Gefängnisstrafe für Journalistin Abtreibungsurteil mobilisiert Marokkos Frauen

Eine marokkanische Journalistin soll ins Gefängnis, weil sie angeblich abgetrieben hat. Feministinnen mobilisieren nun gegen die strengen Sittengesetze des Landes und erleben einen Erweckungsmoment.

Proteste vom dem Gerichtssaal in Rabat: Marokkos "Wir haben abgetrieben"-Moment?
Youssef Boudlal/ REUTERS

Proteste vom dem Gerichtssaal in Rabat: Marokkos "Wir haben abgetrieben"-Moment?

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Triumphierend, die Hand zu einem "Victory"-Zeichen emporgereckt, verlässt Hajar Raissouni am Montag das Gericht, das sie soeben zu einem Jahr Haft verurteilt hat. Die 28-jährige Journalistin aus Marokko wurde angeklagt, weil sie abgetrieben haben soll. Das Bild ihrer Unverdrossenheits-Geste verbreitet sich rasant in den sozialen Netzwerken.

Der Fall bewegt Marokko nicht ohne Grund, viele Widersprüche und Konfliktlinien des nordafrikanischen Landes sind hier zusammengeführt: Raissouni ist eine der wenigen kritischen Journalistinnen des Landes. Sie ist Nichte und Cousine von drei prominenten Regimekritikern - zwei Islamisten und einem Linksliberalen. Sie wurde nach erzkonservativen Sittengesetzen angeklagt, einem Erbe der französischen Kolonialzeit, gegen das Marokkos Feministinnen und Menschenrechtler schon länger mobilisieren, nicht aber Marokkos Konservative. Trotzdem sind sich Marokkaner quer durchs ideologische Spektrum einig über die Strafe für Raissouni: ein Skandal.

"Das Urteil ist hart und ungerecht", sagt Souleymane Raissouni, ihr Onkel, Islamist und Chefredakteur der Zeitung "Akhbar al Yaoum" (Nachrichten des Tages), für die sie arbeitet.

Hajar Raissouni nach ihrem Gerichtstermin am Montag: Ein Victory-Zeichen geht viral
Abdelillah Bayoussef/ AP

Hajar Raissouni nach ihrem Gerichtstermin am Montag: Ein Victory-Zeichen geht viral

"Das Urteil belegt die Missachtung von Gesetzen und Freiheiten in Marokko", sagt Youssef Raissouni, ihr linksliberaler Cousin und Leiter einer der größten marokkanischen Menschenrechtsorganisationen (AMDH).

Noch nicht geäußert hat sich ihr Onkel Ahmed Raissouni, ein international bedeutender Islamgelehrter, der einst Chefideologe der gemäßigten Islamistenpartei Marokkos war, bis er wegen Kritik am marokkanischen König abtreten musste.

Trotz der gemeinsamen Empörung sind sich die politischen Lager uneinig darüber, warum das harte Urteil falsch ist. Die Konservativen sehen darin einen Missbrauch der Sittengesetze: Kritiker und ihre Familien sollen gedemütigt und mundtot gemacht werden. Die Linksliberalen hingegen betrachten die überkommenen Strafrechtsparagrafen grundsätzlich als Problem und wollen diese abschaffen.

Raissounis Schicksal könnte nun zu Marokkos "Wir haben abgetrieben"-Moment werden: Im Internet haben sich bereits Tausende Marokkanerinnen dazu bekannt, das Abtreibungsverbot gebrochen zu haben.

Sie nennen sich "Kollektiv 490", nach der Nummer jenes Paragrafen im Strafgesetz, der Abtreibungen verbietet. Zwei prominente Frauen hatten den Aufruf gestartet: die Schriftstellerin Leila Slimani, die auch französische Staatsbürgerin ist, sowie die Regisseurin Sonia Terrab.

Das Urteil mache sie traurig, wütend und besorgt, schreiben sie in einem auch auf Facebook veröffentlichten Statement: Traurig wegen "all der Frauen, die die verzweifelte Situation durchleben, abtreiben zu müssen und die an diesem Abend noch mehr Angst und Schmerz haben als zuvor", wütend angesichts der "Scheinheiligkeit", besorgt angesichts der Gefahr für Leib und Leben für Frauen, die heimlich abtreiben müssen.

Das Kollektiv will nun weiter mobilisieren, bis das Verbot von Abtreibungen und außerehelicher Beziehungen für Frauen abgeschafft wird. Ob sie dabei allerdings auf die Unterstützung Hajar Raissounis zählen können, muss sich erst noch zeigen. Die junge Journalistin hat sich bisher nicht als Frauenrechtlerin hervorgetan.

Raissouni, die den gemäßigten Islamisten nahesteht, hat vor Gericht vehement bestritten, jemals abgetrieben zu haben. Daher halten auch viele marokkanische Konservative zu ihr. Die Verteidigung präsentierte vor Gericht Blutwerte, die belegen sollten, dass Raissouni gar nicht schwanger gewesen sei. Stattdessen sei sie wegen eines Blutgerinnsels zum Gynäkologen gegangen. Der Arzt wurde wegen der angeblichen Abtreibung zu zwei Jahren Haft verurteilt, Raissounis Verlobter wegen angeblicher Mitwisserschaft zu einem Jahr, genau wie seine Zukünftige. Die Verteidigung will nun Berufung einlegen.

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insgesamt 14 Beiträge
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Brathering 04.10.2019
1. Das ist das Problem eines Abtreibungsverbot
Da jede Schwangere auch einen Abort erleiden kann, ist quasi fast jede Frau verdächtig und steht mit einem Bein im Gefängnis.
annie.one 04.10.2019
2. @brathering Das eigentliche Problem ist,
dass alte Männer glauben über den Körper von jungen Frauen bestimmen zu können.
faz-leser 04.10.2019
3. Erzkonservative Sittengesetze aus der französischen Kolonialzeit?
Die Autorin stellt klar, dass das Urteil auf einem Paragrafen aus dem marokkanischen Strafgesetzbuch basiert. Sie bezeichnet diese Regelung als erzkonservatives Sittengesetz und als Erbe aus der französischen Kolonialzeit. Bedeutet das, dass die Autorin auch die Abtreibungsparagrafen z. B. in Deutschland oder anderen europäischen Staaten genau so bezeichnen würde? Dann mag das ihre persönliche Meinung sein. Mit Berichterstattung hat dies dann allerdings nichts zu tun.
odenkirchener 04.10.2019
4. @faz-leser
Sicher, wenn wir denn ein solches Gesetz hätten, welches, vielleicht während Napoleon hier herrschte, von da stammt. Siehe diverse Klosterauflösungen und ähnliches. Es soll durchaus vorkommen, das sich Gesetze, auch bei wechselnden Herrschaftsverhältnissen, immer in neue Verfassungen mogeln.
cucaracho_enojado 04.10.2019
5. @3faz-leser: Berichterstattung.
"Die Autorin stellt klar, dass das Urteil auf einem Paragrafen aus dem marokkanischen Strafgesetzbuch basiert. Sie bezeichnet diese Regelung als erzkonservatives Sittengesetz und als Erbe aus der französischen Kolonialzeit. Bedeutet das, dass die Autorin auch die Abtreibungsparagrafen z. B. in Deutschland oder anderen europäischen Staaten genau so bezeichnen würde? Dann mag das ihre persönliche Meinung sein. Mit Berichterstattung hat dies dann allerdings nichts zu tun." - Erst unterstellen Sie der Autorin eine 'Meinung', die Sie nicht geäußert hat - sie hat lediglich Bericht erstattet, und das ohne Bezug zu anderen Ländern herzustellen - und weil Ihnen diese unterstellte 'Meinung'' nicht gefällt, schließen Sie daraus ... ? Aber bitte: Alleine das hochnotpeinliche Geschacher nur um das 'Werbeverbot' ist schon alles andere als liberal, modern, demokratisch, ... sondern lediglich erzkonservativ. :-D
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