Le Pens Wahlkampfauftakt Präsidiale Posen

Generalmobilmachung für das Rennen zum Élysée. Beim Programmforum des Front National präsentiert sich Marine Le Pen als patriotische Alternative zu den etablierten Parteien. Motto: Frankreich zuerst.

Aus Lyon berichtet


Sieht so die nächste Präsidentin Frankreichs aus? Auf der Bühne in Lyons Kongresszentrum steht ein schmales Pult, daneben drei Trikoloren, die Kulisse strahlt in republikanischem Dunkelblau. Als Marine Le Pen auftritt, explodiert der Saal: "Wir werden gewinnen!…"

Vor ihr im Amphitheater ein Meer von Trikoloren und Transparenten, Wimpel in den Nationalfarben, Plakate mit dem Konterfei der Front-National-Chefin und ein Publikum, das die blonde Frau mit Ovationen feiert. Schon im ersten Satz legt sie den Kurs fest: "Ich bin die Kandidatin des Volkes."

Madame zeigt sich kämpferisch, gegen die "Ideologie der Globalisierung", gegen die "Laxheit der Regierenden", gegen die "Unterwerfung unter einen islamistischen Obskurantismus". Stattdessen fordert sie Solidarität, eine "moralische Wiederaufrüstung" - "für uns ist nichts größer als Frankreich."

Umfragen sehen le Pen vorn

Zweieinhalb Monate vor den Präsidentenwahlen wirft sich Marine Le Pen in Siegerpose - "im Namen des Volkes."

Im Aufwind ist sie allemal: Alle Umfragen geben Marine Le Pen derzeit als Favoritin des ersten Wahlganges an - die Meinungsforscher streiten nur um die Höhe ihres Sieges, irgendwo zwischen einem satten Viertel oder 30 Prozent der Stimmen.

Die FN-Chefin befindet sich in einer komfortablen Lage: Die Sozialisten sind seit der Kür des Parteilinken Benoît Hamon in Lagerkämpfe zerstritten; die Kampagne von François Fillon, dem Favoriten der Republikanern (LR), steht seit den Enthüllungen im Penelope-Gate vor dem Kollaps.

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Le Pens Wahlkampfauftakt: Frankreich first

"Die anderen machen die Arbeit für mich"

Marine Le Pen profitiert von dem Zerfall der Altparteien, genauso wie allein Emanuel Macron, Chef der Bewegung "En Marche". Mit seinen Appellen an Werte, Würde und eine "revolutionäre Wende" verbleibt er der derzeit einzige Konkurrent. Die FN-Chefin gibt sich indes optimistisch: "Ich brauche nicht einmal gut zu sein", vertraute sie einem Genossen an: "Die anderen machen die Arbeit für mich."

In Lyon präsentiert sich Marine Le Pen daher als unbelastete Patriotin, gegenüber einer dekadenten Politkaste. Die Vorwürfe gegen sechs FN-Abgeordnete (Streitwert: 1,1 Millionen Euro), die sich auch wegen unrechtmäßiger Beschäftigung ihrer parlamentarischen Assistenten verantworten müssen? Alles Verleumdungen, Unterstellungen, Komplotte der EU und ihrer Wasserträger.

Bloß keine Affären - staatsmännischer Habitus ist gefordert, patriotisches Auftreten.

Etabliert, gesittet, wählbar

Am Abend zuvor haben die Honoratioren und die Gefolgsleute des Front National im Kongresszentrum sich und ihre Vorsitzende gefeiert - Ansprachen, "patriotisches Gala-Diner", Musik. Die Partei ist endlich dort angekommen, wo Marine Le Pen sie immer schon haben wollte: Im Herzen jenes politischen Systems, das sie sonst als Erzfeind brandmarkt. Der FN ist etabliert, gesittet, wählbar.

Auf dem Weg dorthin hat die Tochter von Parteigründer Jean-Marie den Krawalltrupp ihres Papas, dominiert von Rassisten, Antisemiten und alten Algerienkämpfern, zu einer modernen Organisation umgebaut. Seit sie 2011 die FN-Führung übernahm, wurde das Image des Front National generalüberholt - der verteufelte Bürgerschreckverein mutierte zur braven Partei.

Parteigründer Jean-Marie Le Pen mit Augenklappe, 1974
AFP

Parteigründer Jean-Marie Le Pen mit Augenklappe, 1974

Die gelernte Anwältin hat die aggressiven Parolen semantisch weichgespült, sie überwarf sich deswegen gar mit ihrem Papa. Marine Le Pen firmiert nicht einmal mehr mit der stilisierten Flamme des Front National. Stattdessen ziert ihr Logo eine stilisierte Rose: Madame ist die Kandidatin der "Vereinigung Marine-Blau".

Auf dieser Welle umwirbt sie die Verlierer der Globalisierung, appelliert an die Arbeitslosen in den ignorierten Einzugsgebieten der Metropolen und die Bauern, die mit dem Existenzminimum überleben müssen. Ihre Botschaft richtet sich an Rentner, Angestellte und Klein-Unternehmer, jene verunsicherte Mittelklasse, die den Abstieg ins Prekariat fürchten - die "Vergessenen Frankreichs".

Mit zunehmendem Erfolg an der Urne: Bei der Präsidentenwahl 2012 erreichte Marine Le Pen mit 17,9 Prozent den dritten Platz und übertraf damit das Rekordergebnis ihres Vaters, der zehn Jahre zuvor erstmals die zweite Abstimmungsrunde erreicht hatte.

Papa le Pen und Marine - vor dem Schisma
AP/ dpa

Papa le Pen und Marine - vor dem Schisma

Bei den Europawahlen 2014 stieg der FN mit knapp 25 Prozent zur stärksten Formation Frankreichs auf und wiederholte den Rekord bei den Kommunal- und Departementswahlen. Mittlerweile ist der Front National landesweit aufgestellt. Seine Mitglieder sitzen in mehr als 1540 Gemeinderäten, die Partei stellt 63 Vertreter in den Departements und besetzte zwei Mandate im Senat.

Folgt im April der Einzug in den Élysée? Auf dem Podium in Lyon enthüllt Marine Le Pen ihr Projekt - mit präsidialem Gestus. Dazu gehört ein Programm mit 144 Vorschlägen, das für alle Defizite der Republik ein Rezept bereithält. Und eine Zukunft, die auf die nostalgische Rückkehr zu Frankreichs guten alten Zeiten setzt - auf das Versprechen von Größe und Glorie.

"Ein beruhigtes Frankreich"

Im programmatischen Kern bleibt die Partei dabei ihren Zielen verbunden. Ideologisch: nationalistisch. Ökonomisch: sozialistisch. Le Pens Wahlslogan klingt anheimelnd und vertrauensheischend: "Ein beruhigtes Frankreich". Tatsächlich will sie einen radikalen Umbau.

Als Präsidentin würde Madame die Nation drastisch runderneuern: Verfassungsreformen zur Einführung des Verhältniswahlrechts und zur Verkleinerung des Parlaments, die Einführung von Volksbefragungen und das Verbot ethnischer Abschottung in Parallelgesellschaften. Dazu: ein Referendum über den EU-Ausstieg ("Frexit"), möglicherweise auch der Rückzug aus der Nato.

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Le Pens Wahlkampfauftakt: Frankreich first

Weniger Steuern, maßvolle Schulden, mehr Gesundheit, schöne Umwelt, bessere Erziehung - Le Pens Füllhorn gießt Versprechungen und Visionen aus, für jeden ist etwas dabei. Gegen Terror und Kriminalität: mehr Polizei, mehr Gendarmerie, mehr Soldaten, Kriminelle raus, "null Toleranz". Parallel dazu soll ein "intelligenter Protektionismus" endlich "Arbeit für alle" schaffen, wer Ausländer einstellt, wird mit einer Strafsteuer belegt. Der Zuzug der Immigranten von 40.000 auf 10.000 gesenkt, bei Sozialleistungen sollen Franzosen bevorzugt werden.

"Nationale Priorität", heißt das Konzept von Marine Le Pen - kurz: "Frankreich zuerst". "Was uns motiviert, ist die Sorge um das Vaterland. Jeder Patriot hat seinen Platz an unserer Seite." Dafür feiern die FN-Anhänger ihre Chefin mit röhrendem Stakkato: "Marine Präsidentin…", bevor die FN-Führung auf der Bühne die "Marseillaise" anstimmt.

Marie-Jo, 62, aus Toulouse, seit Jahren Sympathisantin, will jetzt erstmals für den FN stimmen. "Natürlich wähle ich Marine, ich wähle Frankreich. Ich will eine bessere Zukunft für meine zwei Kinder." Die Lehrerin, angereist mit ihrem Ehemann, ist überzeugt: "Im Mai ist Marine Le Pen nicht mehr nur Präsidentin des FN, sondern der Fünften Republik."

insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
hugahuga 05.02.2017
1.
Die Franzosen sind nicht dümmer als wir oder die US Amerikaner. Und wenn sie es den US Amerikanern gleich tun und "Frankreich zuerst" bevorzugen, dann sagt das im Grunde nur, dass sie die Priorität ihrer Heimat angedeihen lassen wollen und nicht einer künstlichen, unwirklichen und relativ undemokratischen größeren Einheit unpassend zusammengewürfelter Staaten. Sie haben sich sicher - wie viele Deutsche auch - das Leben und Treiben der Herren Juncker, Schulz etc vor Augen gehalten, deren Ergebnisse begutachtet und sind letztlich zu dem Schluss gelangt, dass "Frankreich zuerst" die richtige Einstellung ist.
hansriedl 05.02.2017
2. Wahl in Frankreich: Alles wird möglich
Die Zerreißprobe der Sozialisten ist nur eine Folge der tektonischen Umschichtung, die die französische Politik erfasst hat. Noch im Herbst hätte sich niemand auch nur vorzustellen gewagt, dass es im Präsidentenrennen dermaßen drunter und drüber gehen würde. Selbst das bisher Undenkbare. Zum Beispiel ein Sieg der Front-National-Kandidatin Marine Le Pen. Den Wunsch nach Veränderung gibt es schon lange und praktisch überall in der westlichen Welt. Er hat Obama, Trump, Grillo und den Brexit gebracht und auch in vielen kleineren Ländern die alten Regierungsparteien verschwinden lassen. Österreich und Deutschland sind da wie immer ein wenig hinten nach, aber in Österreich war es auch schon sehr knapp und in Deutschland dauert es halt noch bis Merkel nicht mehr antritt. Eine differnzierte und vor allem ergebnisoffene Analyse über die Ursachen ist aber kaum möglich, weil Medien und Unis meist genau das vertreten wovon sich die Bürger den "Change" wünschen.
jamguy 05.02.2017
3. Europa
Zitat von hugahugaDie Franzosen sind nicht dümmer als wir oder die US Amerikaner. Und wenn sie es den US Amerikanern gleich tun und "Frankreich zuerst" bevorzugen, dann sagt das im Grunde nur, dass sie die Priorität ihrer Heimat angedeihen lassen wollen und nicht einer künstlichen, unwirklichen und relativ undemokratischen größeren Einheit unpassend zusammengewürfelter Staaten. Sie haben sich sicher - wie viele Deutsche auch - das Leben und Treiben der Herren Juncker, Schulz etc vor Augen gehalten, deren Ergebnisse begutachtet und sind letztlich zu dem Schluss gelangt, dass "Frankreich zuerst" die richtige Einstellung ist.
Europa kann eben realistisch gesehen nur unter dem Geschtspunkt der Nationalitäten weiter existieren oder gemeinsam den Bach runtergehen den betrachtet man sich die Staatssituationen genau sieht man klar viele schon lange und auch zu Sowjetzeiten wirtschaftlich abgehängte bzw. hängengebliebene Staaten die niemals einen wirtschaftlichen Aufschwung in der EU erleben können da die Monopole seit jahrzehnten vergeben sind alles andere ist Illussion und das alte Europa mit eigenen Währungen hat gut,besser und wirklich funktioniert.
Fragen&Neugier 05.02.2017
4.
Zitat von hugahugaDie Franzosen sind nicht dümmer als wir oder die US Amerikaner. Und wenn sie es den US Amerikanern gleich tun und "Frankreich zuerst" bevorzugen, dann sagt das im Grunde nur, dass sie die Priorität ihrer Heimat angedeihen lassen wollen und nicht einer künstlichen, unwirklichen und relativ undemokratischen größeren Einheit unpassend zusammengewürfelter Staaten. Sie haben sich sicher - wie viele Deutsche auch - das Leben und Treiben der Herren Juncker, Schulz etc vor Augen gehalten, deren Ergebnisse begutachtet und sind letztlich zu dem Schluss gelangt, dass "Frankreich zuerst" die richtige Einstellung ist.
Die USA haben ein Präsidialsystem, ein klassisches Zweiparteienmajorzsystem mit Gewaltenteilung und Direktwahl des Präsidenten und da setzt sich der Wählerwille durch, getrennt werden Exektuive und Legislative gewählt. Im semipräsidiellen Frankreich mit Mehrparteiensystem und Proporzwahlrecht sind trotz Volkswahl des Präsidenten Exektuive und Legislative viel mehr verschränkt und der Front National müsste die absolute Mehrheit haben im Parlament und Marine Le Pen als Präsidentin - sonst wirds nichts mit politischer Teilhabe, auch nicht mit 49% Wähleranteil. Ich denke nicht, dass die früheren Rechtspopulisten und heutigen Rechtsextremen in Europa je "die Macht ergreifen" könnten. Aber gute Demokraten werden ihre Positionen übernehmen als die eigenen und dann werden sie alternativlos die einzigen sein.
reflexxion 05.02.2017
5. an alle Demagogen
Es kann nicht jeder Depp schreien "xxx zuerst!" und bei xxx setzen wir dann ein beliebiges Land ein. Es kann immer nur einer Erster sein, alle anderen sind dann nur die Verlierer. Merke: Zweiter zu sein ist nichts anderes als erster Verlierer zu sein.
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