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26. Mai 2014, 14:56 Uhr

Europawahl

So verführt Marine Le Pen die Franzosen

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Der rechtsextreme Front National triumphiert bei der Europawahl, die etablierten Parteien Frankreichs sind schockiert. Über Jahre haben sie ignoriert, wie Marine Le Pen mit simplen Botschaften die Bürger begeistert.

Hamburg/Paris - Ein politisches Erdbeben, sagen einige. Eine angekündigte Katastrophe, sagen andere. Der Triumph des rechtspopulistischen Front National bei der Europawahl erschüttert Frankreich. Holte die Partei von Marine Le Pen vor vier Jahren nur rund 6 Prozent der Stimmen, ist sie nun auf 25 Prozent gesprungen und stärkste Kraft im Land.

Politiker der traditionellen großen Parteien UMP und PS erkennen jetzt reumütig die "Wut des französischen Volkes" an. Der sozialistische Präsident François Hollande hat eine Krisensitzung einberufen, Premierminister Manuel Valls fordert nach dem Wahldebakel einen Kurswechsel in der EU.

Doch die Einsicht kommt spät, sie zeigt auch, wie ratlos viele Politiker des Landes dem Front National gegenüberstehen. Längst bündelt er nicht mehr nur Proteststimmen. Seit Le Pen die Partei 2011 übernommen hat, kann sie immer mehr Franzosen für ihre simplen Botschaften gewinnen. Sie spielt dabei geschickt mit den Ängsten der Bürger, die sich weder von den Konservativen noch den Sozialisten verstanden fühlen.

Die "Eliten" in Paris würden die Nöte des Volkes ignorieren und sich stattdessen den Spardiktaten aus Brüssel und Berlin beugen, poltert Le Pen. Für den wirtschaftlichen Niedergang Frankreichs und die Arbeitslosigkeit macht sie Europa verantwortlich. Ihre Lösung: Raus aus der Europäischen Union, den Euro abschaffen.

Ihre Vorstöße kommen gut an bei den Menschen in verarmenden Gegenden. In den Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit hat der Front National bei der Europawahl besonders gut abgeschnitten. In den alten Industriehochburgen im Nordosten des Landes erreichte der FN in einigen Départements bis zu 40 Prozent der Stimmen. Auch im wirtschaftlich schwachen Südosten des Landes, wo viele Migranten leben, konnte Le Pen zulegen.

Die meisten Franzosen sind zwar nicht mehrheitlich gegen die EU eingestellt, sie haben allerdings wenig Vertrauen in europäische Institutionen wie die Kommission. Le Pen sieht die französische Landwirtschaft durch die EU bedroht und will das Land stärker abschotten.

Sie hat zugleich die Debatte über die Krise zu einer Diskussion über die Identität Frankreichs stilisiert. Sie verspricht, die verunsicherten Bürger vor den Folgen der Globalisierung zu schützen. Abschottung heißt für sie auch: Grenzkontrollen wieder einführen, den Zuzug von Migranten radikal verringern. Antisemitische und ausländerfeindliche Parolen - so wie bei FN-Gründer und ihrem Vater Jean-Marie Le Pen - hört man von ihr nicht. Aber sie wettert gegen Muslime und fordert angesichts von muslimischen Freitagsgebeten auf öffentlichen Plätzen ein Ende der "Besatzung".

Gefährlich ist für Konservative und Sozialisten auch, dass die Rechtsextremen viele junge Menschen ansprechen. Jedes dritte Mitglied ist nach Angaben der Partei jünger als 30 Jahre, in den Führungspositionen sitzen viele junge Politiker. Das hat sich am Wahltag ausgezahlt: Ein Drittel der Unter-35-Jährigen hat laut "Le Monde" für den FN gestimmt.

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