Marines-Ausbildung für Afghanistan Im Camp der Kampfmaschinen

US-Präsident Obama will Zehntausende zusätzliche Soldaten nach Afghanistan schicken. Viele von ihnen sollen aus Parris Island kommen: Im berüchtigten Trainingslager der Marineinfanteristen drillt Amerika seine härtesten Kämpfer. Während der Ausbildung werden Kids zu Killern.

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Aus Parris Island berichtet


Der Drill Sergeant brüllt sich die Lunge aus dem Hals. Sein weit aufgerissener Mund ist nur Zentimeter vom Gesicht des Rekruten entfernt. Speichel spritzt, Schweiß trieft, Stirnadern treten hervor, die tätowierten Arme quellen aus dem T-Shirt.

"Willst du wieder von vorne beginnen?", schreit der Sergeant. "No, Sir!", antwortet der Rekrut regungslos. Sergeant: "Soll ich deine Mama rufen?" Rekrut: "No, Sir!" Sergeant: "Ab, zurück zum Anfang!" Rekrut: "Aye, Sir!"

Parris Island, eine neblig-sumpfige Insel vor South Carolina: Hier im tiefen Süden der USA sind im Morgengrauen mehrere Dutzend meist milchgesichtige Teenager aufmarschiert. Drill-Sergeants jagen sie gnadenlos über einen Hindernis-Parcours: Sie müssen an Seilen baumeln und Stangen entlanghangeln, über Stämme kriechen, durch Schlamm robben, Bretterwände und Wassergräben überwinden.

"Leatherneck Square", steht auf einem Schild. Der Platz der Ledernacken.

Jedesmal, wenn die Kraft nicht mehr reicht zum letzten Klimmzug, zur letzten Liegestütze, zur vorschriftsgemäßen Haltung, gibt's Saures. "Ab nach Hause!", schreit der Sergeant einen Rekruten an, der zum dritten Mal abstürzt. Der Rekrut muss wegtreten, er darf es tags darauf noch mal versuchen. So lange, bis es klappt.

Denn dies ist kein Spiel. Parris Island ist das Boot Camp des United States Marine Corps (USMC) - das berüchtigte Trainingslager der US-Marineinfanteristen, die sich als die besten, härtesten Streitkräfte der Welt rühmen. Auf diesem abgeschotteten Militärgelände bilden die Marines ihren Nachwuchs aus. Es ist eine zwölfwöchige Schinderei, die Männer zum Heulen bringt und den legendären Werbeslogan prägte: "The Few. The Proud. The Marines."

Die Marines halten an ihrer Mission fest

Eine Schinderei mit aktueller Brisanz: Wer Parris Island übersteht, landet binnen weniger Monate unweigerlich im Irak oder, eher noch, in Afghanistan. Während sich die meisten Amerikaner längst vom Krieg abgekehrt haben, halten die Marines stolz an ihrer Mission fest. "Irak!", brüllt der Sergeant. "Fallujah!", brüllen die Rekruten. "Afghanistan!", brüllt er. "Kandahar!", hallt es durch den Kiefernhain.

Wochenlang hat US-Präsident Barack Obama mit der Afghanistan-Entscheidung gehadert, am Dienstag will er Zehntausende weitere Soldaten an den Hindukusch beordern. Dazu wird er sich vor den TV-Kameras in die feine Kulisse der Militärakademie West Point stellen. Der blutjunge Nachschub für den Marschbefehl entsteht jedoch weit abseits der Öffentlichkeit, in so schmutzigen Drillcamps wie Parris Island.

Die Jungs, die sich dort gerade im Wald quälen, sind 17, 18 Jahre alt. Blass, picklig, noch relativ unsicher, dies ist ihr 15. Tag, seit sie tief in der Nacht angekarrt wurden aus allen Ecken des Landes.

Am "Leatherneck Square" trennt sich erstmals die Spreu vom Weizen. "Confidence Course", nennen sie diese Strecke auch, alle müssen sie absolvieren, selbst Frauen - Parris Island ist die einzige USMC-Station, die auch weibliche Rekruten ausbildet. "So oder so, da musst du durch", sagt Staff Sergeant Chris Stephenson, 30, einer der Ausbilder am Parcours. "Wir trainieren fürs Schlachtfeld."

Fronterfahrung ist bei den Ausbildern gefragt: Stephenson ist, wie die meisten der Offiziere in Parris Island, selbst Kriegsveteran. Seine Brüllstimme pflegt er, das verrät er, indem er morgens mit Zitronensaft gurgelt. Womit er sich gleich wieder lautstark einem Rekruten zuwendet: "Hör auf, dir an der Nase rumzufummeln!"

Beschimpfung mit Tradition: Seit 1915 schleift das "Depot" von Parris Island, wie es offiziell heißt, Zivilisten zu Militärs, Menschen zu Kriegsmaschinen. Das Camp selbst ist eine Kasernenstadt: Backsteinbaracken, Villen für Offiziere, eine Kirche, sogar ein Kino - und ringsum nur elend-feuchtes Marschland.

"Wir brechen sie"

Jede Woche spuckt Parris Island Hunderte neue Marines aus. Ein Fließband des Krieges: Pro Jahr durchlaufen 21.000 Kids diese Tortur, deren Hauptziel es ist, ihnen jede Individualität zu rauben - eine oft menschenverachtende Prozedur, die Stanley Kubrik 1987 im Antikriegsfilm "Full Metal Jacket" porträtierte.

"Wir brechen sie", erläutert Lieutenant Colonel Gabrielle Chapin, eine kleine, drahtige Offizierin mit straffem Dutt. "Und dann setzen wir sie wieder so zusammen, wie es passt."

Zum Beispiel Eric Fisher aus Virginia. Fisher sitzt in der "Chow Hall", der Kantine, während einer Pause zwischen Kampftraining und Geschichtsunterricht, vor sich auf dem Teller ein Hähnchen, Pommes, Salat, ein Riesenstück Schokoladentorte und eine Banane. Pro Tag, so die Regel, verbrennen die Rekruten hier mehr als 5000 Kilokalorien.

Fisher, 18, mag eigentlich Musik: "Klassisch, Orchester, alles." Sein Lieblingskomponist ist John Philip Sousa, Amerikas "König der Märsche", der selbst auch Marineinfanterist war. Dessen Gassenhauer "Stars and Stripes Forever" ist der offizielle US-Nationalmarsch, Fisher kann ihn auswendig auf der Querflöte spielen.

Doch bevor sich der Schwarze mit dem Engelsgesicht einer Flötistenkarriere widmet, wollte er erst noch mal eine andere Laufbahn testen - Elitesoldat, ein krisensicherer Job. Wie weit die Rezession zu seiner Entscheidung beigetragen habe? "50 Prozent, Sir", sagt er.

"Am schlimmsten war der Anfang", erinnert sich Fisher, der in seiner zwölften Woche ist. "Sie reißen dich aus deiner Kuschelecke. Nehmen dir alles Vertraute weg." Doch jetzt, rund drei Monate später, sei er "absolut bereit".

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SaT 08.11.2009
1. abziehen oder ewig weiterkämpfen
Wieso siegen? Da keine Kriegsziele existieren kann man im Grunde weder gewinnen oder verlieren sondern nur abziehen oder ewig weiterkämpfen. Vorschlag: wir erklären uns zum moralischen Sieger und ziehen mehr oder weniger geordnet ab. Dem korrupten Karzeiclan, Warlords und die Drogenbarone unserer Wahl geben wir halt soviel Waffen, dass die das Thema Taliban alleine in den Griff bekommen. Wir überlassen Afghanistan den Afghanen und kümmern uns endlich um unsere eigenen Probleme – davon gibt es genug.
Ökopit 08.11.2009
2. Westlich und Islam ...
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
... schließt sich naturgegeben aus! Die beste Strategie in Afghanistan wäre ein kompletter (und sofortiger) Rückzug des Westens - nicht nur der Truppen, auch aller zivilen "Möchtegern-Helfer" und natürlich der Krämerseelen! Nur, das geht leider "geostrategisch" nicht, denn wer "die Passhöhen des Hindukusch" beherrscht, kann, wenn er will, ganz Asien beherrschen! Die Engländer haben das im 19. Jahrhundert nicht geschafft, die Sowjetunion ab 1980 auch nicht! Die Ami's und ihre Vasallen (leider gehört Deutschland dazu) versuchen das seit 2001! Ich gönn ihnen den Erfolg nicht!
ewspapst 08.11.2009
3. Nur Siegen?
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
Hier das Ausgangsthema. Ist der Krieg in Afghanistan noch zu gewinnen? Natürlich ist der Krieg zu gewinnen. Haben Sie sich als Forist hier nicht die vielen Militärexperten, Generalsdoppel, Humanisten und göttergleiche Juristen, ja selbst Philosophen, die alle ein ungemein umfassendes und unbedingt richtiges Wissen mitbringen, angeschaut. Ihr Spezialwissen übertrumpft alle, denn das haben sie uns oft genug gesagt. Und warum sollen wir ihnen nicht glauben? Ihre Erkenntnisse erfüllen uns täglich mit staunen, ob der vielen Darbietungen. Sie alle wissen viel besser als die afghanische Bevölkerung, unter welchen Bedingungen dort gelebt werden soll und muss und bringen uns Unwissende alles haarklein nahe. Es ist doch ganz klar, dass die westliche Intelligenz viel klarer definieren kann, was gut und böse ist und was einem Paschtunen natürlich nicht möglich ist. Wie Wahlen zu werten sind, können doch nur die politisch vorgebildeten Nato - Angehörigen. Die westliche Welt hat über lange Zeit nur nach Recht und Gesetz gehandelt, nur um der Menschlichkeit willen und ist deshalb in der Lage, dieses Wissen und Handeln an die dritte Welt weiterzugeben, die dann ebenso handeln soll, ganz besonders die Afghanen. Haben Sie diesen Worten geglaubt? Natürlich, denn sie werden uns doch täglich ohne Unterbrechung frei Haus geliefert. Dann werden "Sie " diesen Krieg auch gewinnen, "wir " Ungläubigen dagegen nicht. Übrigens, warum haben die Russen, die Inder, die Pakistani, die Engländer, wieder die Russen und dann auch die Amerikaner die Kämpfe nicht gewonnen? Die genannten EXPERTEN werden es Ihnen mit vielen Worten und rechtsphilosophischen Erläuterungen sagen.
mark anton, 08.11.2009
4. Ist die Haltung der D Feigheit vor dem Feinde?
oder wie wuerde man es bezeichnen koennen? Auch wenn der Ausgang in Afghanistan wegen der vielseitig unguenstigen und unueberbrueckbaren Problemen negativ ist, haette man als Verbuendeter seine Verpflichtungen nachkommen muessen. Was, wenn D einmal Verbuendete braucht - die Nato koennte dann auch sagen, wir erinnern uns an Kunduz und verhalten uns ebenso.
Stahlengel77, 08.11.2009
5.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660064,00.html Na prima. Das US-Militär operiert in dem von der Bundeswehr kontrollierten Bereich zusammen mit afghanischer Miliz. Wir können an fünf Fingern abzählen, was das für unsere Soldaten bedeutet: Weitere Destabilisierung, die Taliban werden mehr Zulauf bekommen und wie das bei den Paschtunen so ist, wird die Blutrache ausgerufen und dann wird nicht mehr unterschieden, welches Nationalitätenzeichen auf einer Uniform prangt. Es steht außer Zweifel, das wir mit vermehrten Anschlägen und Angriffen auf unsere Soldaten rechnen müssen nach der Offensive. Und wenn die von der Bundeswehr besetzte Region durch die US-Militärs so richtig aufgemischt wurde, wird eine Aufstockung des Mandats notwendig sein. Ob es dafür eine Mehrheit im Bundestag gibt, wenn auch endlich offiziell von einem Krieg gesprochen wird, ist fraglich. Am Ende werden unsere Soldaten in Afghanistan alleine gelassen, wenn sie das nicht schon sind. Wenn ich von Soldaten, die aus dem Einsatz kommen, hören muss, das sie sich ihre Ausrüstung immer noch selbst kaufen müssen, das sie unter schwierigsten Bedingungen mit unzureichendem Material ihren Aufgaben nachkommen müssen, das die Bevölkerung ihnen weitgehend feindlich gesonnen ist und sie quasi mitanschauen müssen, wie Warlords unbehelligt ihren Opiumanbau vorantreiben und damit enorme Gewinne erzielen (und dagegen nicht vorgegangen wird), da fragt man sich wirklich: Was haben wir dort überhaupt verloren? Die geplante Pipeline der Amerikaner schützen? Abortmücke am Hintern Chinas spielen? (Es ist längst bekannt, das die Taliban einen guten Teil ihrer Waffen aus China gesponsert bekommen) Noch heute bin ich der Meinung, das Struck, Fischer und Schröder juristisch zur Rechenschaft gezogen gehören, da sie deutsche Soldaten in einen Angriffskrieg der USA geschickt haben. In tausenden von Jahren hat niemand es geschafft, diese Region dauerhaft zu besetzen. Nur Wahnsinnige glauben, man könnte dort einen Krieg gewinnen.
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