Wettskandal in Italien Monti schlägt jahrelange Profifußball-Pause vor

Italien ohne Fußball? Wenn es nach Mario Monti geht, könnte das bald Realität sein. Als Reaktion auf den Wettskandal solle die Profiliga ein paar Jahre aussetzen, schlug der Premier vor - und sorgt für noch mehr Aufregung im krisengeplagten italienischen Fußball.
Italiens Premier Monti: "Würde uns eine Pause vom Profifußball nicht guttun?"

Italiens Premier Monti: "Würde uns eine Pause vom Profifußball nicht guttun?"

Foto: Julien Warnand/ dpa

Rom - Kurz vor der Europameisterschaft rutscht Italiens Fußball immer tiefer in die Krise. Erst gerieten selbst Nationalspieler ins Visier der Ermittler im Betrugsskandal - und nun hat sich der Ministerpräsident in den Wettskandal eingeschaltet, mit einem eher ungewöhnlichen Vorschlag.

Es sei zutiefst enttäuschend, wenn sich der Sport als unfair und manipuliert erweise, sagte Mario Monti am Dienstag in Rom, und fragte dann: "Würde es den Italienern nicht guttun, wenn wir dieses Spiel für zwei bis drei Jahre komplett stoppen würden?" Ihn stimme es besonders traurig, wenn sich eine als Hort höchster Werte gepriesene Welt als Ort der Mauscheleien und der Demagogie erweise, sagte Monti. Auch wenn der Premier betonte, dass seine Idee einer Zwangspause im Profifußball kein offizieller Vorschlag der Regierung sei, sorgte sein Gedankenspiel für noch mehr Wirbel im "Calcio Italiano".

Der Präsident des italienischen Fußballverbands (FIGC), Giancarlo Abete, sagte zu den Gedankenspielen des Regierungschefs: "Ich verstehe und teile seine Verbitterung, aber ein Stopp würde den gesamten Fußball demütigen, die Mehrheit der ehrlich Arbeitenden bestrafen und tausende Jobs kosten." Dies könne keine Lösung sein. Der Club-Präsident des FC Palermo, Maurizio Zamparini, bezeichnete Montis Äußerung gar als "Blödsinn" und schimpfte: "Monti beweist damit seine Ahnungslosigkeit. Schließlich zahlen die Profi-Fußballclubs 800 Millionen Euro Steuern pro Jahr."

Fußball und Politik sind in Italien eng verstrickt - unter anderem ist Montis Vorgänger als Premier, der skandalumwitterte Unternehmer Silvio Berlusconi, seit langem Präsident des Spitzenvereins AC Mailand.

"Was für ein Chaos bei der Nationalelf"

Wenige Tage vor der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine steckt Italiens Fußball vielleicht tiefer in der Krise denn je. "So einen Sturm gab es noch nie. Was für ein Chaos bei der Nationalelf", titelte der "Corriere dello Sport" am Dienstag. "Ein Alptraum", meinte die "Gazzetta dello Sport".

Derzeit sind der Trainer von Juventus Turin, Antonio Conte, und Lazio-Rom-Kapitän Stefano Mauri im Visier der Ermittler. Mauri wurde am Montag festgenommen. Andere Fahnder durchsuchten das Trainingslager der Nationalelf, wo Verteidiger Domenico Criscito im Verdacht der Schiebung steht. Der Verband strich Criscito deshalb aus dem EM-Kader. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe.

Der Mittelfeldregisseur Daniele De Rossi fürchtet dennoch schon jetzt die Ausmaße des Wettskandals. "Das ist schlimmer als 2006", sagte der Mittelfeldspieler. Vor der WM 2006 waren nur Funktionäre in den Liga-Manipulationsskandal verstrickt. "Diesmal sind es Freunde und Teamkollegen der Nationalelf", klagte De Rossi.

Nationaltrainer Cesare Prandelli versprach Medien und Fans am Nachmittag im Fernsehen: "Wir wollen aufräumen!" Doch obwohl nach italienischen Medienberichten auch gegen Verteidiger Leonardo Bonucci wegen des Verdachts von Spielmanipulationen ermittelt wird, berief der Coach der geschockten Squadra Azzurra den Spieler von Juventus Turin in sein EM-Aufgebot.

"Bonucci hat keinerlei Bescheid von der Staatsanwaltschaft erhalten. Deshalb kommt er mit uns zur EM", erklärte Prandelli am Dienstagnachmittag im italienischen Fernsehen.

Seit dem Sommer vergangenen Jahres wurden in Italien bereits weit mehr als 30 Personen im Rahmen des Wettskandals festgenommen. Angestoßen hatten die Ermittlungen die Justizbehörden in Cremona. Der dortige Staatsanwalt Roberto Di Martino hatte im Dezember auch den ehemaligen italienischen Nationalspieler Cristiano Doni inhaftiert.

fab/dpa/Reuters