimischen können sich ohnehin keine bessere Heimat als ihre Insel vorstellen. Auch junge Akademiker kehren nach einem Auslandsaufenthalt meist zurück. Der Rektor der Universität, Roger Ellul-Micallef, ist sich sicher: "Wer einmal auf der Insel gelebt hat, wird auch wieder zurückkommen."