SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

04. Mai 2017, 06:38 Uhr

TV-Duell Le Pen vs. Macron

Von der ersten Sekunde an Krawall

Von , Paris

Das TV-Duell zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron geriet zur Schlammschlacht. Die beiden französischen Präsidentschaftskandidaten sprachen nicht über Inhalte, sie griffen sich unentwegt gegenseitig an.

"Historische Konfrontation", "Kampf zweier Welten", "Mutter aller Debatten": Frankreichs medialer Hype vor der TV-Diskussion zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron setzte den Maßstab: "Es geht um nicht weniger als den Bruch mit dem politischen System Frankreichs", so die Tageszeitung "Le Parisien" vor dem Duell.

Doch dem Niveau einer Präsidentschaftsdebatte entsprach das TV-Spektakel keinen Moment.

Vier Tage vor der Stichwahl am 7. Mai kam eine Auseinandersetzung über Projekte und Programme fast nie zu Stande. Die mehr als zweistündige Debatte zwischen dem Führer der Bewegung "En Marche!" und der Kandidatin des Front National (FN) geriet stattdessen zu einem wüsten Schlagabtausch - geprägt von Demagogie, Beschimpfungen und gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Die FN-Kandidatin ist von der ersten Sekunde an auf Krawall aus. "Welchen Eindruck haben Sie von der Kampagne?" Sie antwortet reflexartig mit einer giftigen Tirade: "Herr Macron ist der Kandidat der unkontrollierten Globalisierung", so Le Pen, "der Kandidat der Prekarität, der sozialen Brutalität, eines Krieges jeder gegen jeden, der ökonomischen Verwüstungen durch die Großunternehmen, der Zerlegung Frankreichs durch die großen Wirtschaftsinteressen."

Le Pens persönliche Ausfälle

Das ist der Auftakt der Feindseligkeiten. Fortan läuft die Konfrontation polemisch, hässlich, bisweilen verlieren sich die Argumente in lautstarkem Radau: Le Pen geht es um die Diskreditierung ihres Gegners, Macron versucht sich in Polit-Pädagogik und rationaler Analyse. Die FN-Chefin macht ihren Kontrahenten für alle Übel der Republik verantwortlich und tituliert ihn als "kaltherzigen Banker", als "Liebling des Systems", "Favorit der Medien" und "Handlanger der Eliten".

Mit einem Lächeln, das wie festgezurrt wirkt, attackiert sie ihren Gegner als dogmatischen Nachlassverwalter von François Hollandes fünfjähriger Amtszeit: "Sie als Wirtschaftsminister der Regierung haben allein den Großunternehmen geholfen, Sie stehen für ein Frankreich, das sich unterwirft."

Für Macron wird es ein mühevoller Kampf gegen rhetorische Windmühlen: Feingefühl sei ihre Sache nicht, sagt er ironisch und bezichtigt seinerseits die Rivalin als "Erbin, nicht nur dem Namen nach", des rechtsradikalen Front National, gegründet von ihrem Vater Jean-Marie. "Ihre Haltung verkörpert die Niederlage, ich bin der Kandidat der Hoffnung."

Kein Sujet im zwölfteiligen Fragenkatalog der Moderatoren, das Le Pen nicht für persönliche Ausfälle gegen den Rivalen umfunktioniert. Verblüffend nach einer Kampagne, die die FN-Kandidatin mit professioneller Zurückhaltung geführt hatte.

"Sie sehen alles nur als Funktion von Profiten und Dividenden", sagt Le Pen über Macron, "doch Frankreich ist etwas anderes." Macron ist staatsmännisch: "Ja, Frankreich ist anders, es steht für eine offene Zivilisation mit Prinzipien der Großzügigkeit."

"Frankreich wird so oder so von einer Frau regiert"

Selbst das Thema Terror nutzt Le Pen vor allem für eine Abrechnung mit ihrem Gegner: "Nicht nur, dass Sie keine Pläne haben, Sie zeigen gegenüber dem islamistischen Fundamentalismus sogar Wohlwollen." Zum Beweis brandmarkt sie die vermeidlichen Kontakte Macrons zum Muslimischen Zentralrat Frankreichs (UOIF). Der reagiert halbherzig: "Ich kenne sie nicht, habe sie nie getroffen." Aber Macron legt nach: "Das ist doch, was die Dschihadisten wollen, die Teilung unserer Gesellschaft, die Konfrontation, den Hass."

Erst als es um Europa und den Euro geht, hat Macron wieder Oberwasser. Mit intellektuellem Verve zerlegt der Ex-Wirtschaftsminister die widersprüchlichen Vorschläge von Le Pen zum Ende des Euro und der Wiedereinführung des französischen Franc: "Ihr Projekt ist gefährlich, was Sie vorschlagen, ist der Krieg der Währungen."

Natürlich darf beim Thema EU auch ein Ausfall Le Pens gegen Deutschland nicht fehlen. "Sie haben Madame Merkel besucht, um sie um ihren Segen zu bitten", sagt die FN-Kandidatin in Richtung Macron. "Sie wollen ihr nicht gegenübertreten, sondern auf ihrer Seite stehen." Und setzt hämisch nach: "Eines ist klar, Frankreich wird so oder so von einer Frau regiert - entweder von mir oder von Frau Merkel."

Auch Macron kann zurückkeilen: "Ihr Projekt ist eine Kampagne der Verfälschungen, der Angst und der Lügen. Frankreich verdient Besseres. Wir müssen raus aus dem System, das Sie mit hervorgebracht hat. Sie leben davon, Sie sind dessen Parasit."

Es geht auf Mitternacht zu, als die Kandidaten um ein Statement zum Thema ihrer Wahl gebeten werden.

Macron gibt sich präsidial - und überzeugt

"Ich habe keines", sagt Le Pen und verbreitet ihre "allgemeine Philosophie" mit einer letzte Attacke auf Macron: "Das Frankreich, das Sie wollen, ist nicht Frankreich, sondern ein Börsenparkett, der Krieg aller gegen alle." Und Le Pen legt nach: "Sie liegen auf dem Bauch vor den Banken, Sie sind der Kandidat der Unterwerfung."

Macron kontert: "Ich bin aufrecht." Er müsse nicht mit Schmutz werfen. Und schließt erschöpft, aber präsidial mit einem Plädoyer für die offene Welt, für die es Mut brauche. "Wir werden es gemeinsam machen, treu zu dem, was wir sind."

Was bleibt? Eine TV-Debatte am Rand einer Schlammschlacht, die mehr den Charakter der Finalisten offenbarte als ihre politischen Visionen. "Eine brutale Debatte", kommentierte die Zeitung "Le Monde", "bestimmt von Spannungen und Fehlinformationen". Ein "Kampf aufs Messer" titelte die Regionalzeitung "Ouest France" am Morgen danach.

Am Kräfteverhältnis hat die konfuse Show indessen wenig verändert. Eine Blitzumfrage für den Nachrichtensender BFM zeigt, dass Macron 63 Prozent der Fernsehzuschauer überzeugte, Le Pen kam auf 34 Prozent. Die FN-Kandidatin feiert mit einem Glas Champagner; Macron, befragt zu seiner Darbietung, ist gelassen: "Das Urteil der Bürger fällt an der Urne."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung