Martialische Drohung Taliban-Chef Mehsud erklärt US-Städte zum Terrorziel

Die pakistanischen Taliban inszenieren sich mit aller Macht als international agierende Terrorgruppe: Erst reklamierten sie die New Yorker Autobombe für sich. Dann erklärte ihr Chef US-Städte zum Hauptziel künftiger Anschläge. Was ist dran an den Drohungen?

Vollmundige Drohungen: Hakimullah Mehsud will US-Städte ins Visier nehmen
AFP / SITE

Vollmundige Drohungen: Hakimullah Mehsud will US-Städte ins Visier nehmen

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es gibt wenig Grund, Terrorgruppen beim Wort zu nehmen. Sie übertreiben. Sie verbreiten gezielte Desinformation. Sie versuchen, durch vollmundige Ankündigungen Angst zu verbreiten.

Doch es gibt Sätze, bei denen Sicherheitsbehörden und Analysten nicht weghören können, wenn sie fallen. Denn sollten sie einen wahren Kern enthalten, müssten die Nachrichtendienste und Polizeien umdenken, um sich der Bedrohung anzupassen.

Ein solcher Satz lautet: "Von nun an sind die Hauptziele unserer Kämpfer amerikanische Städte." Er stammt aus einer am Montag veröffentlichten Tonbotschaft von Hakimullah Mehsud, dem lange totgeglaubten Anführer der pakistanischen Taliban.

Ein zweiter Satz dieser Art kommt ebenfalls von Mehsud: "Die Zeit, da unsere Kämpfer in den größeren US-Städten zuschlagen, rückt näher; unsere Kämpfer haben Amerika penetriert, und wir werden sehr schmerzhafte Schläge austeilen... präzise und zerstörerische Anschläge in Amerika." Dieses Zitat findet sich in einem Videoband von Mehsud, das am Montag nur Stunden zuvor veröffentlicht wurde.

Schon am Tag zuvor hatten sich die pakistanischen Taliban selbst bezichtigt, die Autobombe am New Yorker Times Square gebaut zu haben, die am Samstagabend New Yorker Ortszeit rechtzeitig vor einer Explosion entdeckt worden war.

Wenn eine bisher nur regional aktive Terrorgruppe wie die pakistanischen Taliban erklärt, ihre erste Priorität sei ab sofort Anschläge am anderen Ende der Welt, liegt die Vermutung nahe, dass Propaganda eine Rolle spielt. Andererseits steht Mehsud nun bei seinen Kämpfern und Anhängern im Wort. SPIEGEL ONLINE analysiert die Drohungen der pakistanischen Taliban.

Wer sind die pakistanischen Taliban?

Die pakistanischen Taliban sind eine von den afghanischen Taliban unabhängige Bewegung, haben ihren Ursprung aber wie jene ebenfalls in radikalen Koranschulen. Im Dezember 2007 schlossen sich verschiedene Gruppierungen unter dem Label Tehrik-i-Taliban Pakistan, also Taliban-Bewegung Pakistan, kurz TTP, zusammen. Ihre Hauptziele waren damals die Einführung ihrer Interpretation der Scharia in Pakistan; die Bekämpfung der Nato von Pakistan aus; die Bekämpfung des Einflusses der USA in Pakistans Innenpolitik; und der Kampf gegen das vermeintlich unislamische Regime in Islamabad. Seitdem hat die TTP ungezählte Terroranschläge in Pakistan durchführen lassen, oftmals mit Hilfe von Selbstmordattentätern, und Hunderte Zivilisten getötet.

Wer ist Hakimullah Mehsud?

Hakimullah Mehsud, geboren um 1980, ist der derzeitige TTP-Chef. Er übernahm das Kommando im August 2009, nachdem der damalige Chef Baitullah Mehsud, ein weitläufiger Verwandter, durch eine US-Drohne getötet worden war. Hakimullah besitzt keine einschlägige religiöse Ausbildung, er brach die Schule nach eigenen Angaben ab, um sich Ende 2001 dem Kampf gegen die Nato-Truppen in Afghanistan anzuschließen. Er gilt als erfahrener Kämpfer und Stratege - und als äußerst brutal. Er ließ mehrere pakistanische Soldaten enthaupten, war vermutlich bei etlichen Anschlägen in Pakistan der Drahtzieher und gilt als verantwortlich für einen spektakulären Überfall auf einen Nachschubkonvoi der Nato auf dem Weg nach Afghanistan. Anfang 2010 wurde berichtet, auch Hakimullah sei durch eine Drohne getötet worden; doch die TTP dementierte dies stets. Nun, spätestens seit den beiden Botschaften vom Montag, die er selbst auf April datiert und in denen er Medienberichte vom Februar aufgreift, gilt er als lebendig.

Wie schlagkräftig ist die Organisation?

Zum Zeitpunkt ihrer Gründung rechneten Analysten der TTP bis zu 5000 Kämpfer zu; genauere oder aktuellere Zahlen gibt es nicht. Aber in den Stammesgebieten Pakistans an der Grenze zu Afghanistan sind die pakistanischen Taliban eine wichtige Kraft. Sie verfügen mutmaßlich über regelrechte Ausbildungsstätten für Selbstmordattentäter. Der Leiter dieser Abteilung soll Hakimullahs Cousin Qari Hussain Mehsud sein. Er reklamierte per Video den New Yorker Anschlagsversuch für seine Gruppe. Wie viele der Kader in der Lage wären, eine Operation im westlichen Ausland zu planen und durchzuführen, weiß niemand.

Warum die USA als Ziel?

Die TTP ist eine antiamerikanische Organisation. Aber das war bisher nicht ihre erste Priorität. Die Propaganda gegen die pakistanische Regierung beispielsweise spielte stets eine größere Rolle. Allerdings lässt sich der mögliche strategische Schwenk aus Sicht der TTP gut erklären. Die Drohnen der CIA zum Beispiel, die etliche Führer der TTP und befreundeter Gruppen getötet haben, sind eine ernsthafte Bedrohung. Die TTP klagt zudem über durch Drohnen getötete Zivilisten. Außerdem ist der US-Einfluss auf die Regierung in Islamabad heute noch deutlicher zu spüren als früher. Schließlich hat auch schon Baitullah Mehsud gelegentlich über Anschläge seiner Gruppe in den USA schwadroniert.

Wie glaubwürdig sind die Drohungen?

Die beiden Botschaften von Hekimullah Mehsud vom Montag können als authentisch gelten. Sie stammen von der offiziellen Medienabteilung der TTP. Die Stimme und die gezeigten Bilder weisen keine frappierenden Brüche zu früheren Botschaften Mehsuds auf. Ob sie inhaltlich glaubwürdig sind, ist eine andere Frage. Es ist ein großer Schritt für eine regionale Gruppe, sich auf einen Schlag als internationale Terrororganisation zu inszenieren. Die TTP hat keine Erfahrung mit Anschlägen im westlichen Ausland; es ist unwahrscheinlich, dass sie dafür ausgebildete Kader in ihren Reihen hat, die sie unbeobachtet in die USA bringen kann. Es ist aber denkbar, dass Sympathisanten in den USA der TTP ihre Dienste angeboten haben und die TTP sich nun auf diese verlässt. Die Behauptung Hakimullahs, die TTP habe Amerika bereits "penetriert", ist nicht zu überprüfen. In den USA mehrere Anschläge in mehreren Städten in kurzer Zeitspanne durchzuführen, ist aber bisher noch keiner Terrorgruppe gelungen.

Wie glaubwürdig ist das Bekenntnis zur New Yorker Autobombe?

Im Spiegel der Verlautbarungen Hakimullah Mehsuds vom Montag gewinnt die Selbstbezichtigung durch Qari Hussain Mehsud am Sonntag an Gewicht; ob sie stimmt, ist damit aber noch nicht bewiesen. Seine Erklärung enthielt so gut wie kein Täterwissen. Es ist nach wie vor denkbar, dass die TTP mit der Bombe vom Times Square nichts zu tun hatte.

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Seite 1
quone, 03.05.2010
1. .
Zitat von sysopDie pakistanischen Taliban inszenieren sich mit aller Macht als international agierende Terrorgruppe: Erst reklamierten sie die New Yorker Autobombe für sich. Dann erklärte ihr Chef US-Städte zum Hauptziel künftiger Anschläge. Was ist dran an den Drohungen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,692672,00.html
Gar nichts - wie wir hier im Forum immer wieder lernen. Die Taliban sind Freiheitskämpfer, die es ohne den bösen Westen gar nicht gäbe und Islam heisst Frieden. Richtig so oder?
pulegon 03.05.2010
2. nichts
Zitat von sysopDie pakistanischen Taliban inszenieren sich mit aller Macht als international agierende Terrorgruppe: Erst reklamierten sie die New Yorker Autobombe für sich. Dann erklärte ihr Chef US-Städte zum Hauptziel künftiger Anschläge. Was ist dran an den Drohungen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,692672,00.html
Wer es seit knapp 9 Jahren trotz frei verkäuflichen Bombenzutaten im Supermarkt und den Anleitungen im Internet nicht gebacken bekommen hat einen Anschlag auszuführen, vor dem muss man sich auch jetzt nicht fürchten. Ach ich vergaß... erstmal muss natürlich ein islamischer Terrorist ins Land einreisen. Wäre er Amerikaner, wärs ja kein Terroranschlag.
rkinfo 03.05.2010
3. Auch wir sind gefährdet ...
Zitat von sysopDie pakistanischen Taliban inszenieren sich mit aller Macht als international agierende Terrorgruppe: Erst reklamierten sie die New Yorker Autobombe für sich. Dann erklärte ihr Chef US-Städte zum Hauptziel künftiger Anschläge. Was ist dran an den Drohungen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,692672,00.html
Das folgt der grausamen Logik die 2000 mit Selbstmordanschlägen in Israel begann. Man hat wenig Chancen dagegen - außer der Hoffnung auf weiter amateurhafte Bomben der Taliban. Wobei jene in den USA es schwer haben an auffällig bombenfähiges Material zu kommen ohne früh aufzufallen. In Nahost war und ist einfach zuviel an Munition und Sprengstoff auf zig Kanälen im Umlauf was in den USA so nicht möglich ist. Ob USA, ob EU (s. Mohammed-Karikaturen), der Ungeist des 9/11 ist längst nicht zu Ende. Die Taliban und der ganze andere Burka-Islamismus Krempel ist immer noch weltweit vielfach präsent. Zahlenmäßig sollte man aber das Anschlagspotential nicht überbewerten selbst es einzelne tragische Vorfälle weltweit wohl geben wird. Terrorismus ist immer wieder aktiv ... s. München 1972.
nomadas 03.05.2010
4. Nix Neues
Der islamistische Terror wird bleiben, ja wachsen, weltweit. Die USA sind und bleiben das Böse. Die westlichen Partner der USA bleiben ebenfalls im Visier. Wo auf der Welt man den verhassten "Teufel" trifft, ist völlig offen. Sicher will man auch seine Aktionen großkotzig placieren, genau wie die Amis auch. Spektakuläres ist heute mehr denn je gefragt, das wissen auch die Taliban&friends. Die Un-verhältnismäßigkeit der Mittel ist es ja gerade, die so baff macht. Die Supermacht bekommt es nicht geregelt, tja, das gefällt. Allein schon das Versetzen in Angst&Schrecken, ab und zu eine mißglückte Tat, immer die Option haben, die Paranoia nähren, das ist schon geil an sich. Und dann muss man logischereise auch mal einen echten Coup landen, sonst ist es vorbei mit der Glaubwürdigkeit, sonst wird man zum Papiertiger. Also können wir recht sicher sein, dass es bald krachen wird, in USA oder anderswo. Denn der Flieger nach Detroit war nix, der Time Square war nix...nein, nein, bald muss es jetzt mal wieder richtig heiss werden. Daher ist die Drohung ernst. Auch Obama macht da keinen "change", von wegen "yes, we can". Alles bleibt wie es war, weiter so, heisst die Devise.
redford-fan 03.05.2010
5. "Ungeist des 9/11" - aus der rechten Ecke
Zitat von rkinfoDas folgt der grausamen Logik die 2000 mit Selbstmordanschlägen in Israel begann. Man hat wenig Chancen dagegen - außer der Hoffnung auf weiter amateurhafte Bomben der Taliban. Wobei jene in den USA es schwer haben an auffällig bombenfähiges Material zu kommen ohne früh aufzufallen. In Nahost war und ist einfach zuviel an Munition und Sprengstoff auf zig Kanälen im Umlauf was in den USA so nicht möglich ist. Ob USA, ob EU (s. Mohammed-Karikaturen), der Ungeist des 9/11 ist längst nicht zu Ende. Die Taliban und der ganze andere Burka-Islamismus Krempel ist immer noch weltweit vielfach präsent. Zahlenmäßig sollte man aber das Anschlagspotential nicht überbewerten selbst es einzelne tragische Vorfälle weltweit wohl geben wird. Terrorismus ist immer wieder aktiv ... s. München 1972.
Ja der "Ungeist des 9/11": zum Beispiel die Tatsache, daß Vizepräsident Dick Cheney an diesem Tag des September 2001 das Kommando über die Luftabwehrzentrale NORAD hatte und dafür sorgte, daß die Terrormaschinen nicht von Abfangjägern behindert wurden - derselbe Cheney, der 1989 den Überfall auf Panama leitete sowie den ersten US-Krieg gegen den Irak. Der "Ungeist des 9/11", der schon 1995 Mitglieder schwer bewaffneter rechtsradikaler Bürgerwehren zum Oklahoma-Attentat motivierte. Und die von Geheimdienst-Handlangern durchsetzte Terror-Sauerland-Gruppe, die auch mit Selbstgebasteltem rumfummelte wie aktuell ein ebensolcher Handlanger in anderen Diensten am Times Square. Wenn man sieht, wem Drohungen nützen und wem welche "Sicherheits"-Politik anschließend schadet, dann kann man sich zusammenreimen, aus welcher Ecke die Terroraktivitäten kommen. Ein Großteil der Drohungen ist erfunden, inszeniert, nicht ernst zu nehmen und hochgespielt.
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