Massaker in Daraja Assads brutaler Häuserkampf um Damaskus

In einem Vorort von Damaskus sollen Assad-treue Milizen das bisher brutalste Massaker des Bürgerkriegs begangen haben. Explosionen erschüttern die Stadt. Die neue Offensive des Regimes in Syriens Hauptstadt hat begonnen. Gleichzeitig nimmt auch die Gewalt der Rebellen zu.

REUTERS

Es scheint ein Massaker mit Ansage gewesen zu sein. Seit vier Tagen wurde Daraja unter Beschuss genommen. Artilleriefeuer regnete auf den Vorort im Süden von Damaskus von zwei Seiten nieder, vom Militärflughafen in Mezze und von einem Stützpunkt der Elite-Divisionen der syrischen Armee. Immer wieder flogen Kampfflugzeuge Luftangriffe mit Raketen. Viele Bewohner fürchteten Razzien, wie sie in den vergangenen Tagen in anderen regimekritischen Vororten passierten. Doch zu fliehen schien unter dem ständigen Beschuss lebensgefährlich - und nahezu unmöglich. Sicherheitskräfte hatten den Vorort umstellt. Dazu trieben Bewohner aus Sahnaja, einem Assad-treuen Vorort bei Daraja, Familien zurück, die versuchten zu entkommen.

Was dann folgte, erzählen Bewohner von Daraja SPIEGEL ONLINE so: Am Freitagabend waren Assad-treue Soldaten und Milizen in einem Nachbarort stationiert, der als regimekritisch gilt. Sie gingen von Haus zu Haus und suchten offenbar nach Oppositionellen. Bewaffnete Rebellen sollen sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Daraja aufgehalten haben. Sie sollen sich bereits mit Beginn der Artillerie-Offensive ins Umland zurückgezogen haben.

Einer der blutigsten Vorfälle im syrischen Krieg

Am Samstag dann zogen die Assad-treuen Soldaten und Milizen wieder ab - und die überlebenden Bewohner von Daraja machten eine schreckliche Entdeckung: Vor einer Moschee lagen mehrere Dutzend getötete Menschen, deren sterbliche Überreste teils angekohlt waren. Offenbar hatten ihre Mörder versucht, die Toten zu verbrennen.

In der Moschee fanden sich die Leichen von rund hundert Männern. Immer wieder werden die muslimischen Gebetshäuser von syrischen Familien als eine Art Schutzraum aufgesucht. Es ist unklar, ob sich auch in Daraja die Männer mit ihren Familien dort versteckt hatten, bevor ihre Mörder sie dort fanden. Auch einige Frauen und Kinder seien getötet worden. Die Angaben lassen sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen.

Das Massaker in Daraja gilt als eines der blutigsten Episoden im syrischen Krieg. Nach konservativen Angaben sollen über 120 Menschen in Daraja getötet worden sein. Das syrische Oppositionsnetzwerk geht sogar von über 300 Getöteten aus. Doch hat es in der Vergangenheit bei ähnlichen Vorfällen früh von extrem hohen Opferzahlen berichtet, die es nach genauerer Prüfung nach unten korrigieren musste.

Assad will Rebellenhochburgen um Damaskus zerstören

Mit Daraja wird ein Vorort getroffen, der früh als Hochburg der Assad-Gegner galt. Bereits im Frühjahr 2011 hatten dort große, friedliche Demonstrationen gegen das Regime stattgefunden. In den vergangenen Monaten wurde der Vorort zu einer Hochburg der bewaffneten Rebellen, die von Daraja aus benachbarte Militärstützpunkte der Assad-Truppen angreifen und bei Gegenoffensiven der Assad-Truppen schnell ins umliegende Dickicht verschwinden können. Nun scheinen offenbar Zivilisten in Daraja grausam dafür bestraft worden sein, dass sie den Rebellen Schutz bieten. Es ist ein klares Warnsignal an die Bevölkerung anderer Rebellenhochburgen um die Hauptstadt.

Anders als im Norden Syriens operieren die Rebellen in Damaskus nach wie vor wie Guerrillakämpfer. So fügen sie dem Regime immer wieder empfindliche Nadelstiche zu, indem sie Militärstützpunkte beschießen oder einzelne Militär-Checkpoints angreifen und danach im Schutz der regimekritischen Stadtteile und Vororte untertauchen. Die Rebellen können angesichts ihres übermächtigen Gegners nicht an Gebieten festhalten - in Damaskus ist ein Großteil der Elite-Divisionen des Regimes stationiert. Die Assad-Truppen versuchen den Aufständischen nun ihren Operationsraum wegzunehmen, indem sie der Bevölkerung von regimefeindlichen Vororten klar macht, dass jegliche Rebellen-Präsenz für sie tödlich enden kann.

Neue Offensive des Regimes in der Hauptstadt

Seit Tagen befürchteten Aktivisten eine zweite Großkampagne des Regimes in der Hauptstadt. Die erste Offensive lief im Juli, dabei konnten sie einen von den Rebellen kontrollierten Stadtteil zurückerobern. Inzwischen scheint diese zweite Offensive in vollem Gange. Bewohner der Hauptstadt erzählten SPIEGEL ONLINE, seit Samstagabend seien die Hauptstraßen von Damaskus von Checkpoints der Assad-treuen Soldaten durchzogen. Seit Mitternacht sei immer wieder Artillerie zu hören. Auch am Sonntag seien weiterhin Schüsse und Explosionen zu hören. Sie hätten Angst, ihre Häuser zu verlassen.

Viele Familien in der Hauptstadt, die bisher von der schlimmsten Gewalt verschont blieben, wünschen sich inzwischen hauptsächlich eine Rückkehr zu Stabilität und Sicherheit. Zwar widert sie die Brutalität des Assad-Regimes an. Doch gleichzeitig schreckt sie auch die zunehmende Gewalt und Religiosität der Rebellen ab. Unter der brutalen Repression des Regimes nehmen grausame Übergriffe der Aufständischen auf alle zu, die sie als Verräter ansehen. Immer wieder werden Menschen entführt oder hingerichtet, weil Rebellen sie für Unterstützer Assads halten.

Ein Untersuchungsbericht der Uno kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass beide Seiten in dem Bürgerkrieg inzwischen Menschenrechtsverletzungen begehen. Angesichts der unterschiedlichen Kraftverhältnisse käme es jedoch zu deutlich mehr Kriegverbrechen, bei denen Assad-treue Soldaten und Milizen die Täter seien. Der Bericht sprach sogar von einer Regime-Politik der "systematischen" Angriffe auf Zivilisten.



insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
mhjduerr 26.08.2012
1. optional
Immerhin wird endlich mal etwas über die Verbrechen und Morde der sogenannten "Rebellen" berichtet! (Wenn auch nur ganz am Ende und in zwei kurzen Sätzen.)
falster 26.08.2012
2. Assad ermordet seine eigene Bevölkerung (noch ein Mal)
Merkwürdig dass die überlebenden Einwohner anscheinend nichts gegen die Syrische Armee haben, wo diese doch angeblich ein Massaker in ihrer Stadt verübt haben. Könnte es vielleicht sein dass die Rebellen (ketzerischer Gedanke) die Einwohner massakrierten und die Einwohner erleichtert sind, dass die Armee gekommen ist? http://www.youtube.com/watch?v=I66nCTrQMA4&feature=plcp
cabo_de_agua 26.08.2012
3. Kleiner Teil der wirklichen Gewalt
Was das mörderische Assad-Regime mit seinem Volk anrichtet wird in diesem Video nicht ansatzweise wahrheitsgemäß wiedergegeben...Die Gewalttaten dieses verbrecherischen Assad-Clans ist um Dimensionen schlimmer...Man kann sich das kaum vorstellen...Ein Freund von mir ist selbst Syrer und konnte vor einigen Monaten aus Hamaa fliehen...
LeonLanis 26.08.2012
4. Die Ungereimtheiten
Zitat von sysopREUTERSIn einem Vorort von Damaskus sollen Assad-treue Milizen das bisher brutalste Massaker des Bürgerkriegs begangen haben. Explosionen erschüttern die Stadt. Die neue Offensive des Regimes in Syriens Hauptstadt hat begonnen. Gleichzeitig nimmt auch die Gewalt der Rebellen zu. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852137,00.html
werden durch diese überarbeitete Fassung des Artikels nicht beseitigt. Die sog. Rebellen haben vor ihrem Rückzug aus Daraia grausame Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen. Diese Verbrechen sind hier https://www.youtube.com/watch?v=HlQ0ENn8xZI&feature=player_embedded dokumentiert. Die Bilder sprechen für sich. Sie zeigen, welche Situation die syrische Armee bei ihrem gestrigen Einzug in Daraia vorgefunden hat.
bayrischcreme 26.08.2012
5.
Da sich "die Angaben sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen lassen" und das ganze von parteiischer Quelle stammt (Aktivisten) sollte man nicht so berichten als ob es sich genau so ereignt hat.
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