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23. Juli 2011, 14:43 Uhr

Massaker bei Oslo

Überlebende schildern Hinrichtungsszenen auf Ferieninsel

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Bei seinen Todesschüssen auf der Insel Utøya ging der Täter offenbar extrem kaltblütig und systematisch vor. Laut Augenzeugen tötete der Mann am Boden liegende Personen mit gezielten Schüssen. Inzwischen fahndet die Polizei nach einem möglichen zweiten Täter. Eine Person wurde festgenommen.

Es sind dramatische Szenen, die die Überlebenden des Attentats auf das Ferienlager auf der norwegischen Insel Utøya schildern - und sie dokumentieren die Kaltblütigkeit, mit der der mutmaßliche Täter vorgegangen sein soll. Zeugen der Schießerei berichten der Nachrichtenagentur AP, der Mann habe am Boden liegende Personen mit gezielten Schüssen getötet.

"Manche Leute haben so getan, als wären sie tot", schildert ein 21-Jähriger. Dazu hätten sie sich zwischen die anderen leblosen Körper gelegt. Doch dann sei der Täter gekommen und habe ihnen in den Kopf geschossen. Dabei soll er ein Gewehr verwendet haben. "Ich habe viele Freunde verloren", so der junge Mann. Von den Behörden ist diese Darstellungen noch nicht bestätigt.

Bei dem Angriff auf das Zeltlager der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei AUF starben am späten Freitagnachmittag mindestens 85 Menschen, sieben weitere Personen kamen bei einem Bombenanschlag in der Hauptstadt Oslo ums Leben.

Ein weiterer Augenzeuge schilderte dem US-Sender CNN seinen Überlebenskampf während der dramatischen Minuten auf der kleinen Insel rund 40 Kilometer westlich von Oslo.

Auch er habe sich, zusammen mit zwei weiteren Personen, auf den Boden geworfen und so getan, als sei er tödlich getroffen. Um ihn herum hätten sich zahlreiche Leichen befunden. "Ich konnte die Schritte und den Atem des Mannes hören", so der Augenzeuge weiter. Warum der Täter ihn verschont habe, könne er nicht sagen.

Der sozialdemokratische Jugendfunktionär Adrian Pracon überlebte das Attentat verletzt. Er sagte, auf ihn habe der Täter ruhig und kontrolliert gewirkt. Er selbst sei von einer Kugel an der Schulter getroffen worden. Anschließend habe er sich in den See geflüchtet, als Anders Behring B. am Ufer auftauchte und erneut auf ihn zielte. "Ich flehte ihn an, und er verschonte mich."

Am Samstagabend gaben die Ermittler bekannt, dass das Massaker auf Utøya eineinhalb Stunden gedauert habe. Offenbar konnte die Polizei erst viele Minuten nach Beginn des Massakers alarmiert werden. Nach dem Alarm habe es dann noch mindestens 40 Minuten gedauert, bis eine Anti-Terror-Einheit von Oslo aus die Insel erreichte. Wie Polizeisprecher Sponheim mitteilte, hatte die Einheit mit "Schwierigkeiten bei der Beschaffung eines Bootes" zu kämpfen. Man müsse die näheren Umstände genauer untersuchen.

Eine 22-Jährige hatte sich mit Freunden hinter einem Felsen am Wasser versteckt. Über ihre Eindrücke berichtete sie der Online-Ausgabe der Zeitung "Dagbladet": "Ich hab ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich." Auch bei CNN berichtete ein Zeuge, der Mann habe mehrfach gerufen "Ich töte euch alle".

Der derzeitige Stand der Ermittlung legt nahe, dass der Mann seine Tat im Vorfeld minutiös geplant hat. So habe er sich kurz nach der Explosion in der Innenstadt von Oslo auf den Weg zur Insel gemacht. Ein Wachmann erzählt, der mutmaßliche Täter habe sich an Land als Polizist ausgegeben und eine schusssichere Weste sowie zwei Waffen getragen.

Er sei in einem silbergrauen Lieferwagen vorgefahren. "Der Mann stieg aus dem Auto aus und zeigte seinen Ausweis", zitiert die Tageszeitung "Verdens Gang" den Zeugen. Dann setzte der uniformierte Mann in einem Boot zur Insel über.

Dort seien die rund 600 Jugendlich gerade versammelt gewesen, um über die Detonation in der Hauptstadt informiert zu werden. Der Täter habe sich auch hier als Polizist ausgegeben und gebeten, mit der Gruppe sprechen zu dürfen. Dann seien die ersten Schüsse gefallen, so die übereinstimmenden Berichte von Zeugen.

Die Polizei war bisher von einem Einzeltäter ausgegangen, auch diese Darstellung könnte korrigiert werden müssen. Mittlerweile prüfen die Ermittler Informationen über einen möglichen zweiten Täter. Kripo-Sprecher Einar Aas sagte der Online-Ausgabe der Zeitung "Verdens Gang": "Wir haben mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen, wonach es einen zweiten Täter geben soll. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das aufzuklären. Aber wir suchen nach niemandem konkreten."

Jugendfunktionär Pracon sprach hingegen von einem Missverständnis. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa erklärte er, es habe Schüsse vom Seeufer gegeben. Diese seien aber auf den Attentäter abgegeben worden, um ihn zu stoppen.

Festnahme vor Hotel des Premiers

Am Samstagmittag wurde ein Mann in der Nähe eines Hotels festgenommen, in dem sich Norwegens Premierminister Jens Stoltenberg aufhielt. Er habe ein Messer bei sich gehabt - ob er mit dem Fall in Zusammenhang steht, ist aber noch unklar. Stoltenberg traf sich in der Nähe der Ferieninsel mit Überlebenden des Anschlags. "Wir werden alles in unserer Kraft stehende tun, soviel Unterstützung wie möglich zu bieten", sagte Stoltenberg während eines Besuchs in Sundvollen, das gegenüber der Insel auf dem Festland liegt.

Über die Motive des mutmaßlichen Täters wird noch immer gerätselt. Der 32-Jährige, den die Ermittler auf der Insel festnehmen konnten, zeigte sich in ersten Verhören zur Zusammenarbeit mit den Behörden bereit. "Er hat deutlich gemacht, dass er sich erklären will", sagte Polizeisprecher Roger Andersen. Am Samstagabend gab die Polizei bekannt, dass B. ein Teilgeständnis abgelegt habe - bezeichnete die Verhöre allerdings als "schwierig".

Der Tatverdächtige Anders Behring B. gilt als konservativ, christlich, nationalistisch. Zudem besitzt er einen Waffenschein für eine Glock-Pistole und ein automatisches Gewehr. Bislang lebte B. in einem unscheinbaren Backsteingebäude mit vier Stockwerken im Westen Oslos.

Täter soll große Mengen Kunstdünger gekauft haben

Zur Herkunft des Sprengsatzes, der das Osloer Regierungsviertel verwüstete, gibt es einen neuen Hinweis. Möglicherweise war ein Element der Bombe Kunstdünger. "Wir haben B. Anfang Mai sechs Tonnen Dünger verkauft, was eine ziemliche Standard-Bestellung darstellt", sagte die Sprecherin einer landwirtschaftlichen Kooperative, Oddny Estenstad, am Samstag.

Zur genauen Zusammensetzung des synthetisch hergestellten Düngers wollte sie keine Angaben machen. Seit 2009 betreibt B. rund 100 Kilometer nördlich von Olso einen landwirtschaftlichen Betrieb.

Nach den blutigen Vorfällen vom Freitag steht Norwegen noch immer unter Schock. In Oslo blieben viele Geschäfte geschlossen, im Regierungsviertel patrouillieren Soldaten und bewaffnete Polizei. Aus der ganzen Welt treffen Beileidsbekundungen ein. Inzwischen sind auch König Harald und Königin Sonja von Norwegen in die Nähe der Insel Utøya gereist. Das Königspaar will sich dort mit Überlebenden des Attentats treffen.

mit Material von AP und dpa

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