Massaker an Zivilsten Irak unterstellt US-Soldaten vorsätzliche Tötung

Das Massaker in Haditha bringt die irakische Regierung gegen die USA auf. Washington habe starken Druck ausgeübt, um den Mord an Zivilisten nicht öffentlich werden zu lassen, sagte Iraks neuer Botschafter in den USA. Er beschuldigte die US-Truppe, seinen Cousin "absichtlich" getötet zu haben.


Washington - Anfang der Woche hatte US-Präsident George W. Bush den neuen Botschafter Samir al-Sumaidaie in einem kleinen Festakt im Weißen Haus willkommen geheißen. Bush betonte, er sei "zuversichtlich über die Zukunft der Freiheit im Irak". Der "Mut der Führung und die Entschlossenheit des irakischen Volkes", seien beeindruckend.

US-Soldaten in Haditha (April 2006): Bagdad erhebt schwere Vorwürfe gegen die Besatzungstruppen
AP

US-Soldaten in Haditha (April 2006): Bagdad erhebt schwere Vorwürfe gegen die Besatzungstruppen

Doch nur wenige Stunden nachdem er sein Beglaubigungsschreiben in  Empfang genommen hatte, erhob Sumaidaie im Nachrichtensender CNN schwere Vorwürfe gegen die amerikanischen Soldaten in seinem Land: So sei sein Cousin, ein 21-jähriger Student, im Juni vergangenen Jahres bei einer Hausdurchsuchung in der Stadt Haditha grundlos erschossen worden. Zudem gebe es viele Hinweise darauf, dass US-Soldaten auch andere wehrlose Zivilisten "absichtlich getötet haben", sagte der Diplomat.

Schon lange seien ihm auch Berichte über das Massaker an irakischen Zivilisten in Haditha am 19. November 2005 bekannt gewesen. Es habe allerdings "einen starken Druck unserer Freunde" gegeben, über diesen Vorfall nicht zu sprechen, sagte Sumaidaie. Er berichtete auch über den Tod von vier jungen Irakern, die unbewaffnet in einem Auto erschossen worden seien - dabei allerdings "ist es möglich gewesen", dass US-Soldaten sich bedroht gefühlt haben könnten.

Insgesamt seien die Übergriffe und Willkürakte nicht typisch, aber sie schadeten dem Ansehen und der ehrenwerten Mission der US-Truppen immens.

Bush erfuhr durch die Medien von Vorgängen

Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki erhob gestern im Zusammenhang mit dem Vorgängen in Haditha schwere Vorwürfe gegen die US-Truppen im Land. "Es ist nicht zu rechtfertigen, dass eine Familie getötet wird, weil jemand gegen Terroristen kämpft", sagte al-Maliki der britischen BBC. Die Getöteten von Haditha seien "Opfer eines falschen Einsatzes", sagte Maliki. Zugleich kündigte er eine Untersuchung der Vorfälle vom 19. November durch irakische Behörden an.

"Wir sind besorgt über die Zunahme an 'Fehlern'. Ich sage nicht, dass sie beabsichtigt sind. Aber sie sind besorgniserregend", sagte Maliki zudem in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir werden nicht nur Antworten zu Haditha haben wollen, sondern zu jedem Einsatz, in dem es aufgrund von Fehlern zu Tötungen kam. Die Verantwortlichen werden wir dingfest machen", fügte der Regierungschef hinzu.

Iraks neuen Botschafter Sumaidaie mit Bush: "US-Soldaten töteten meinen Cousin absichtlich"
AFP

Iraks neuen Botschafter Sumaidaie mit Bush: "US-Soldaten töteten meinen Cousin absichtlich"

Bereits am vergangenen Montag hatte der demokratische US-Abgeordnete John Murtha dem Verteidigungsministerium in Washington vorgeworfen, das mutmaßliche Massaker vertuschen zu wollen, und von "kaltblütigen" Morden gesprochen. In der amerikanischen Öffentlichkeit wird der Massenmord mittlerweile schon mit dem Massaker von My Lai verglichen, bei dem US-Soldaten 1968 in Vietnam mehr als 500 Zivilisten töteten - und danach die Aufklärung der Morde lange verhinderten. Das Pentagon hatte gestern erneut volle Aufklärung der Vorfälle von Haditha zugesichert. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, drohen mehreren US-Marineinfanteristen Anklagen wegen Mordes und Kriegsverbrechen.

Bush selbst will erst durch die Medien von den Vorgängen in Haditha erfahren haben. Der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Snow, erklärte gestern in Washington, ein Reporter des Magazins "Time" habe die ersten Hinweise gegeben. Ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, Frederick Jones, bestätigte, die Zeitschrift habe die US-Truppen in Bagdad am 10. Februar auf die Vorgänge in Haditha vom November aufmerksam gemacht. Nach ersten Ermittlungen sei der Präsident informiert worden.

"Time" hatte im März von den Vorwürfen gegen US-Soldaten berichtet. Das Marineinfanteriekorps hatte zunächst erklärt, die Iraker seien durch eine am Straßenrand versteckte Bombe und bei anschließenden Kämpfen mit Aufständischen ums Leben gekommen.

Dutzende gefesselte Leichen in Bagdad gefunden

In der irakischen Hauptstadt Bagdad sind binnen 24 Stunden die Leichen von 42 getöteten Menschen gefunden worden. Viele der Leichen seien gefesselt gewesen und wiesen Schusswunden und Spuren von Folter auf, sagten heute Polizeivertreter. Die meisten Leichen seien seit Dienstag im Osten Bagdads gefunden worden, zwölf von ihnen an einem Ort im Stadtteil Baladijat, acht im Bezirk Sadr.

Im Irak sind seit Beginn des Krieges zudem mittlerweile 71 Journalisten getötet worden - genauso viele wie während des Vietnam-Kriegs. Das New Yorker Komitee zum Schutz von Journalisten erklärte gestern, weitere 26 Opfer hätten als Dolmetscher, Fahrer und Assistenten für Medienvertreter gearbeitet.

CPJ-Exekutivdirektorin Ann Cooper sagte, der Tod ausländischer Journalisten errege meist die größte Aufmerksamkeit. Allerdings handele es sich bei drei Viertel der Opfer um irakische Medienvertreter. Sie gingen das größte Risiko ein, egal ob sie für örtliche oder internationale Medien arbeiteten.

Nach einem Anschlag auf ein schiitisches Heiligtum im Februar hat die Gewalt zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen im Irak stark zugenommen. Zudem verüben Rebellen fast täglich Anschläge, um die Regierung zu destabilisieren.

lan/dpa/AFP/AP/Reuters

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