Deutscher IS-Kämpfer festgenommen Der Dschihadist aus Zeitz

US-Präsident Trump hat mehrere EU-Länder aufgefordert, ausgereiste IS-Kämpfer zurückzunehmen. Unter den möglichen Rückkehrern gibt es ranghohe Mitglieder der Terrormiliz - so wie Martin Lemke.

IS-Miliz in Syrien
REUTERS

IS-Miliz in Syrien


Die Geschichte von Martin Lemke hat viele Überschriften: "Aus Zeitz zum Kalifat", "Vom Schweißer zum Extremist", "Vom Fußballer zum Folterer". Über kaum einen Deutschen, der sich in den vergangenen Jahren der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien anschloss, ist derart viel bekannt und geschrieben worden, wie über den 28-jährigen Martin Lemke.

Und das hat mehrere Gründe: Der gelernte Schweißer aus Sachsen-Anhalt diente sich nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden weit nach oben in der IS-Hierarchie, galt als Führungsfigur. Laut einem Bericht der "Zeit" arbeitete er zwischenzeitlich in einem Gestapo-ähnlichen Sicherheitsdienst des IS.

Er wird verdächtigt, gefoltert und womöglich gemordet zu haben. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen diverser Terrordelikte. Dem SPIEGEL liegen zahlreiche Dokumente der Sicherheitsbehörden über Lemke vor.

Ende Januar nahmen Soldaten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) einen Mann mit dem Namen Abu Yasir al-Almani nahe der irakischen Grenze fest. Die Terrormilz befindet sich in dem Land schon seit Längerem auf dem Rückzug, Tausende frühere Mitglieder des IS sitzen bereits in Lagern der syrischen Kurden fest.

So nun auch Abu Yasir al-Almani, der kein anderer als Martin Lemke ist. Jener Mann, der an Weihnachten 1990 in Sachsen-Anhalt zur Welt kam, sich als junger Erwachsener radikalisierte und 2014 in Richtung Syrien aufbrach, um Teil des islamistischen Terrors zu werden.

Lemke war nicht allein, als er von den Soldaten festgenommen wurde - begleitet wurde er von zwei deutschen Ehefrauen, Sabrina und Leonora. Letztere war erst 15 Jahre alt, als sie nach Syrien ausreiste, sich dem IS anschloss und ihn kurze Zeit später heiratete. Inzwischen hat sie zwei Kinder von ihm.

Leonora
AFP

Leonora

Der Umgang mit mutmaßlichen IS-Kämpfern wie Lemke hat sich seit dem Wochenende zu einem der derzeit umstrittensten Themen in Deutschland entwickelt.

Angestoßen hat sie US-Präsident Donald Trump, der von europäischen Ländern forderte, IS-Kämpfer aus Syrien oder Irak zurückzunehmen. Bisher ist sich die Bundesregierung uneins, wie sie mit den deutschen Terrorhelfern umgehen soll und welche Gefahren eine Rücknahme bergen würde.

Video: Strafrechtler Martin Heger - "Wir können sie nicht einfach zurücknehmen"

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Die inzwischen 19-jährige Leonora, Lemkes zweite Frau, stellte nach ihrer Festnahme die Ausreise nach Syrien als Fehler dar: "Ich war ein wenig naiv. Ich war gerade erst zwei Monate zum Islam konvertiert". Beide Frauen beteuerten, dass ihr Ehemann für die IS-Miliz nur als Techniker tätig gewesen sei und Computer und Handys repariert habe. Eine Darstellung, die Fragen aufwirft.

Doch wie konnte sich der unauffällige Mann überhaupt derart verändern?

Spätestens seit 2011 begann die Wandlung Lemkes, sein Interesse für die islamistische Welt wuchs zusehends. Über verschiedene Wege kommt er mit dem Koran in Verbindung, ist fasziniert, beschäftigt sich intensiv mit der Glaubensschrift. Erst sind es nur kleine Anzeichen einer Veränderung. Erst isst er nach dem Fußball keine Bratwurst mehr, schreibt die "Zeit" in einer Rekonstruktion . Dann fordert er plötzlich einen Gebetsraum für Muslime in der Stadt.

Verdächtige Facebook-Posts

Ende 2012 schreibt er bereits auf Facebook: "Muslime werden siegen, denn die Kuffar (Ungläubige) lieben ihr Leben…. Wir schauen in den Lauf der Waffe und sehen das Paradies." Die Sicherheitsbehörden haben Posts wie diese minutiös dokumentiert.

Sie belegen auch ein wachsendes Engagement in der Leipziger Al-Rahman-Moschee in Leipzig. In der Stadt hatte er ab Anfang 2013 bis zu seiner Ausreise nach Syrien seinen Hauptwohnsitz. Der Verfassungsschutz beobachtete eine zunehmende Radikalisierung und stellte Verbindungen zu Personen mit dschihadistischem Hintergrund fest.

Auch mit dem Hassprediger Abu Walaa, der seit einiger Zeit vor Gericht steht, ist er zwischenzeitlich in Kontakt, erhält von ihm offenbar einen Reisekostenzuschuss. Im Herbst 2014 reist Lemke mit seiner Frau Sabrina, die ebenfalls konvertiert ist, und dem Sohn nach Syrien aus. Später soll er neben der damals 15-Jährigen Leonora noch eine weitere Frau geheiratet haben, wie aus mehreren Berichten hervorgeht.

Eine Verwandte kann die Wandlung des eher unauffälligen Jungen zum mutmaßlich äußert einflussreichen IS-Mann bis heute nicht nachvollziehen. Sie erinnert sich in der "Mitteldeutschen Zeitung" an eine glückliche Zeit, Auftritte bei einer "Mini Playback Show", aber auch Phasen, in denen er angeblich herumgeschubst und gemobbt wurde. Das habe etwas mit ihm gemacht, sagte sie dem Blatt.

Von Lemke wird angenommen, dass er sich bis zu seiner Festnahme in den kleiner werdenden IS-Rückzugsorten aufhielt, berichtet die "Zeit".

mho



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im_ernst_56 20.02.2019
1. Deutsche Konvertiten
zum Islam scheinen einen gefährlichen Hang zur Radikalisierung zu haben. Sie haben wahrscheinlich das Gefühl, zweihundertfünfzigprozentige Muslime sein müssen. Die Männer ziehen für Allah in den "Heiligen Krieg" und die Frauen tragen Niqab. Darunter scheint es nicht zu gehen. Hat das irgendwas mit der deutschen Eigenart zu tun, aber immer alles zweihundertfünfzigprozentig machen zu wollen zu tun? Was sich hier unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit abspielt finde ich ziemlich beängstigend.
Oriana 20.02.2019
2. Es ist mir unbegreiflich,
wie versucht wird, die Taten dieser Verbrecher zu bagatellisieren. Er ist, wie andere auch, ein Mörder und Kriegsverbrecher und sollte entsprechend vor Gericht gestellt werden. Wenn möglich, in Syrien. Auch seine Frauen waren über Jahre hinweg Mitglieder einer Terrororganisation und sollten auch dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
fralau 20.02.2019
3. Kein Recht auf Umtausch...
Wir alle machen Fehler - aber nicht jeder wird dabei Teil einer radikalen, menschenverachtenden Gruppierung die raubt, vergewaltigt und tötet. Solange der IS erfolgreich war, waren sie alle stolzer Teil der Gruppe und jetzt - es läuft nicht mehr so gut - waren sie alle fehlgeleitet, zu jung um zu verstehen, Befehlsnotstand etc. Jeder muss meiner Meinung nach die Konsequenzen seines Handelns tragen. Manche machen sich Sorgen über die möglichen Extremisten die als Migranten zu uns kommen könnten und dann sollen wir ernsthaft solche Individuen wieder eingliedern (ob mit oder ohne rechtliche Konsequenzen) - für mich unverständlich.
elfaro 20.02.2019
4. Der deutsche Irrsinn, zweiter Akt
es würde mich überhaupt nicht überraschen , wenn Deutschland diese Terroristen mit grossem Aufwand und enormen Kosten zurück nach Deutschland holen würde, um sie dann in längjährigen Verfahren vor Gericht zu stellen- mit dem Risiko des Freispruchs wg. mangelnder Beweise. Information aus gut unterrichten Kreisen: pro Person ca. 10 Mio Euro Kosten. Ich könnte k....
Haarfoen 20.02.2019
5. Gute Nachricht!
Dir Kurden leisten wirklich gute Arbeit, Respekt. Um so wünschenswerter wäre es, wenn sich die deutsche Justiz jetzt auch aufschwingt, Lösungen zu erarbeiten - um deutsche Straftäter einer Strafe zuzuführen. Eine Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen und den sehr gut organisierten syrischen Flüchtlingsverbänden steht an, um die Schuldfrage zu klären. Der Aufwand mag abschrecken, aber ein Rechtsstaat kann (noch gilt die Unschuldsvermutung) ein mögliches Morden grundsätzlich nicht ignorieren. Zu den Äußerungen von Herrn Maas, man habe ja gar keinen Kontakt zu den Kurden, sei nochmals auf die ständige kurdische Vertretung der SDF / YPG in Wien hingewiesen. Die Vertretung hat einen Telefonanschluss.
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