Militärputsch in Kairo "Die Bruderschaft weiß, dass sie am Ende ist"

Seit dem Sturz von Präsident Mursi wird Ägypten täglich von Anschlägen und Zusammenstößen erschüttert. Der linke ägyptische Politiker Mamduh Habaschi hält den Putsch dennoch für richtig. Im Interview erklärt er, wie die Muslimbrüder das Land zugrunde gewirtschaftet haben.

Ägyptische Militärjets hinterlassen ein Herz am Himmel: "Die Armee hat getan, was sie tun musste"
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Ägyptische Militärjets hinterlassen ein Herz am Himmel: "Die Armee hat getan, was sie tun musste"


SPIEGEL ONLINE: Herr Habaschi, der deutsche Außenminister Guido Westerwelle hat den Sturz Mohammed Mursis am 3. Juli als "schweren Rückschlag für die Demokratie" beschrieben. Wie bewerten Sie das?

Habaschi: Herr Westerwelle hat ein anderes Demokratieverständnis als ich. Für mich ist Demokratie der Wille des Volkes, und der manifestierte sich überdeutlich in einer gewaltigen Massenbewegung; der größten, die Ägypten je erlebt hat. Für Westerwelle scheint Demokratie hingegen etwas rein Formales zu sein. Ihm geht es allein um die Stimmzählung von 2012, obwohl die damalige Präsidentschaftswahl alles andere als sauber war.

SPIEGEL ONLINE: Die Wahl wurde manipuliert?

Habaschi: Definitiv. Zum einen gab es keine echte Wahlaufsicht, alle Institutionen wurden vom Militärrat kontrolliert. Und die Armee wollte unbedingt verhindern, dass ein Vertreter der Revolution gewählt wird. Mit Ahmed Schafik und Mohammed Mursi glaubte man, sich gut arrangieren zu können. Zum anderen hatten die Islamisten extrem viel Geld in den Wahlkampf investiert und Stimmen gekauft. Keine andere politische Gruppe konnte da mithalten.

SPIEGEL ONLINE: International galt die Wahl dennoch als vorbildlich.

Habaschi: Die meisten Ägypter sahen sich um ihre Revolution betrogen, dennoch haben sie Mursis Sieg akzeptiert. Dabei war das kein klarer Sieg, Mursi hatte nur eine hauchdünne Mehrheit. Seine Präsidentschaft aber war von einer unglaublichen Arroganz und Dreistigkeit geprägt. Mursi und seine Muslimbrüder kümmerten sich noch weniger um die Nöte des Volkes als Mubarak.

SPIEGEL ONLINE: Und deswegen musste am 3. Juli das Militär intervenieren?

Habaschi: Das ägyptische Militär hat getan, was es tun musste. Es gab keine andere Möglichkeit. Denn Millionen von Menschen wollten die Entmachtung der Bruderschaft. Was wäre denn die Alternative gewesen: mitanschauen, wie die Demokratie untergraben und zerstört wird? Wissen Sie, was die Leute hier sagen? Sie vergleichen das mit dem Kauf einer Lebensmittelkonserve, die vier Jahre haltbar sein soll. Stellen Sie sich vor, Sie öffnen die Dose nach einem halben Jahr und sehen, dass der Inhalt total faul ist. Was würden Sie tun: den Inhalt trotzdem essen oder die Dose wegwerfen?

SPIEGEL ONLINE: Andererseits gibt es seit dem Sturz Mursis neue Proteste und Anschläge. Ägypten ist unsicherer geworden.

Habaschi: Natürlich, viele Islamisten radikalisieren sich, greifen auch zur Gewalt. Das heißt aber nicht, dass das Land in Chaos versinkt. Die Popularität der Muslimbruderschaft schwindet rapide. Die Mursi-Anhänger haben nie mehr als 100.000 Menschen auf die Straßen gebracht, die Mursi-Gegner dagegen mehrere Millionen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben die Muslimbrüder trotzdem noch, das Blatt wenden zu können?

Habaschi: Nein, die Führungsspitze der Bruderschaft weiß, dass sie am Ende ist. Ab einem bestimmten Zeitpunkt werden sie mit der Übergangsregierung und den Militärs verhandeln, aber vorher wollen sie so viel für sich rausholen wie möglich.

SPIEGEL ONLINE: Europäer und Amerikaner haben beide Seiten zur Versöhnung aufgerufen. Sehen Sie eine Chance dazu?

Habaschi: Von was für einer Versöhnung sprechen wir? Die Islamisten sind kaum an echter Versöhnung interessiert. Sie beharren auf ihren Standpunkten und ihrer totalitären Ideologie. Ein religiöser Staat nach ihren Vorstellungen, der Menschen anderer Glaubensrichtungen diskriminiert, kann kein demokratischer Staat sein. In den Medien wird uns oft das Beispiel Südafrika vorgegaukelt. Aber das Beispiel ist total falsch: In Südafrika hat die weiße Minderheit klar auf ihre Apartheid-Politik verzichtet, das war die Grundvoraussetzung zur Versöhnung. Eine solche Einsicht fehlt den Muslimbrüdern.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten, die Islamisten und die Militärs hätten sich anfangs gut arrangiert. Was lief falsch?

Habaschi: Die Militärführung und die Bruderschaft hatten einen klaren Deal, wonach die Generäle ihre Privilegien beibehalten und keiner Institution Rechenschaft schuldig sein sollten und die Muslimbrüder im Gegenzug frei regieren durften. An diesen Deal hielten sich zunächst auch beide Seiten. Aber als die Unzufriedenheit mit Mursi wuchs, konnten die Militärs nicht tatenlos bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Sturz Mubaraks haben die Revolutionäre schlechte Erfahrungen mit dem herrschenden Militärrat gemacht. Warum sollte es dieses Mal besser laufen?

Habaschi: Die Armeespitze hat kein Interesse, selbst zu regieren, das wollen sie lieber anderen überlassen. 2011 hatte sie keine Wahl, denn damals gab es tatsächlich ein Machtvakuum, nachdem man Mubarak und seine Clique geopfert hatte. Aber ich gebe zu: Der heutige Aufstand ging nicht nur von Revolutionären, sondern auch von Teilen des alten Regimes aus. Die Koalition gegen Mursi reicht von Linken über Liberale und Nationalisten bis hin zu wichtigen Militärs.

SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten: Die neue Übergangsregierung wird auch von Kräften getragen, gegen die früher demonstriert wurde?

Habaschi: Ja, die Übergangsregierung ist eindeutig keine Regierung der Revolution. Aber sie ist dennoch ein Riesenfortschritt. Denn wir können von ihr Rechtsstaatlichkeit erwarten. Und sie besteht aus Experten, die wirklich etwas von Wirtschaft, Justiz und Landwirtschaft verstehen. Ich erwarte, dass die dringendsten Krisenprobleme angegangen werden. Es gibt wieder Hoffnung, die gab es unter Mursi zuletzt nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es richtig, dass Mursi noch immer an einem unbekannten Ort festgehalten wird? Die Europäische Union fordert seine Freilassung.

Habaschi: Die Staatsanwaltschaft ermittelt zurzeit noch gegen ihn. Dabei geht es um einen bewaffneten Gefängnisausbruch, an dem die Führungsspitze der Bruderschaft beteiligt war. Dafür gibt es Augenzeugenberichte. Und das ist nur einer von vielen Vorwürfen. Es gibt Listen, aus denen hervorgeht, welche Günstlinge Mursis vom Staat kostenlos oder zu Spottpreisen Grundstücke geschenkt bekommen haben. Aber natürlich muss das Gerichtsverfahren gegen Mursi fair und transparent sein, es darf keine Rachejustiz geben.

Das Interview führte Daniel Steinvorth



insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
RuoTi 25.07.2013
1. Der Teaser verspricht mehr, als er hält
Vermisse im Interview das, was der Teaser versprach: Erklärungen, wie die Muslimbrüder die Wirtschaft Ägyptens zugrunde gerichtet haben. Keine neuen Informationen, nur bekanntes... das ist nicht redlich!
mercadante 25.07.2013
2. Ländle Wahlen laufen oft anders als in den Städten
das ist ist überall so in der Welt , Herrn Westerwelle fehlt manchmal die Ruhe die Dinge nüchtern zu betrachten , manchmal es wäre doch besser ohne eine Vorstellungen an einer Sache ran gehen , als mit der falsche . Libyen - Syrien -Türkei - Ägypten , ein Achterbahn der Gefühle , sicherlich jeder braucht mal Zeit .
testprediger 25.07.2013
3. Schönes Interview!
Zitat von sysopAPSeit dem Sturz von Präsident Mursi wird Ägypten täglich von Anschlägen und Zusammenstößen erschüttert. Der linke ägyptische Politiker Mamduh Habaschi hält den Putsch dennoch für richtig. Im Interview erklärt er, wie die Muslimbrüder das Land zu Grunde gewirtschaftet haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/mamduh-habaschi-spricht-im-interview-ueber-die-lage-in-aegypten-a-912622.html
Schönes Interview. Der Islam als freiheitsfeindliche Ideologie kann natürlich niemals die Potentiale freisetzen, zu denen halbwegs frei Gesellschaften in freier Forschung, Lehre und Rede fähig sind. Mit beten und Verschleierung ist eben kein Geld verdienen, außer vielleicht durch den ansässigen Klerus, der aber selber nichts als heiße Luft produziert.
Andrea.M 25.07.2013
4.
Zitat von sysopAPSeit dem Sturz von Präsident Mursi wird Ägypten täglich von Anschlägen und Zusammenstößen erschüttert. Der linke ägyptische Politiker Mamduh Habaschi hält den Putsch dennoch für richtig. Im Interview erklärt er, wie die Muslimbrüder das Land zu Grunde gewirtschaftet haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/mamduh-habaschi-spricht-im-interview-ueber-die-lage-in-aegypten-a-912622.html
Das ist die Blaupause und genau das Problem was normale Menschen mit (*diesen*) Religiösen haben.
testprediger 25.07.2013
5. Das ergibt sich.
Zitat von RuoTiVermisse im Interview das, was der Teaser versprach: Erklärungen, wie die Muslimbrüder die Wirtschaft Ägyptens zugrunde gerichtet haben. Keine neuen Informationen, nur bekanntes... das ist nicht redlich!
Das ergibt sich. Die ideologische Selbstbeschränkung des Islams lässt keine freiheitlichen Potentiale zu. Selbst die Preußen haben das im 19. Jahrhundert begriffen und Reformen nach v. Hardenberg und von Stein Reformen zugelassen, um mehr Wirtschaftskraft in dem damaligen Ständestaat zu ermöglichen. Die Muslimbrüder würgen das gerade ab, da sie ihre Politik islamkonform, also entsprechend eingeengt betreiben, die Menschen jeweils auf ihren "Plätzen" unter dem Koran zu verorten suchen. So gelangt man natürlich nicht zu Mehrwerten, so gelangen Völker unter dem Islam schon seit Jahrhunderten nicht zu Innovationen, kaufen heute unsere Autos, Waffen, Computer, ohne dergleichen selber entwickelt zu haben oder zu entwickeln. Ohne das Erdöl der Region, würde sich tatsächlich niemand um die Länder dort kümmern, wären das vermutlich malerische unterbevölkerte Tourist-Spots, wo man die Muslime, wie in einem Disney-Land besuchen könnte, ohne mit ihnen aneinander zu geraten.
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