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31. Oktober 2016, 14:49 Uhr

Landesweite Proteste

Tod eines Fischhändlers erzürnt Marokko

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Ein marokkanischer Fischhändler wird in einem Müllwagen zu Tode gequetscht. Das löst die größten Proteste im Land seit Jahren aus - sie richten sich gegen Willkür und Machtmissbrauch der Polizei.

Das Leben von Mouhcine Fikri endete in einem Müllwagen. Der Fischgroßhändler aus der Stadt Hoceima in Marokko hatte 500 Kilogramm Schwertfisch in seinem Besitz, eine Spezies, die zu dieser Jahreszeit nicht gefangen werden darf. Polizisten hatten die Ware im Wert von umgerechnet rund 10.000 Euro daraufhin konfisziert und in einen Müllwagen geworfen.

Auf einem unscharfen Video ist zu erahnen, was dann am vergangenen Freitagabend passiert: Drei Männer springen in den Laderaum des Lastwagens. Als sich die Müllpresse in Bewegung setzt, springen zwei von ihnen ab. Mouhcine Fikri bleibt gefangen und wird zu Tode gequetscht.

Die Behörden sprechen von einem bedauerlichen Unfall, doch Augenzeugen wollen gehört haben, wie ein Polizist den Fahrer des Lastwagens anwies, die Müllpresse zu starten. Die Polizei bestreitet das.

"Märtyrer, ruhe in Frieden, wir kämpfen weiter"

Der Tod des 31-Jährigen hat in Marokko die größten Proteste seit fünf Jahren ausgelöst. Schon am Freitagabend gingen Hunderte Menschen in Hoceima auf die Straße. In den Sozialen Netzwerken verbreitete sich das Video von Fikris Tod, Aktivisten riefen zu landesweiten Kundgebungen auf. Der Trauerzug in Hoceima wurde zu einem Protestzug gegen die Regierung. Als Hashtag wählten die Initiatoren den Ausspruch: "Zerquetsch seine Mutter" - diesen Satz soll der Polizist am Freitagabend dem Fahrer des Müllwagens zugerufen haben.

Am Sonntagabend erfassten die Proteste die großen Städte des Landes: Rabat, Casablanca, Fès und Tanger. Zehntausende Marokkaner demonstrieren gegen Machtmissbrauch und die Willkür der Polizei. Diese Ungerechtigkeit der staatlichen Institutionen und das daraus resultierende Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber arroganten Uniformierten und Beamten werden in Marokko als "Hogra" bezeichnet.

Erinnerungen an Tunesien 2010

Die Demonstranten stilisieren Fikri zu einem Helden, der Opfer der "Hogra" geworden ist. "Märtyrer, ruhe in Frieden, wir kämpfen weiter", riefen Kundgebungsteilnehmer am Wochenende. Ein anderer Slogan lautete "Mouhcine wurde ermordet, der Makhzen ist schuld". Makhzen ist der arabische Name für den Herrscherhof in Rabat.

Die marokkanische Opposition vergleicht denn Fall des getöteten Fischhändlers bereits mit dem Tode des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Der junge Mann hatte sich im Dezember 2010 in seiner Heimatstadt Sidi Bouzid selbst angezündet, um gegen Polizisten zu protestieren, die seine Ware konfisziert hatten. Der öffentliche Suizid löste eine nationale Protestbewegung aus, die zum Sturz des tunesischen Diktators Zine el-Abidine Ben Ali führte und gilt als Ausgangspunkt des sogenannten Arabischen Frühlings.

Anfang 2011 gingen auch in Marokko Tausende Bürger für Reformen auf die Straße. Die "Bewegung 20. Februar" verlor jedoch rasch an Schwung - auch weil König Mohammed VI. eine Verfassungsreform anstieß, die dem Premierminister und dem Parlament mehr Macht verlieh und die Berbersprache Tamazight als offizielle Sprache anerkannte.

Schmiergeld gehört zum Alltag

Auch diesmal versucht der Monarch, schnell zu reagieren. Er wies Innenminister Mohammed Hassad an, der Familie des Toten einen Kondolenzbesuch abzustatten. Außerdem solle das Innenministerium die Todesumstände lückenlos aufklären.

Doch dass sich die Demonstranten so besänftigen lassen, scheint fraglich. Denn an den grundlegenden Problemen des Landes - hohe Jugendarbeitslosigkeit, alltägliche Korruption, staatliche Willkür - hat sich in den vergangenen fünf Jahren wenig geändert. Nach offiziellen Angaben ist jeder Vierte unter 25 ohne Job, in den Städten liegt die Jugendarbeitslosenquote sogar bei 38 Prozent. Tatsächlich dürfte die Quote noch höher liegen. In einer Umfrage von Transparency Maroc gab jeder zweite Befragte an, er habe im Jahr 2015 Schmiergeld an Polizisten, Beamte oder Richter zahlen müssen.

Bislang verlaufen die Proteste friedlich, die Polizei sichert staatliche Gebäude, hält sich sonst aber weitgehend im Hintergrund. Die kommenden Tage werden zeigen, ob es dabei bleibt.

Auch die deutsche Politik wird die Entwicklungen genau im Blick haben: Der Bundestag hat beschlossen, Marokko ebenso wie Algerien und Tunesien als sicheres Herkunftsland für Asylbewerber einzustufen. Die Zustimmung des Bundesrats steht noch aus. Die Große Koalition braucht in der Länderkammer die Unterstützung der Grünen - doch die haben sich bislang noch nicht auf einen Kompromiss eingelassen.


Zusammengefasst: In Marokko ist der Fischhändler Mouhcine Fikri in einem Müllwagen ums Leben gekommen. Die Umstände seines Todes sind unklar. Der Fall hat landesweite Proteste ausgelöst, die größten Demonstrationen seit fünf Jahren. Der Zorn richtet sich gegen Machtmissbrauch, Korruption und die Willkür der Polizei. Die weitere Entwicklung ist auch für Deutschland interessant, weil Marokko nach dem Willen der Bundesregierung zum sicheren Herkunftsland für Asylbewerber erklärt werden soll.

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